Rezension über:

Bill Emmott: Good Italy, Bad Italy. Why Italy Must Conquer Its Demons to Face the Future, New Haven / London: Yale University Press 2012, XII + 299 S., ISBN 978-0-300-18630-7, USD 30,00
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Rezension von:
Wolfgang Altgeld
Lehrstuhl für Neueste Geschichte, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Altgeld: Rezension von: Bill Emmott: Good Italy, Bad Italy. Why Italy Must Conquer Its Demons to Face the Future, New Haven / London: Yale University Press 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 10 [15.10.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/10/22867.html


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Bill Emmott: Good Italy, Bad Italy

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Bill Emmott hat einen recht interessanten, in einiger Hinsicht allerdings auch erstaunlichen Beitrag zur internationalen politischen Italienliteratur vorgelegt. Emmott war von 1993 bis 2006 Herausgeber der global renommierten Londoner Wochenzeitschrift "The Economist", dabei entsprechend seiner vorherigen journalistischen Karriere und seinen vorherigen Buchveröffentlichungen kein Kenner der italienischen, sondern ein Kenner der ostasiatischen, zumal japanischen politökonomischen Verhältnisse. Im April 2001, kurz vor der anstehenden nationalen Wahlentscheidung zwischen dem noch regierenden linken und dem schon siegessicheren Mitte-Rechts-Wahlbündnis, hat er eine profunde, dezidiert provokante große Titelgeschichte zur drohenden zweiten Ministerpräsidentschaft Berlusconis verantwortet: "Why Silvio Berlusconi is unfit to lead Italy". [1] Es folgten langwierige und wiederholte Leserbriefgefechte: eins der vielen Zeichen anschwellenden europäischen Unbehagens an der Politik und, mehr noch, am Stil von Berlusconis bis 2006 währender, also nach italienischen Maßstäben obendrein ungewöhnlich langwährenden Regierung. Es folgten jahrelange, über Emmotts Ausscheiden hinaus fortgesetzte gerichtliche Auseinandersetzungen aufgrund einer Beleidigungsklage Berlusconis. Und seither beobachtete der "Economist" in beinahe singulärer Konsequenz die politischen Wege und Abwege des medienmächtigen Populisten, erst recht unter den Eindrücken seiner dritten Ministerpräsidentschaft zwischen 2008 und 2012: "The Man who screwed an entire country". [2] Indessen hatte einer der federführenden Redakteure jener ersten Titelgeschichte den "Mann" schon in einem Buch durchgreifend charakterisiert, ja, ihn für die interessierte britische Öffentlichkeit gewissermaßen zerlegt. [3]

Nur vor dieser Szenerie lassen sich Emmotts Interesse, Problemstellung und grundlegendes Vorgehen verstehen. Es geht nicht um Berlusconi, dessen Verhunzungen des Politischen und Verantwortung für den Abbruch strukturreformerischer Ansätze. Berlusconi ist nunmehr einem tief verwurzelten und weit verbreiteten "schlechten Italien" zugeordnet, charakterisiert als Erbe der Craxi und Andreotti, allesamt Manipulatoren eingefleischten zivilen Missverhaltens - reichend vom korrumpierenden Klientelismus unkontrollierter Eliten mit offenen Pforten in die Hölle organisierter Kriminalität hin zur Ausbeutung des Staates zu privaten Zwecken, von sozialpolitischer Bestechung relevanter Wählergruppen und -schichten hin zur Überwältigung der Wirtschaft und des Finanzwesens durch einen also zweckentfremdeten Staat. Die Chance des "guten Italien" in den frühen 1990er Jahren, jenseits des zusammengebrochenen alten Parteiensystems eine fundamentale Renovierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu verwirklichen, ist erst von den politischen Hoffnungsträgern vertan, danach von den Berlusconi-Regierungen zerstört worden: mit dem Preis ruinierter Staatsfinanzen und wirtschaftlicher Stagnation, des Absturzes im globalen Wettbewerb, des Verlustes von innovatorischem Selbstvertrauen.

