sehepunkte 14 (2014), Nr. 2

Eleanor A. Congdon (ed.): Latin Expansion in the Medieval Western Mediterranean

Der Sammelband ist Teil einer von James Muldoon und Felipe Fernández-Armesto herausgegebenen Reihe, die sich mit der Expansion Lateineuropas zwischen dem Beginn des 11. und dem Ende des 15. Jahrhunderts und damit mit den mittelalterlichen Grundlagen des Aufstiegs Europas beschäftigt. Zweck der Reihe ist es, durch die Zusammenstellung wichtiger, sowohl älterer als auch neuerer Aufsätze namhafter Autoren zu den einzelnen Themenfeldern lateineuropäischer Expansion, einen in seiner Vielfalt detaillierten Überblick über diesen Forschungsbereich an sich zu bieten. Die Aufsätze sind dabei photomechanisch reproduziert und führen dabei sowohl ältere als auch neue Seitenzahlen. Das Konzept der Reihe wird in einem Vorwort dargestellt (ix-xii). Nach Bänden zum allgemeinen Phänomen lateinisch-christlicher Expansion (Bd. 1), der internen Kolonisation im mittelalterlichen Europa (Bd. 2) sowie seinen nordatlantischen, baltischen, zentraleuropäischen und östlich-mediterranen Expansionsgebieten (Bd. 3-6), beschäftigt sich der vorliegende Band 7 mit dem westlichen Mediterraneum. Er liefert damit die Grundlage für den Band zur atlantischen Expansion der Iberischen Halbinsel im Spätmittelalter (Bd. 8).

Außerhalb der französischen und spanisch-katalanischen Forschung steht die lateineuropäische Expansion in den westlichen Mittelmeerraum oft im Schatten der Kreuzzüge, der Reconquista und der späteren atlantischen Expansion, die für den 'Aufstieg Europas' und seine Auseinandersetzung mit der islamischen Welt als grundlegender betrachtet werden. Dies wird der Bedeutung des Forschungsgegenstandes aber nicht gerecht, werden doch gerade im westlichen Mittelmeerraum viele Weichen gestellt und viele Formen der transkulturellen Interaktion entwickelt, die für das wirtschaftliche und militärische Ausgreifen Europas in den Mittelmeerraum von zentraler Bedeutung sind.

Der Band an sich ist in insgesamt fünf Teile gegliedert, die in phänomenologisch-geographischer Ordnung wichtige Aspekte der lateineuropäischen Expansion im westlichen Mittelmeerraum abdecken.

Teil 1 unter dem Titel "The Rise of Pisa and Genoa" widmet sich dem Aufstieg der italienischen Stadtstaaten Pisa und Genua. Vier Aufsätze von H.E.J. Cowdrey (1977), Travis Bruce (2006), Hilmar C. Krueger (1933) und María Teresa Ferrer i Mallol (1980, engl. Übers. 2013) zeigen dabei, wie sich diese beiden Städte zu maritimen Regionalmächten aufschwingen. Am Anfang steht dabei die im zweiten Aufsatz (Bruce) abgehandelte Auseinandersetzung Pisas mit dem Taifa-Reich Denia zu Beginn des 11. Jahrhunderts, das als aufstrebender mediterraner Akteur Ansprüche auf die strategisch wichtigen Inseln im westlichen Mittelmeer erhob. Somit geriet Denia in Konflikt mit Pisa, das in einer päpstlich gestützten Kampagne um 1016 den frühesten mediterranen Sieg gegen einen muslimischen Akteur errang. Kurz vor dem Ausruf des ersten Kreuzzuges fand die wiederum päpstlich gestützte Kampagne Genuas und Pisas gegen die nordafrikanische Stadt al-Mahdiyya im Jahre 1087 statt (Cowdrey). Obwohl es übertrieben wäre, beide Kampagnen als geopolitische Wendepunkte zu bezeichnen, so lassen sich an ihnen doch wichtige Etappen eines Machtaufstiegs festmachen, dessen Zweck vor allem wirtschaftlich war. Zwei Beiträge zu genuesisch-nordafrikanischen Handelsbeziehungen (Krueger) und den Aktivitäten genuesischer Händler im Herrschaftsbereich der Krone von Aragon (Ferrer i Mallol) behandeln dementsprechend, wie Vertreter einer maritimen Republik mit christlichen und muslimischen Mächten und Märkten interagierten.

