Rezension über:

Ivan Fumado Ortega: Cartago Fenicio-Punica. Arqueologia De La Forma Urbana , Sevilla: Secretariado de Publicaciones, Universidad de Sevilla 2013, 428 S., ISBN 978-84-472-1413-6, EUR 42,28
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Rezension von:
Bärbel Morstadt
Klassische Archäologie, Ur- und Frühgeschichte, Archäometrie, Ruhr-Universität, Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Bärbel Morstadt: Rezension von: Ivan Fumado Ortega: Cartago Fenicio-Punica. Arqueologia De La Forma Urbana , Sevilla: Secretariado de Publicaciones, Universidad de Sevilla 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 2 [15.02.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/02/24082.html


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Ivan Fumado Ortega: Cartago Fenicio-Punica

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Bei der vorliegenden Monographie handelt es sich um die an der Universität Valencia eingereichte Dissertationsschrift des Autors. Auf insgesamt 428 Seiten im DIN A4-Format werden darin in spanischer Sprache alle verfügbaren relevanten Informationen präsentiert und diskutiert, um zu einer Einschätzung der phönizisch-punischen Stadt Karthago vom 8. bis zum 2. Jahrhundert v.Chr. zu gelangen.

Viel war in moderner Zeit auf der Basis der antiken klassischen Schriftquellen zu Karthago geschrieben worden, und hinzu waren verschiedene einzelne Freilegungen getreten. Bekanntermaßen gab es aber solch große Lücken in unserer Kenntnis der antiken Stadt, dass in den 70-90er Jahren mit zahlreichen internationalen Forscher-Teams unter der Schirmherrschaft der UNESCO hier Abhilfe schaffen sollte. Großartig waren die geleisteten Arbeiten und Ergebnisse der einzelnen Teams, die in vielen verschiedenen Publikationen präsentiert sind. Und doch - oder vielleicht gerade deswegen - war jeder, der sich ein Bild von der Stadt Karthago machen wollte, entweder auf allgemeine, populärwissenschaftliche Zusammenfassungen oder auf ein tiefschürfendes Recherchieren und Einlesen angewiesen, um am Ende doch die Komplexität eines gesamten Stadtbildes und seiner Entwicklung nicht erfassen und keine weiterreichenden Schlüsse daraus ziehen zu können.

Die Beschäftigung mit Karthago ist zudem mit zahlreichen ideologiebelasteten Meinungen und Publikationen beschwert. Darauf macht etwa Eduardo Ferrer Albelda, unter dessen Ägide die Monographie herausgegeben ist, im Vorwort aufmerksam. Dieser so forschungsgeschichtlich relevante Aspekt stellte auch einen wesentlichen Teil der Arbeit des Autors dar, ist aber in einer gesonderten Publikation erschienen: Cartago. Historia de la investigación. [1] Darin wird die bis heute reichende Forschungsgeschichte zu Karthago vorgelegt und ihre kulturhistorische und politische Einbettung vorgenommen. Sensibel werden etwa "Das karthagische Siegelbild im Okzident" und der Zusammenhang zwischen dem Beginn der archäologischen Aktivitäten und der Bedeutung der Wiederentdeckung Karthagos ("Nace la Arqueología, renace Cartago") verdeutlicht. Zwar waren die meisten Einzelaspekte bereits gut bekannt, aber diese sorgfältige Zusammenschau besticht durch viele neue Details und vor allem durch die kritische Betrachtung des großen Ganzen über den langen Zeitraum hinweg. Diese Publikation ist also bereichernd hinzuzuziehen, doch war die Ausgliederung aus Gründen des Inhalts und der Methode sowie des Umfangs aus der vorliegenden Monographie sicherlich die richtige Entscheidung.

