Rezension über:

Peter Thonemann (ed.): Attalid Asia Minor. Money, International Relations, and the State, Oxford: Oxford University Press 2013, XXII + 335 S., 60 Abb., ISBN 978-0-19-965611-0, GBP 75,00
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Rezension von:
R. Malcolm Errington
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
R. Malcolm Errington: Rezension von: Peter Thonemann (ed.): Attalid Asia Minor. Money, International Relations, and the State, Oxford: Oxford University Press 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 11 [15.11.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/11/23753.html


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Peter Thonemann (ed.): Attalid Asia Minor

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Neugefundene Inschriften haben in den letzten Jahren zu einer intensiveren Beschäftigung mit der großen Zeit Pergamons im 2. Jahrhundert v.Chr. geführt. Das vorliegende Buch entstand aus einem Oxforder Seminar zum Thema. Es besteht aus acht Kapiteln von verschiedenen Autoren, davon sind fünf wirtschaftlichen oder geldgeschichtlichen Fragen gewidmet.

Das einführende Kapitel von Peter Thonemann versucht den attalidischen Staat des 2. Jahrhunderts zu charakterisieren, davon ausgehend, dass er eine römische Schöpfung war. (Thonemann findet Rom allerdings unsympathisch: er meint, dass für Pergamon der römische Senat "an obscure council of barbarian elders" wäre, was ihm vielleicht einen Lacher im Seminar brachte, kaum aber die pergamenische Wahrnehmung Roms im Jahr 188 nach fast 25-jähriger intensiver Kooperation wirklich treffen kann). Er untersucht die Machtstrukturen des (erweiterten) Staates und versucht, den Gegensatz zum seleukidischen Staat herauszuarbeiten, wobei er bei den Pergamenern ein intensiveres Heranziehen von lokalen oder regionalen Eliten feststellt, was er stark modernisierend als "power-sharing" bezeichnet. Das mag tendenziell richtig sein, ob aber die notorisch schlechte Quellenlage bezüglich des gewaltig viel größeren Seleukidenreiches ausreicht, um dies als "balloon-like" über die Regionen schwebend zu charakterisieren, könnte man bezweifeln. Wirtschaftlich gelten nach Thonemann das Abtreten von königlichem Besitz an Städte sowie die Neugründung von Städten der intensiveren Besteuerung von ländlichen Gebieten. Ob allerdings da prinzipielle Unterschiede gegenüber der Praxis der Seleukiden zu finden sind, vermag ich zu bezweifeln. Bei der Ideologie betont er die in der Antike schon vermerkte Hervorhebung der ganzen königlichen Familie sowie die Kistophoren, die er wegen der regional gestreuten Prägestätten als pseudo-föderale Münzen, was immer das heißen mag, interpretiert.

John Ma bietet einen brauchbaren Überblick über das pergamenische Militärwesen sowie die bekannten Kriegsbeteiligungen und fügt eine nützliche Liste der einschlägigen epigraphischen Quellen als Anhang hinzu. Boris Chrubasik analysiert das Verhältnis zwischen den Attaliden und den Seleukiden im 3. Jahrhundert und kommt zum kaum überraschenden Ergebnis, dass bis zum seleukidischen Brüderkrieg Pergamon kaum anders einzuschätzen ist als andere eher periphere Dynastien. Erst im Streit mit Antiochos III. und in Zusammenarbeit mit den Römern gab es ernsthafte Bestrebungen nach Selbständigkeit. Hier ist wenig Neues zu verzeichnen. Man soll aber aufhören, modisch von "langen" und "kurzen" Jahrhunderten zu reden, wenn ein "langes" nur 94 Jahre beträgt (83) und ein "kurzes" sogar nur 55 (Thonemann 46). Philip Kay geht unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten der Frage nach, warum die Römer im Jahr 188 Kleinasien nicht übernahmen. Antwort: weil sie es nicht nötig hatten. Das hier diskutierte Quellenmaterial ist schon 1933 von Tenney Frank weitestgehend gesammelt worden, und bis auf die eher unprofitable Verkürzung der Perspektive auf eine rein wirtschaftliche Fragestellung ist hier kaum etwas Neues zu finden.

Drei geldgeschichtliche Beiträge befassen sich mit den Kistophoren. Argumente sind dabei weitestgehend eher technischer Art - Gruppierungen nach Stil, Stempelgleichheit, datierten Hortfunden - die für den Leser eine recht schwerverdauliche Kost darstellen und vor allem kaum nachprüfbar sind. Andrew Meadows bietet als Einführung einen zwar nützlichen und leicht zu verfolgenden Überblick über das vorkistophorische Münzwesen in Pergamon; was die Kistophoren selbst angeht, wird es allerdings sehr technisch; das etwas überraschende und meines Erachtens kaum richtige Ergebnis, das er aus Hortanalysen zieht, ist im Grund genommen eine Bestätigung des Ergebnisses von Kleiner and Noe, dass die Kistophoren erst ca. 167/6 geprägt wurden. Dies widerspricht aber den von Livius viermal wohl aus Triumphalakten berichteten großen Zahlen von Kistophoren als Beute aus Kleinasien ab Jahr 190, was die Zuverlässigkeit der rein technischen Argumente in Zweifel ziehen muss. Richard Ashton nimmt Livius' Angabe glücklicherweise ernst und neigt, den alten Ansatz in die 190-er Jahre aufrechtzuerhalten. Sein Hauptanliegen ist aber, den geringen nachweisbaren Einfluss der Kistophoren außerhalb des attalidischen Reiches festzustellen. Für François de Callataÿ ist die Frage der Einführung der Kistophoren von keiner zentralen Bedeutung, da er mit großer Akribie versucht, die Menge der Münzproduktion der einzelnen hellenistischen Münzstätten des 2. Jahrhunderts zu ermitteln, um die relative Bedeutung der Kistophoren darzustellen. Die Ergebnisse werden in mehreren Tabellen dargelegt und ein Anhang listet die einschlägigen Hortfunde auf, die der Analyse zugrunde gelegt wurden.

Im letzten Beitrag geht Selene Psoma der Frage nach, wieso attisch-gewichtige Tetradrachmen aus kleinasiatischen Münzstätten in den mittleren Jahren des 2. Jahrhunderts in Syrien, und nur dort, gefunden werden. Ihre Antwort, nach einem kritischen Überblick über bisherige Erklärungsversuche, ist überzeugend: sie sind die bleibende Folge der attalidischen politischen (d.h. auch finanziellen) Einmischung in Syrien in diesen Jahren; deswegen hören sie mit dem Ende des attalidischen Reiches auf. Auch hier bieten Anhänge chronologisch geordnete Listen der relevanten Hortfunde.

Das - auch zum Widerspruch - anregende Buch schließt dankenswerterweise mit einer Kompositbibliographie sowie einem Namen- und Sachregister - ein nachahmungswürdiges Vorgehen für alle künftigen Herausgeber von Sammelwerken, das dem Leser den Zugang zum Buch wesentlich erleichtert.

R. Malcolm Errington