Rezension über:

Jayanta Kumar Ray: India's Foreign Relations. 1947-2007 (= South Asian History and Culture; 4), London / New York: Routledge 2011, XVI + 814 S., ISBN 978-0-415-59742-5, GBP 65,00
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Rezension von:
Amit Das Gupta
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Amit Das Gupta: Rezension von: Jayanta Kumar Ray: India's Foreign Relations. 1947-2007, London / New York: Routledge 2011, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 10 [15.10.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/10/21501.html


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Jayanta Kumar Ray: India's Foreign Relations

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Indien wäre so gerne Mitglied im Klub der Großmächte. Mag es wirtschaftlich nach zwei Jahrzehnten enormer Wachstumsraten auf dem besten Wege dorthin sein, hat es außenpolitisch wenig vorzuweisen, um diesen Anspruch zu untermauern. Das militärische Potenzial mit einer der größten Armeen der Welt und Atomwaffen relativiert sich in seiner Bedeutung, wenn man die Nachbarschaft gleich zweier feindlich gesinnter Nuklearmächte in Rechnung stellt. Was Indien aber vor allem fehlt, ist die weltpolitische Perspektive. Dies zeigt sich nicht zuletzt am Fehlen einer einigermaßen aktuellen Gesamtdarstellung zur indischen Außenpolitik.

Jayanta Kumar Ray von der Calcutta University wäre sicher der Letzte, der für Abstriche am Großmachtanspruch plädieren würde. In einer Historikerszene, die nachhaltig von der Faszination der 1970er Jahre für den Marxismus geprägt ist, darf Ray zu den seltenen Falken gerechnet werde. Schon die Gliederung des Buches zeigt jedoch, wie klein die Welt sein kann: Neben den unmittelbaren Nachbarn Pakistan, China, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka sind nur die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien, die USA und die Sowjetunion bzw. Russland Gegenstand der Untersuchung. Das Ganze wird abgerundet durch Abschnitte zur Blockfreiheit und zur Nuklearpolitik. Lateinamerika wurde in Neu-Delhi schon mit der Erlangung der Unabhängigkeit für irrelevant befunden. Dass Ray selbiges implizit auch für das übrige Europa, den afrikanischen Kontinent und sogar die arabische Welt gelten lässt, gibt allerdings weder die politischen Realitäten noch den Forschungsstand korrekt wieder. Schon wegen der Dauerquerelen mit dem Erzfeind Pakistan pflegt Neu-Delhi traditionell gute Beziehungen mit dem Mittleren Osten und insbesondere mit Afghanistan. Dies hat die ebenfalls nicht erwähnte, mittlerweile enge indisch-israelische Zusammenarbeit von jeher zu einer heiklen Gratwanderung gemacht. Afrika spielt wegen der indischen Diaspora und seiner Märkte eine nicht unwichtige Rolle, auch wenn Neu-Delhi dort wenig sichtbar agiert. Die Beziehungen zu den europäischen Staaten schließlich sind nicht nur wirtschaftlich relevant. Mögen Studien zu den deutsch-indischen Beziehungen aus sprachlichen Gründen nicht berücksichtigt worden sein [1], kann das z.B. für Krishnamurthys exzellente Untersuchung des Verhältnisses zu Frankreich nicht gelten. [2]

Auch in anderer Hinsicht wird das Buch dem Anspruch einer Übersichtsdarstellung zur indischen Außenpolitik nicht gerecht. Es spricht Bände, dass die letzte brauchbare dieser Art von 1971 datiert. [3] An den Universitäten des Landes erforschen Historiker meist nur die Jahre bis zum Ende der Ära Nehru 1964, die Politikwissenschaft konzentriert sich auf die Zeit nach Ende des Kalten Krieges. Dazwischen liegt ein weitgehend unbearbeitetes Niemandsland, das auch Ray oft nicht abzudecken vermag. Seine Studie ist somit nicht nur in regionaler, sondern auch in chronologischer Hinsicht selektiv angelegt. Streng genommen muss sie ohnehin als eine Art Großpolemik verstanden werden: Der Tenor geht fast durchgängig dahin, dass sich blauäugige indische Regierungen - und insbesondere Nehru - von böswilligen Nachbarn die Butter haben vom Brot nehmen lassen. Weite Teile lesen sich wie eine schäumende Philippika gegen Versäumnisse der Nehru-Gandhi Dynastie. Von Systematik bleibt bei so viel Emotionen nicht mehr viel übrig: Setzt das China-Kapitel mit langatmigen Ausführungen zur tibetischen Geschichte seit dem 7. Jahrhundert (!) an, dürfte Ray wohl der Erste sein, der zu den indisch-pakistanischen Beziehungen schreibt, ohne irgendwo auf die prägende Vorgeschichte der Teilung Britisch-Indiens einzugehen. Ein Blick in die Anmerkungen zeigt, wie einseitig teilweise argumentiert wird. Die Ausführungen über die frühen Jahre des Kaschmirdisputs basieren ungeachtet einer umfangreichen wissenschaftlichen Literatur fast ausschließlich auf Chandrashekar Dasgupta [4], dessen Arbeit nach Srinath Raghavans "War and Peace" [5] mittlerweile im Wesentlichen als überholt gelten darf. Raghavans Erkenntnisse machen auch Teile von Rays China-Kapitel obsolet.