In der "Archäologie des Stadtbildes" bereitet der Autor ebenso sorgsam das Fundament vor, indem zunächst auf knapp 50 Seiten die theoretischen Grundlagen vorgestellt werden: die allgemeinen Annäherungsmöglichkeiten an die Erforschung der phönizischen und punischen Gesellschaft, die Religion als sozialer und raumbildender Faktor, der Begriff der Identität als Kategorie, die Gestalt der Gesellschaft in der archäologischen Historiographie. Darin bringt er nicht nur weitere Beispiele von antiken phönizischen Städten wie Kerkouan und Mozia ein, sondern auch weitere antike, die ihrerseits eine lange und intensive Beschäftigung erfahren haben, etwa Rom und Milet, sowie auch das moderne Sao Paolo. Darauf folgt auf etwa 20 Seiten die Darlegung der archäologischen Historiographie von Karthago anhand des geographisch fassbaren Raumes, darunter der Küstenlinie, der Schriftquellen und der archäologischen Ausgrabungen sowie des gegenwärtigen Stands der Forschung. Dies ist eine nützliche Synthese, die durch die bekannten erstellten Pläne und Ansichten Karthagos unterstützend illustriert wird, und darüber hinausgehend greift er zu Recht die Wechselwirkung zwischen physischem und sozialem Raum auf.

Auf mehr als hundert Seiten breitet er schließlich die bisher getätigten archäologischen Ausgrabungen und deren Ergebnisse aus, die er gemäß ihrer Epochen-Zuordnung gegliedert hat. Hierfür orientierte er sich an der gängigen Epocheneinteilung (8.-6. / 5.-4. / 3.-2. Jahrhundert). Eine Tabelle der Kampagnen, ihrer grundlegenden Bibliographie und einer Beschreibung der Resultate ermöglicht eine schnelle Übersicht. Bei der Kartographierung schließlich waren einige auch technische Probleme zu bewältigen, wie er beschreibt, die letztlich eine doch geeignete Darstellung in der Skala von 1:2000 ergaben und sich in vier Faltplänen - ein Gesamtplan sowie je einer zu jeder der drei Epochen - niedergeschlagen haben. Anhand dieser Ergebnisse widmet er sich sodann der detaillierten Beschreibung jeweils gemäß der Epochengliederung der einzelnen Areale der Stadt: dem Wohngebiet, dem Handwerks-Gebiet, den Nekropolen, dem Tophet, der Küstenzone. Weitere mehr als hundert Seiten umfasst schließlich die Auswertung des vorherigen Teils, indem wieder je nach Epoche eine Charakterisierung vorgenommen und wieder mit sehr vielen anderen bekannten Stadt- und Siedlungsgrundrissen verglichen wird, unterstützt durch zahlreiche Abbildungen. Hier hat der Autor geradezu ein dreidimensionales Puzzle gefertigt, welches das Stadtbild und seine Entwicklung erkennen lässt: Karthago war demnach nicht nur seit der Frühphase in sogenannten Strigas (Streifen) organisiert und wurde in den folgenden Epochen um Stadtareale ergänzt, die ebenfalls in Streifen, jedoch in einem anderen Winkel dazu, organisiert waren - wie längst erkannt. Die Ausdehnung und Konsequenz wie auch das Maßverhältnis im Zusammenklang mit der Beachtung der Umwidmung und Umnutzung von Gebieten lässt dabei aber die entsprechend entwickelten oder neu entstandenen Bedürfnisse dieser dynamischen Gesellschaft erkennen. Karthago tritt somit einmal mehr nicht einfach als Empfänger, sondern in seiner besonderen Rolle geradezu als Katalysator verschiedener Einflüsse hervor.

Ein Register der jeweiligen Zonen von Karthago, ein Index der Orte und Regionen im Mittelmeerraum sowie ein Index der Götter, Personen und antiken Autoren sind angehängt.

Der Autor hat nicht nur eine sehr detailreiche und fundierte Arbeit vorgelegt, die für eine künftige systematische Erforschung und damit verbundenen archäologischen Grabungsaktivitäten sehr nützlich sein und für die Phönizierforschung einen Meilenstein darstellen wird. Vielmehr hat er es verstanden, durch die Kombination verschiedener Methoden (Kulturwissenschaftliche Theorie, Kartographie etc.) einen Mehrwert zum Verständnis Karthagos als lebendiges Zeugnis einer antiken, komplexen und dynamischen Gesellschaft zu erzeugen. Etliche weiterführende Forschungen lassen sich hieran anknüpfen.


Anmerkung:

[1] Consejo Superior de Investigaciones Científicas, Escuela Española de Historia y Arqueología en Roma, Madrid 2009.

Bärbel Morstadt