sehepunkte 13 (2013), Nr. 12

Timothy J. Johnson (ed.): Franciscans and Preaching

Thomas von Celano erwähnt in seiner Beschreibung der Lebenswirklichkeit der ersten Franziskaner die Predigt nicht. In der mündlichen Bestätigung des franziskanischen propositum durch Innocenz III. wurde zwar die Erlaubnis erteilt poenitentiam praedicare, doch fand sich über die einfache Form der Bußpredigt hinaus eine Predigttätigkeit nicht weiter erwähnt. Innocenz tat gut daran, den Brüdern keine formale Predigterlaubnis zu erteilen, durch die sie auf eine Stufe mit dem (ausgebildeten) Klerus gestellt worden wären, sondern für sie eine Form zu wählen, die charakteristisch für Wanderprediger vom Schlag eines Petrus Waldes war.

Klar ist: bei Franziskus lag das Schwergewicht missionarischer Tätigkeit sicherlich nicht auf der Predigt. Franziskus hat - so gibt es uns Thomas von Celano zu verstehen - "aus seinem ganzen Körper eine Zunge" gemacht und dadurch weniger den Geist als das Herz seiner Zuhörer angesprochen.

War die dominikanische forma vitae von Anbeginn an deutlich auf die Predigt hin ausgerichtet, gestaltete sich dies bei den Franziskanern sehr viel problematischer. Die Präsenz ungebildeter, gleichwohl charismatischer Brüder, die der Bußpredigt nachgingen, ist ein Faktum. Mit der Klerikalisierung des Ordens, die unmittelbar nach dem Tod Franziskus' einsetzte, sollte sich dies jedoch sehr schnell ändern: zukünftige Prediger mussten fortan ein Studium durchlaufen - Predigt wurde stärker institutionalisiert und akademisiert. Die damit verbundenen Gefahren für das Ordenscharisma wurden durchaus erkannt: von vielen wurde wortreich beklagt, dass die Bildung der jungen Magister und die Künstlichkeit des sermo modernus eine unheilvolle Verbindung eingingen und dadurch das Verkünden der biblischen Botschaft erschwert, wenn nicht gar verhindert würde.

Vorliegender Band enthält 17 Beiträge von Forschern aus den Vereinigten Staaten, England, Deutschland und den Niederlanden und ist - so wird vom Herausgeber eigens betont - die erste Überblicksdarstellung zum Themenkomplex "Franziskanische Predigt" auf Englisch. [1] Was diese Fokussierung auf das "Englische" bedeutet, macht ein Blick in die Bibliographie schmerzlich deutlich. Chronologisch beschränkt man sich auf die ersten 150 Jahre der Ordensgeschichte.

Im ersten großen Abschnitt (Gospel Life and Preaching) richtet sich der Blick auf die Paradigmen franziskanischer Predigt. Michael W. Blastic geht dabei in seinem Essay der Rolle der Predigt zu Beginn des "franziskanischen Experiments" nach (1209-1221), als Bußpredigt die Aufgabe aller Minderbrüder war, und beleuchtet darauf aufbauend die Veränderungen, die sich aus der päpstlich bestätigten Regula bullata (1222) ergaben (Preaching in the Early Franciscan movement, 15-40). Durch die einsetzende Klerikalisierung des Ordens und den Zustrom an universitär gebildeten Personen, die in der Lage waren, eine Predigt im stilus modernus zu halten, verschob sich nicht nur die Machttektonik zugunsten des priesterlichen Elements, sondern auch die Gewichtung der bisher miteinander koexistierenden Predigtformen: der stilus modernus, in dessen Konstruiertheit und Künstlichkeit nicht nur Roger Bacon eine große Gefahr erblickte, ließ die einfache Form der Bußpredigt im Laufe nur weniger Jahre fast vollständig in der Versenkung verschwinden.

Darleen Pryds führt die Forschungen zu drei weiblichen franziskanischen Heiligen unter der Fragestellung der "Franciscan lay women and the charism to preach" (42-57) zusammen und beleuchtet dabei konkret die unterschiedlichen Formen, die eine Verkündigung des Evangeliums bei Rosa von Viterbo (gest. 1251/52), Angela da Foligno (gest. 1309) und Angelina da Montegiove (gest. 1435) annehmen konnte.

Der zweite große Abschnitt beschäftigt sich mit Aspekten der universitären Verankerung franziskanischer Predigt (The Academy and Preaching). Einen einleitenden Überblick bzw. eine konzise Würdigung des Phänomens (gerade auch in Abgrenzung zu anderen Bettelorden) findet man hier jedoch nicht. Dafür wird Einzelaspekten wie dem Verhältnis Bonaventuras und Bacons zum cura corporis-cura animae-Problem (Timothy J. Johnson, 73-90), dem Vergleich von Paulus mit Franziskus im Predigtwerk Bonaventuras (C. Colt Anderson, 91-114) oder den Predigten des Matthäus von Acquasparta über die Stellung der Theologie (Joshua C. Benson, 145-174) - ohne Verweis auf die zentralen Arbeiten von Alexis Charansonnet, leider nur gedruckte Sermones miteinbeziehend - mit mehr oder minder großem Erfolg nachgegangen. Patrick Nolds Beitrag hebt sich hier positiv ab. Er untersucht die Predigten Bertrands de la Tour zu franziskanischen Heiligenfesten, einer in ihrem Aussagewert für das Verständnis des eigenen Ordens und der großen franziskanischen Kontroversen im Pontifikat Johannes' XXII. nicht hoch genug zu wertenden Quellengattung. Dem zum Kardinal erhobenen Franziskaner werden über 1200, bisher nur auszugsweise der Forschung bekannte Predigten zugeschrieben - und man fragt sich, wann dieser Schatz endlich einmal umfassend gehoben wird. [2]

