Rezension über:

Daniel Schönpflug / Martin Schulze Wessel (eds.): Redefining the Sacred. Religion in the French and Russian Revolutions, Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2012, 226 S., ISBN 978-3-631-57218-4, EUR 39,80
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Rezension von:
Benedikt Brunner
Exzellenzcluster "Religion und Politik", Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Benedikt Brunner: Rezension von: Daniel Schönpflug / Martin Schulze Wessel (eds.): Redefining the Sacred. Religion in the French and Russian Revolutions, Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 11 [15.11.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/11/22249.html


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Daniel Schönpflug / Martin Schulze Wessel (eds.): Redefining the Sacred

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Die Integration der Religionsgeschichte in den geschichtswissenschaftlichen Mainstream, für die der amerikanische Historiker Mark Edward Ruff mit Blick auf die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland vor einiger Zeit plädierte [1], macht nicht nur im Rahmen der Zeitgeschichte Fortschritte, sondern kann als eine Entwicklung in der Geschichtswissenschaft insgesamt betrachtet werden. Zur Bekräftigung dieser Diagnose kann auch der von Daniel Schönpflug und Martin Schulze Wessel 2012 herausgegebene Sammelband hinzugezogen werden, der in komparativer Perspektive den Einfluss von Religion auf die Französische Revolution von 1789 sowie die Russischen Revolution von 1917 untersucht.

In ihrer Einleitung, die wie die restlichen Beiträge auf Englisch verfasst ist, geben die Herausgeber einen konzisen Forschungsüberblick zur Bedeutung der Religion in den besagten Revolutionen. Die Ausrichtung auf die religionsgeschichtliche Dimension der Revolutionen sei bislang aber eher vernachlässigt worden, erst recht in einer vergleichenden Perspektive. Die Zielsetzung sei demnach durch die komparative Herangehensweise des Bandes neue Antworten "to classic analytical questions about their origins, about the political, social, and cultural change they [i.e. the revolutions, BB] generated, and about the character of the revolutionary regimes" (17) zu finden. Diesem Anspruch wird der Band nicht ganz gerecht, auch wenn von ihm einige Anregungen ausgehen könnten.

Der erste Abschnitt "Rethinking Secularization" diskutiert die Frage, inwieweit der Prozess der Säkularisierung in Zusammenhang mit den Ursachen der Revolutionen steht. Daniel Schönpflug untersucht dies im Hinblick auf die Französische Revolution. Zunächst gibt er einen kurzen Überblick über verschiedene soziologische Ansätze der Säkularisierungsthese. Ob man seinem Urteil, dass die "secularization theory" (31) noch sehr lebendig sei, in so banaler Form zustimmen sollte, erscheint zumindest fraglich. [2] Der Rest seines Aufsatzes gibt hingegen kluge Einblicke in die Geschichte des Verhältnisses von Religion und Politik im Frankreich des 18. Jahrhunderts; insbesondere seine Präsentation der unterschiedlichen Thesen über die religiösen Wurzeln der Französischen Revolution sind gut aufbereitet. "The truth", so resümiert Schönpflug, "as so often the case, is likely in a synthesis of interpretations. Religion would accordingly be an undeniable element of politics and society in eighteenth-century France and in modernity in general, without being understood as the French Revolution's primordial root" (50).

Der an der Brandeis University lehrende Gregory L. Freeze, der sich mit unterschiedlichen Arbeiten zur Religionsgeschichte des Zsarenreiches hervorgetan hat, verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie Schönpflug, indem er nach dem Beitrag der Säkularisierung zum "revolutionary process in Russia in the early twentieth century" (51) fragt. Seine Hauptthese stellt er direkt zu Beginn deutlich dar: "[...] religion was a powerful subversive factor in the revolutionary process leading to 1917" (52). Aufgrund der anhaltend hohen Bedeutung der Religion, sei es zu drei Krisenkomplexen gekommen (Crisis in church-state relations, Crisis within the church, Crisis of religious pluralism), die dazu geführt hätten, dass man auf Seiten der Kirchen das "ancien regime" nicht länger unterstützen wollte. Besonderes Gewicht erhalten seine Ausführungen auch dadurch, dass er sie auf archivalische Quellen stützt. Er konstatiert: "Belief, not disbelief, was a primary force in the revolutionary process" (75). Diese Schlussfolgerung mag durchaus zu kontroversen Debatten führen.

Der zweite Abschnitt des Sammelbandes überschrieben mit "Religious Dissent, Political Dissent", wird durch einen sehr langen Aufsatz von Dale Van Kley mit dem Titel "Religion and the Age of 'Patriot' Reform" eröffnet. In seinen sehr detaillierten Ausführungen geht es um die Bedeutung der konfessionellen Aspekte hinsichtlich der Entstehung von Patriotismus und Antipatriotismus. Sowohl universaler wie auch partikularer Patriotismus habe religiöse Wurzeln gehabt, so Van Kley, Religion und patriotisches Denken hätten sich wechselseitig beeinflusst und seien auf diesem Wege zu Wegbereitern der Atlantischen Revolutionen geworden.