Teil 2 unter dem Titel "The Coming of the Normans and the End of Islam in Italy" beschäftigt sich in drei Aufsätzen von John France (1991), David Abulafia (1990) und Julie Anne Taylor (2007) mit den Bedingungen und Auswirkungen der normannischen Etablierung in Süditalien. Im Vordergrund stehen dabei zum einen die Voraussetzungen für das Eintreten normannischer Entrepreneure in den Mezzogiorno (France), zum zweiten die langfristigen Folgen der normannischen Eroberung Siziliens für das dortige Zusammenleben von Christen und Muslimen (Abulafia), schließlich die Situation der in den 1220er Jahren von Friedrich II. nach Apulien deportierten muslimischen Gruppen (Taylor). An dieser Aufsatzkombination lässt sich somit hervorragend ablesen, wie das Eindringen einer religiös-kulturell im nordalpinen Raum geprägten Herrschaftselite in eine muslimisch-christliche Kontaktzone mittelfristig und trotz aller "Toleranzmomente" zu einer religiös-kulturellen "Latinisierung" führte. [1]

Teil 3 unter dem Titel "The Conquests of the House of Barcelona" behandelt in drei Aufsätzen von Elena Lourie (1970) und Robert Ignatius Burns (1960, 1961) einige Stationen im Reconquista-gestützten Entstehungsprozess der Krone von Aragon. Im Zentrum steht das Zusammenleben von Christen und Muslimen auf den Balearen (Lourie) und im Valencia (Burns) des 13. Jahrhunderts. Dabei werden die der unterworfenen muslimischen Bevölkerung anfangs zugestandenen Freiheiten ebenso behandelt wie die Administrations- und Herrschaftsprobleme der neuen christlichen Eliten, so etwa die im Rahmen der religiös-kulturellen Machtverschiebung auftretenden scharfen sozialen Spannungen. Obwohl dieselben Phänomene auch anhand anderer iberischer Lokalitäten, etwa Murcia, hätten abgehandelt werden können [2], so ist die Konzentration auf Valencia und die Balearen damit zu begründen, dass sie das Ausgreifen der Krone von Aragon zunächst in den westlichen, dann in den gesamten Mittelmeerraum vorbereiteten.

Dieses Ausgreifen ist unter anderem Thema des Teils 4 unter dem Titel "Latin Colonization in the Maghrib". Mit drei Aufsätzen von Robert Ignatius Burns (1977), Michael Lower (2007) und Ronald A. Messier (1986) wird das Thema der 'Kolonisierung' allerdings nur unzureichend erfasst. Im Vordergrund steht das missionarische Ausgreifen. Dieses wird zum einen allgemein und unter ausführlicher Behandlung nebst bildlicher Schwarz-Weiß-Darstellung der Cantigas Alfons' X. (251-68) als letztlich gescheitertes Projekt franziskanischer und dominikanischer Akteure dargestellt (Burns). Zum anderen wird es im Kontext der ideologischen Rahmenbedingungen des gescheiterten Kreuzzugs Ludwigs IX. nach Tunis (1270) untersucht (Lower). Andere 'Kolonisationsphänomene' - man denke an die temporäre normannische Herrschaft in Nordafrika [3] sowie an die systematische Etablierung der als fondacos bekannten lateineuropäischen Wirtschaftsstützpunkte in zahlreichen nordafrikanischen Hafenstädten [4] - werden in diesem Teil nicht angesprochen bzw. figurieren als Seitenthema in einem Beitrag zur christlichen Diaspora im Tunis der 1270er Jahre (Messier).

Teil 5 unter dem Titel "The Conquest of Granada" behandelt in drei Aufsätzen von Manuela Marín und Rachid El Hour (1998), Miguel-Angel Ladero Quesada (1991) und Weston F. Cook Jr (2003) abschließend das Ende und den Fall Granadas. Dabei treten nicht nur wichtige Akteursgruppen in den Vordergrund - darunter die unterworfene muslimische Bevölkerung, Kriegsgefangene, Konvertiten (Marín, El Hour) ebenso wie christliche Neusiedler im eroberten Gebiet (Ladero Quesada) -, sondern auch eine für das 15. und darauf folgende Jahrhunderte revolutionäre militärgeschichtliche Erfindung: die bei der Eroberung Granadas eingesetzte Kanone (Cook).