Der Umgang mit (franziskanischer) Heiligkeit im Medium der Predigt steht im Mittelpunkt des dritten Abschnitts (Perceptions of Holiness in Preaching). Clara von Assisi und Elisabeth von Ungarn (More, Alison: Gracious women seeking glory: Claire of Assisi and Elisabeth of Hungary in Franciscan sermons, 209-230) und Franziskus (Mossman, Stephen: Preaching on St. Francis in Medieval Germany, 231-272) dienen dabei als Prototypen einer sanctitas francescana, die sich im späten Mittelalter ungemein vielschichtig präsentierte. Wie bereits in Nolds Artikel wird auch hier eine Lanze für die Bedeutung von de sanctis-Predigten gebrochen, aus denen nicht nur wertvolle Erkenntnisse über die Stellung von Frauen im Orden, sondern auch zu spezifischen "Heiligenkonjunkturen" gewonnen werden können. Deutlich wird, dass die Aussagekraft des Mediums Predigt mit Blick auf die Mentalitätsgeschichte des Mittelalters noch längst nicht erschöpft ist. Dies stellt auch Michael Robson in einem Beitrag unter Beweis (Sermons preached to the Friars Minor in the Thirteenth Century, 273-296), der sich dem bisher ausnehmend schlecht erforschten Bereich der auf General- bzw. Provinzkapiteln vor den versammelten Brüdern gehaltenen Predigten annimmt.

Im vierten Abschnitt (Medieval Society and Preaching) findet sich ein Beitrag aus der Feder Steven J. McMichaels, in dem der Originalität des spätmittelalterlichen Predigers Roberto Caracciolo da Lecce in Hinblick auf seine Aussagen zum Propheten Mohammed nachgespürt wird (Roberto Caracciolo da Lecce and his Sermons on Muhammad and the Muslims (c. 1480), 327-352). Das Ergebnis ist einigermaßen ernüchternd: Roberts Ausführungen zum Islam bewegen sich im Tiefland der Stereotypen und vermeiden jeden Höhenflug - neu ist in seinen Predigten nichts.

Der wohl interessanteste Beitrag des gesamten Bandes findet sich im fünften Abschnitt (The Art and Craft of Preaching). Bert Roest, ausgewiesener Kenner franziskanischer Studienorganisation, behandelt darin die spezifische Form der franziskanischen Ars praedicandi ("Ne effluat in multiloquium et habeatur honerosus": The Art of Preaching in the Franciscan Tradition, 383-412). Roests Ausführungen, in denen insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen praktischer Handbuchliteratur und akademisch-gelehrtem Predigttraktat thematisiert wird, hätten sich auch sehr gut als Einleitung geeignet.

Vorliegender Sammelband liefert hochinteressante Einblicke in die Wunderwelt franziskanischer Predigt, ist jedoch in mehrfacher Hinsicht problematisch.

Man redet zwar sehr viel über einzelne Texte bzw. einzelne Prediger, doch stehen diese Ausführungen häufiger isoliert da und ermüden mitunter durch eine extensive Ausbreitung von Predigtinhalten. Anders ausgedrückt: die narratio triumphiert dort, wo eigentlich die interpretatio im Mittelpunkt stehen sollte. Und hat man insgeheim beim Öffnen des Bandes nicht auch mit einer Fülle neuer Editionen gerechnet, die das Corpus der bereits bekannten Predigten erweitern? Diese Hoffnung wird enttäuscht.

Der Band ist sorgfältig redigiert - lateinische Zitate in den Fußnoten sind meistens korrekt, gelegentliche Inkonsequenzen in der Zitierweise fallen nicht weiter ins Gewicht. Am Ende bleibt aber doch die Frage: gibt es so etwas wie eine genuin franziskanische Berufung zur Predigt?


Anmerkungen:

[1] Vgl. La predicazione dei frati dalla metà del 200 alla fine del 300. Atti del XXII Convegno Internazionale Assisi, 13-15 ottobre 1994, Spoleto 1995.

[2] Schneyer, J. B.: Repertorium der lateinischen Sermones des Mittelalters, I, 550-553; Nold, P.: Bertrand de la Tour O.Min.: manuscript list and sermon supplement, in: Archivum Franciscanum Historicum 95 (2002), 3-51.

Rezension über:

Timothy J. Johnson (ed.): Franciscans and Preaching. Every Miracle from the Beginning of the World Came about through Words (= The Medieval Franciscans; Vol. 7), Leiden / Boston: Brill 2012, XV + 525 S., ISBN 978-9-0042-3129-0, EUR 188,00

Rezension von:
Ralf Lützelschwab
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Lützelschwab: Rezension von: Timothy J. Johnson (ed.): Franciscans and Preaching. Every Miracle from the Beginning of the World Came about through Words, Leiden / Boston: Brill 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 12 [15.12.2013], URL: http://www.sehepunkte.de/2013/12/22711.html


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