sehepunkte 14 (2014), Nr. 1

Charles Moore: Margaret Thatcher

Margaret Thatcher hatte ihr Ende sorgfältig vorbereitet. In der sicheren Vorahnung, dass die Trauerfeierlichkeiten alte Wunden aufreißen würden, verzichtete sie auf einen teuren Salut der Royal Air Force. Dafür arrangierte sie das Requiem in der St. Paul's Cathedral mit umso mehr Bedacht. Im Programm ließ sie T. S. Eliots Gedicht "Little Gidding" von 1942 abdrucken, dessen Erscheinen einst durch die Battle of Britain verzögert worden war. Der Titel des Gedichts spielt auf eine Kirchengemeinde in den Widrigkeiten des Englischen Bürgerkriegs an. Die zentrale Aussage des Poems verdichtet sich in den Versen: "A people without history / Is not redeemed from time, for history is a pattern / Of timeless moments." [1]

Im ersten Teil seiner autorisierten Thatcher-Biographie, der bis an das Ende des Falklandkriegs reicht, präpariert Charles Moore drei Kontinuitätslinien eines Lebens heraus, das dem Vereinigten Königreich tief greifende Zäsuren bescherte. Da ist zum einen Thatchers Glaube an einen britischen Exzeptionalismus, der in der Erfahrung von 1940 wurzelte und im Übrigen auch die Geburt des britischen Wohlfahrtsstaats aus dem Geist von Dünkirchen einschloss. Zum anderen huldigte die am längsten amtierende Premierministerin des 20. Jahrhunderts einem alttestamentarischen Rigorismus, der die eigene Überzeugung als Kraftquell politischer Arbeit der Flauheit einer in die Jahre gekommenen Konsensmaschine entgegensetzte. Moore zitiert deshalb, wie viele vor ihm, Thatchers Bonmot über die Propheten des Alten Bundes, die eben nicht den Konsens gepredigt, sondern den Furor moralischer Gewissheiten entfacht hätten. Und schließlich die Geschichte: Die Krämertochter aus Grantham, die zeitlebens "a sort of smug perfection" (45) ausstrahle, ließ in den siebziger Jahren keine Gelegenheit aus, den Briten deren rendezvous with destiny einzuschärfen: Die Geschichte der Inselnation war an einem Wendepunkt angelangt. Auf dem Spiel stand die freiheitliche Tradition Britanniens, die es gegen ihre Verächter im eigenen Land zu verteidigen galt.

Thatchers persönlicher Wendepunkt war jener Tag im Jahr 1950, an dem sie als konservative Kandidatin für den Wahlkreis Dartford nominiert wurde. Von nun an vermochte sie ihr politisches Talent unter Beweis zu stellen, und hier lernte sie auch ihren späteren Ehemann Denis kennen, der ihr als "passport to the Home Counties respectability" (108) diente. Moore beleuchtet Thatchers familiäre Konstellation - mit dem eher freudlosen, methodistisch strengen Elternhaus als Ausgangspunkt - und setzt in diesem Zusammenhang die kritischsten Akzente seiner überwiegend wohlwollend gestimmten Biographie. Thatcher habe die Leistungen ihrer Eltern wohl nie hinreichend gewürdigt und auch sonst familiäre Bande eher unter das Signum der Effizienz gestellt. Sie freute sich darüber, dass aus der ersten Schwangerschaft gleich Zwillinge resultierten, denn das enthob sie der Pflicht einer zweiten Schwangerschaft, die ihre politische Laufbahn gehemmt hätte. Und ihre Kinder Carol und Mark erfuhren erst kurz vor einer entsprechenden Medienveröffentlichung, dass ihre Mutter Denis' zweite Frau war.