Dem ehemaligen Herausgeber des "Economist", der übrigens in Oxford zur Politik- und Wirtschaftswissenschaft Philosophie studiert hat, sind das lauter Fraglosigkeiten. Erst dahinter konnte Emmott seit 2006 sein im Wortsinn eigentümliches Interesse an den italienischen Zuständen entwickeln - dieses Interesse, unter den Oberflächen der fatalen Gegenwart die Elemente des "guten Italien" zu finden, ja, vielmehr noch, dessen Kräfte zu einem neuen Anlauf: zur selbstbewussten Nutzung der nach Berlusconis Abgang sicherlich kommenden zweiten Chance zu ermutigen. Er sieht sich gleichsam berufen, gegen den Hang zu vieler "guter" Italiener, die eigene Nation und deren Potentiale schlecht zu denken und zu reden, anzugehen, und weiß sich dabei begünstigt durch deren genau in solcher Grundhaltung wurzelndes, im Vergleich mit anderen Nationen geradezu befremdliches Interesse "in what a foreigner might have to say about their country" (13): erst recht, soll hinzugefügt werden, wenn es sich um einen Ausländer von Emmotts Reputation handelt. So jedenfalls hat seine Suche nach dem "guten Italien" als Recherche im "guten Italien" in journalistischer Manier funktioniert: Gespräche und Interviews mit zahlreichen bekannten, teils europaweit bekannten Persönlichkeiten, aber auch mit rein regionalen oder lokalen Größen im politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Leben des Landes, hierbei unterstützt von opponierenden italienischen Journalisten und Netzwerkern. Einige aktuelle "Schlüsseldokumente", genauer gesagt: von Emmott als "Schlüsseldokumente" vorgestellte publizierte Quellen [4], dazu einige, eher wenige wissenschaftliche Referenzwerke (289f. verzeichnet) dienen zur Ergänzung jener Grundlagen. Das Resultat war ein zunächst in Italien allein publiziertes Buch [5], welches 2012 Rahmen und Ausrichtung einer mit Annalisa Pira, einer seit längerem in England tätigen italienischen Journalistin, produzierten Filmdokumentation mitbestimmt hat [6] und welches wenig später schließlich in erweiterter, über den Sturz Berlusconis hinaus und in die erste Amtszeit Mario Montis hineinführender Form in englischer Sprache veröffentlicht worden ist.

Emmotts "gutes Italien", das ist erstens die Nation an sich mit ihren in allen Zeitaltern bewiesenen großartigen Anlagen. Das sind zweitens all jene, die diese Anlagen in der Gegenwart herausragend verkörpern, überall im Land in verschiedensten Positionen und Funktionen, einige von ihnen Gesprächspartner Emmotts also Zeugen seiner Überzeugung. Und das sind drittens jene Köpfe unter ihnen, welche überdies mit Emmotts sozioökonomischen und politischen Prinzipien weitgehend übereinstimmen, darunter bevorzugt Reformer aus der Finanzwelt: aktuell Draghi und Monti. Damit endlich nichts mißverstanden wird, hat er im letzten Kapitel unter Wiederholung des Buchtitels das Generalprogramm zur Realisierung von Italiens zweiter Chance skizziert: Reduktion der Staatsschulden durch Minimierung der staatlichen Aufgaben, durchgreifende Privatisierung, Abbau des öffentlichen Dienstes, Senkung der Pensionen, Senkung der Arbeitskosten, Deregulierung der Wirtschaft und Liberalisierung des Bankenwesens, des Arbeitsrechts, Privatisierungen der Universitäten zwecks Ermöglichung globaler "top-class performance", konsequenterweise eine Straffung der parlamentarischen Demokratie durch eine rigide Wahlrechtsreform... Japan, England, Deutschland im neuen Jahrtausend werden als Modelle gerühmt - und Italien selbst, nämlich wegen seiner liberalen Wiedergeburten 1861 und 1946. Und dem lassen sich, sozusagen ahistorisch und global zwanglos, inspirierende Geistesverwandte zugesellen, Cavour, Luigi Einaudi zum Beispiel und Thatcher, Merkel oder auch Wen Jiabao, Obama, nie zu vergessen Adam Smith.

Es ist interessant, die neoliberalen Grundsätze derartig rigoros an einem konkreten Problemfall abgearbeitet zu lesen, und es ist erstaunlich, dass den Autor nicht der geringste Zweifel an deren überhistorischer weltweiter Gültigkeit plagt. So lassen sich vorzüglich lesbare, verführerisch unzweideutig auf den Punkt kommende Bücher schreiben. Wer am Erkenntniswert einer Einteilung des Phänomens Italien in "gut" und "böse", an der Tauglichkeit einseitiger Recherche, an ahistorischen geschichtlichen Beschlagnahmungen zweifelt, wer auch etwas erfahren will über den geschichtlichen Anteil liberaler Wirtschafts- und Finanzpolitik an den aktuellen Problemen Italiens, der mag in deutscher Sprache zunächst auf das fast zur selben Zeit entstandene Werk von Hans Woller zurückgreifen. [7]


Anmerkungen:

[1] The Economist, 26. April 2001.

[2] The Economist, 2. März 2010.

[3] David Lane: Berlusconi's Shadow, London 2005.

[4] So zum Beispiel eine Rede Mario Draghis, damals noch Chef der Banca d'Italia, im Oktober 2011 zur italienischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte seit der nationalstaatlichen Einigung 1861 und zu den heutigen Herausforderungen.

[5] Bill Emmott: Forza Italia. Come ripartire dopo Berlusconi, Mailand 2010.

[6] Englischer Titel: "Girlfriend in a Coma". Von vielen, auch italienischen Sendern ausgestrahlt, in Italien wohl auch recht erfolgreich in öffentlichen Programmvorführungen eingesetzt.

[7] Hans Woller: Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert, München 2010.

Wolfgang Altgeld