Damit wird ein umfassender, wenn auch natürlich nicht vollständiger Überblick zur lateineuropäischen Expansion in den westlichen Mittelmeerraum geboten. Wichtig an diesem Band ist, dass er auf der Grundlage qualitativer Aufsätze namhafter SpezialistInnen einen vergleichsweise schnellen Überblick zu relevanten Themenfeldern bietet. Von Bedeutung ist auch, dass er das westliche Mittelmeer als eigenständige Region behandelt, in der die lateinisch-christliche Expansion grundsätzlich anders, letztlich 'erfolgreicher' verlief als im östlichen Mittelmeerraum. Dies wird unter anderem auch in der Einleitung des Bandes betont (xiv), die die abgedruckten Aufsätze zumindest kurz in einen Gesamtzusammenhang stellt. Dabei bezieht sie sich auch auf in den letzten Jahren geführte Diskussionen zur historischen Bedeutung des Mittelmeerraums und äußert sich zum Charakter christlich-muslimischer Beziehungen im Mittelalter sowie zu den Phasen und charakteristischen Phänomenen lateinisch-christlichen Expansionismus im Mediterraneum. Die Kürze der von den Reihenherausgebern verfassten Einleitung (xiii-xxi) lenkt zwar nicht von den eigentlichen Beiträgen ab, allerdings hätte eine stärker fundierte Auseinandersetzung mit dem westlichen Mediterraneum, vielleicht nicht nur als lateinisch-christlichem Expansionsraum, den Band auch bereichert. Abschließend hilft ein knapp gehaltenes Personen-, Orts- und Sachregister bei der Erschließung des Bandes. Zu kritisieren ist neben einigen orthographischen Kleinigkeiten eigentlich nur der hohe Preis einer Publikation, die gänzlich aus Reproduktionen und zu einem großen Teil aus Veröffentlichungen besteht, die zumindest im Universitätsmilieu über Onlineplattformen wie JSTOR bzw. die teuer bezahlten digitalen Zeitschriften heruntergeladen werden können.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Hubert Houben: Möglichkeiten und Grenzen religiöser Toleranz im normannisch-staufischen Königreich Sizilien, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 50 (1994), 159-198.

[2] Vgl. hierzu auch den themenreichen Sammelband von Matthias M. Tischler / Alexander Fidora (Hgg.): Christlicher Norden - Muslimischer Süden. Ansprüche und Wirklichkeiten von Christen, Juden und Muslimen auf der Iberischen Halbinsel im Hoch- und Spätmittelalter, Münster 2011.

[3] Vgl. Alex Metcalfe: The Muslims of Medieval Italy, Edinburgh 2009, 160-180.

[4] Vgl. Olivia Remie Constable: Housing the Stranger in the Mediterranean World. Lodging, Trade, and Travel in Late Antiquity and the Middle Ages, Cambridge 2003. Zum westlichen Mittelmeerraum siehe die zahlreichen Veröffentlichungen von Dominique Valérian, etwa Dominique Valérian: Les fondouks, instruments du contrôle sultanien sur les marchands étrangers dans les ports musulmans (XIIe-XVe siècle)?, in: La mobilité des personnes en Méditerranée de l'Antiquité à l'époque moderne: procédures de contrôle et documents d'identifications, hg. von Claudia Moatti, Rom 2004, 677-698; Dominique Valérian : Les marchands latins dans les ports musulmans méditerranéens: une minorité confinée dans des espaces communautaires?, in: Revue des Mondes Musulmans et de la Méditerranée 107-110 (2005), 437-458.

Rezension über:

Eleanor A. Congdon (ed.): Latin Expansion in the Medieval Western Mediterranean (= The Expansion of Latin Europe, 1000-1500; Vol. 7), Aldershot: Ashgate 2013, XXVII + 398 S., ISBN 978-1-4094-5509-7, GBP 110,00

Rezension von:
Daniel König
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Empfohlene Zitierweise:
Daniel König: Rezension von: Eleanor A. Congdon (ed.): Latin Expansion in the Medieval Western Mediterranean, Aldershot: Ashgate 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 2 [15.02.2014], URL: http://www.sehepunkte.de/2014/02/24038.html


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