Im Jahr 1959 gelangte Thatcher ins Unterhaus, zu einer Zeit, als Frauen, zumal bei den Tories, bestenfalls darauf hoffen durften, "in a cosy irrelevance" (144) als schmückendes Beiwerk der Knights of the Shires bella figura zu machen. In Oxford zur Chemikerin und in den Londoner Inns zur Anwältin ausgebildet, mochte sich Thatcher damit freilich nicht zufriedenzugeben. Die Jahre der Opposition (1964-70) verbrachte sie in sechs verschiedenen Posten im Schattenkabinett, die sie dazu nutzte, ihre Reputation als hart arbeitendes, wenn auch intellektuell nicht sonderlich originelles Sprachrohr der Parteirechten zu schärfen. In dieser Zeit machte Thatcher drei Beobachtungen, die ihre weitere Karriere prägen sollten: Ökonomische und finanzielle Schwierigkeiten - von denen die Regierung Wilson ein Lied zu singen wusste - untergraben das Ansehen von Politikern. Die Herrschaft des Gesetzes, die sich in der Souveränität des Parlaments manifestierte, war immer stärkeren Anfechtungen ausgesetzt. Und eine Regierung, die ihr fiskalisches Heil in Verstaatlichungen und Steuererhöhungen sucht, degeneriert zu einer Art Raubritter. Das von Enoch Powell seinerzeit auf die militanten Gewerkschafter gemünzte Wort vom inneren Feind brachte bei Thatcher Saiten zum Schwingen, die, je länger, desto dringlicher, ihr politischen Credos intonierten. Umso ernüchternder gerieten die Jahre in der Heath-Regierung. Thatcher, wie Heath ein "classic product [...] of the grammar school meritocracy" (202), genehmigte als Bildungsministerin im Windschatten des Zeitgeists die Umwandlung von über 3200 Gymnasien in Gesamtschulen. Als sie die kostenfreie Abgabe von Schulmilch stoppte, wurde sie erstmals zum Hassobjekt vieler Briten. Das Einknicken Heaths vor den Gewerkschaften, die seine Maßnahmen zur Eindämmung der endemischen Inflation ins Leere laufen ließen, war ihr eine negative Lehre. Thatcher stählte sich für den Kampf, den sie für den Rechtsstaat, die Verantwortlichkeit des Individuums und die ökonomische Vernunft zu schlagen bereit war. Die Niederlage von 1974 erlaubte es ihr, an der Seite Keith Josephs ihre "forbidden love" (255) für die noch recht vagen Heilslehren des Monetarismus publik zu machen. Thatchers Wahl zur Oppositionsführerin Anfang 1975 entfesselte ihren "burning sense of mission" (301), wobei Moore ein ums andere Mal das Zerrbild zu korrigieren versucht, das Thatchers Anhänger und Gegner gleichermaßen von ihr zeichnen: Entgegen einer weitverbreiteten Annahme wollte die streitbare Konservative den Wohlfahrtsstaat keineswegs zur Gänze auf dem Altar einer neuen ökonomischen Orthodoxie opfern, sondern lediglich seine Auswüchse beschneiden und ihn auf seine im Prinzip der Subsidiarität wurzelnden Ursprünge im Beveridge-Report zurückführen. In ihrer Zeit als lernbedürftiger und lernfähiger Widerpart Wilsons und Callaghans revolutionierte Thatcher im Schlepptau der Saatchi-Brüder und Gordon Reece' das politische Marketing - und das, obwohl sie weder sonderlich humorvoll noch innovativ war. Vielmehr hegte sie eine tiefe Zuneigung gegenüber Traditionen und sozialer Distinktion. Im Umgang mit der britischen Oberschicht und vor großem Publikum blieb sie stets unsicher. Sie blühte jedoch auf im spontanen Kontakt mit einfachen Bürgern und mit dem Fußvolk der Tories. Ihre street credibility war das Pfund, mit dem sie instinktsicher zu wuchern verstand, auch wenn sie meist am Ende dem Establishment ihrer Partei das gab, was etwa in Fragen der Immigrationspolitik gemeinhin politisch de rigueur erschien.

Nach dem Wahlsieg 1979 begann eine lange Phase, in der die Mühen der Ebene Thatchers Steherqualitäten forderten. Moore bietet hier wenig Neues. Der Kampf gegen die Inflation, der Disput um den NATO-Doppelbeschluss, der zunächst taktisch klug zurückgestellte Showdown mit den Gewerkschaften, die Anfänge der europäischen Aversionen im Streit um den Budgetrabatt, die Tragödie des IRA-Hungerstreiks, die special relationship mit Ronald Reagan - Thatcher zeigt sich in diesen Konflikten häufiger kompromissbereit, als die von ihr selbst genährte Legende dies glauben machen will. So eisern die Lady, die angesichts massiver Widerstände nicht umfallen wollte, ihre Prinzipien hochhielt, so defizitär erwies sich ihr Regierungsstil im Alltag: Sie arbeitete bis zum Umfallen, gab wenig auf die Meinung ihrer ideologisch anders gepolten Kabinettskollegen und langfristige Planung, ihr "poor management" (643) brachte sie wiederholt in Verlegenheit. Erst mit dem Falklandkrieg 1982 gelang ihr trotz "almost hubristic claims" (710) über Britanniens neue postimperiale Rolle die Feuerprobe, die ihr - neben dem kläglichen Zustand der Opposition - eine zweite Amtszeit ermöglichte. Einen Vorgeschmack darauf lieferte die Kontroverse um den Falkland-Gedenkgottesdienst in St. Paul's, der einigen Kirchenvertretern zu sehr nach Triumphalismus schmeckte. Thatcher indes sorgte sich um den Anstand einer dankbaren Nation, die gerade auf dem Weg schien, einen schwierigen Selbstfindungsprozess erfolgreich abzuschließen. Moore hat sich seiner mit schnörkelloser Akribie versehenen Chronistenpflicht auf respektable Weise entledigt. Der zweite Teil der Biographie wird deshalb gespannt erwartet.


Anmerkung:

[1] www.bbc.co.uk/news/uk-22156159 (zuletzt abgerufen am 03.12.2013)

Rezension über:

Charles Moore: Margaret Thatcher. The Authorized Biography. Volume One: Not For Turning, London: Allan Lane 2013, XXXII + 860 S., 79 s/w-Abb., ISBN 978-0-7139-9282-3, GBP 30,00

Rezension von:
Gerhard Altmann
Korb
Empfohlene Zitierweise:
Gerhard Altmann: Rezension von: Charles Moore: Margaret Thatcher. The Authorized Biography. Volume One: Not For Turning, London: Allan Lane 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 1 [15.01.2014], URL: https://www.sehepunkte.de/2014/01/23437.html


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