Alexandre Etkind untersucht, hierin bescheidener aber auch konziser als Van Kley, die Bedeutung von religiösen Sekten in der Russischen Revolution. Er widmet sich aber ohne Zweifel hiermit einem Thema, das von der Geschichtsschreibung bis in die jüngste Zeit hin sehr vernachlässigt worden ist. Der Beitrag der Sekten zur Revolution, sei auch kein aktiver gewesen, sondern ihre Bedeutung liege vielmehr in ihrer Wahrnehmung. Er schließt mit einer ganzen Kette von weiterführenden Fragen, die noch einer Erforschung harrten.

Bernard Plongeron eröffnet den dritten Abschnitt ("Revolutionizing the Church") mit seinem Beitrag zur der sogenannten "Constitutional Church" (155) in den Jahren 1790 bis 1802; es geht also um die Identitätsfindungsprozesse der französischen (römisch-katholischen) Kirche nach der Verabschiedung der Zivilverfassung des Klerus im Jahre 1790. In seinem dicht geschriebenen Beitrag rekonstruiert er den Weg zur Zivilverfassung, sowie auch die besondere Rolle des Abbé Grégoire in diesem Prozess. Besonders anregend erscheint hier der letzte Abschnitt, in dem er das Kollegialitätsprinzip näher beleuchtet, das in der "Constitutional Church" praktiziert wurde und die er demnach als eine Art Vorläufer zu den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils darzustellen versucht. Sein Ansatz, die Kirche der Revolutionszeit im Spannungsfeld von Gallikanismus und römischen Beeinflussungsversuchen zu verorten, ist aber sicher weiterführend.

Das Verhältnis von "Soviet State and Soviet Church" untersucht der Beitrag von Michael V. Shkarovskiy. In Verbindung mit der Russischen Revolution habe es auch im Klerus der orthodoxen Kirche Bestrebungen hin zu einer revolutionären Kirche gegeben, getragen vor allem durch die Erneuerungsbewegung "obnovlenchestvo" (181). Es bleibt leider einigermaßen unklar, worin die Relevanz des Beitrages von Shkarovskiy im Hinblick auf die Fragestellung einer Um- bzw. Neudefinierung des Sakralen bestehen soll.

Der letzte Abschnitt über revolutionäre Kulte kann als sehr gelungen angesehen werden und steht auf dem festen Grund eines auch in den letzten Jahren nach wie vor starken Forschungsinteresses. Jean-Claude Bonnet widmet sich hierbei Jean-Paul Marat (1743-1793) als einem politischen Heiligen, während Frithjof Benjamin Schenk den Helden- und Führerkulten im frühen Sowjetrussland nachgeht. Besonders weiterführend sind Schenks, vom sehr gelungen beschriebenen Lenin-Kult ausgehende Überlegungen zum Verhältnis von Revolution und Religion im russischen Kontext. So konstatiert er, dass "[t]he Lenin cult was less an actual substitute for religion than a party effort to fuse religion and political rituals to mobilize the population and to legitimize the new regime" (226). Im Vergleich der beiden Artikel werden auch unterschiedliche Forschungstraditionen deutlich, fehlt doch die Einbettung in die Diskussionen um das Konzept der "Politischen Religionen" bei Bonnet völlig, während Schenk sie ausgewogen und klug miteinbezieht.

Was dem Sammelband gut zu Gesicht gestanden hätte, wäre ein systematisch die jeweiligen Artikel aufeinander beziehendes Fazit. So stehen die meisten Aufsätze, trotz der durchaus gelungenen Einführung, mehr oder weniger unverbunden nebeneinander. Das Vergleichen und die Schlussfolgerungen, die sich hieraus ergeben mögen, obliegen allein dem Leser. Es bleibt so nicht ganz deutlich, worin der theoretisch-methodische Mehrwert des Vergleiches gerade dieser beiden Revolutionen liegen mag. Nichtsdestotrotz machen die meist sehr gelungenen, sehr komplexen Aufsätze deutlich, dass die Erforschung des Verhältnisses von Revolution und Religion vor allem wohl auch im Blick auf das 19. Jahrhundert, noch einige spannende Erkenntnisse zum Vorschein bringen mag.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Mark Edward Ruff: Integrating Religion into the Historical Mainstream. Recent Literature on Religion in the Federal Republic of Germany, in: Central European History 42 (2009), 307-337.

[2] Vgl. hierzu Detlef Pollack: Historische Analyse statt Ideologiekritik: Eine historisch-kritische Diskussion über die Gültigkeit der Säkularisierungstheorie, in: Geschichte und Gesellschaft 37 (2011), 482-522.

Benedikt Brunner