Ein Verdienst Rays ist es dagegen, Indiens Beziehungen zu den kleineren Nachbarn in den Blick zu nehmen. Mag man vom Verhältnis zu Bangladesch nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1971, seit den jüngeren Debatten um den Islamismus, im Kontext um Wasserverteilungsdebatten oder Planspielen um Gaspipelines eine gewisse Vorstellung haben, sind Sri Lanka und noch mehr Nepal in der Regel weiße Flecken auf der Landkarte. Das Bangladesch-Kapitel steht allerdings ebenfalls unter dem Vorzeichen feindlicher Nachbar versus blauäugiges Indien, das sich arglos von Migranten überschwemmen und Terroristen infiltrieren lässt, zu viel vom Wasser des Ganges abgibt und seit Jahrzehnten die wiederkehrenden Pogrome an der Hindu-Minderheit übersieht. Nepal hätte nach Ansicht Rays 1950 gleich komplett der Indischen Union einverleibt werden sollen. Da dies unterblieb, konnte die Königsfamilie über Jahrzehnte eine Außenpolitik zum Schaden des südlichen Nachbarn betreiben. Sehr viel ausgewogener ist das Kapital zu Sri Lanka, wo der Autor einräumt, dass die vielfältigen bilateralen Probleme der Komplexität der Lage geschuldet sind.

Wirklich lesenswert sind die Kapitel zur Sowjetunion und den USA. Ray wehrt sich zu recht vehement gegen die Neigung, das seit Jahrzehnten stabil gute Verhältnis zu Moskau zu verklären. Stattdessen rechnet er es in bester realpolitischer Manier auf den beiderseitigen Nutzen herunter - z.B. Waffenlieferungen, das garantierte Veto im Sicherheitsrat bei Kaschmirdebatten oder die Eindämmung Chinas. Entgegen dem Mythos weist er zudem überzeugend nach, dass der langjährige indisch-sowjetische Tauschhandel seit den 1970er Jahren zum Nachteil Neu-Delhis geriet, das für minderwertige Lieferungen Produkte exportieren musste, die auf dem Weltmarkt Gewinne in harter Währung erzielt hätten. Abgesehen von Rays Nehru-Phobie ist auch die Analyse des indisch-amerikanischen Verhältnisses ausgezeichnet. Statt sich auf die sonst üblichen gegenseitigen Beschuldigungen einzulassen, erklärt er die trotz so vieler gemeinsamer Werte und Zielstellungen oft heftigen Konflikte schlüssig mit dem beiderseitigen Unverständnis für die Weltsicht des jeweils anderen. Wenige Autoren haben das in dieser Tiefenschärfe getan.

Rays ewiges Querdenken hat dort etwas Gutes, wo lieb gewonnene Plattitüden hinterfragt werden - etwa in einem vorzüglichen Kapitel zur Blockfreiheit. Ray analysiert, wie mit diesem Begriff versucht wurde und wird, einer oft ziellosen, gelegentlich sogar höchst unmoralischen Außenpolitik den Anschein einer klaren Linie oder gar von Idealismus zu geben. Dabei war das indische Schweigen zu den sowjetischen Interventionen in Ungarn, der CSSR und Afghanistan kein Ruhmesblatt, die Kaschmir- und die Chinapolitik der Nehru-Jahre bestenfalls grob fahrlässig. Mochte man dem ersten Premierminister noch das Bemühen um einen Beitrag zu einer Weltfriedenspolitik zugutehalten, verkam Blockfreiheit unter seiner Tochter Indira Gandhi zur nackten Machtpolitik.

Schließlich hat dieses Buch einen weiteren Erkenntniswert: Es gibt in aller - oft ermüdender - Ausführlichkeit Zeugnis vom Weltbild indischer Falken. Wenn Ray postuliert, man könne erst dann in fruchtbare Verhandlungen mit Pakistan eintreten, wenn man es zuvor politisch und militärisch in die Knie gezwungen habe, belegt das zweierlei: Indiens Falken geht jegliches Verständnis für das innen- und außenpolitische Koordinatensystem des feindlichen Bruders ab. Und sie haben - gerade deswegen - keinerlei Lösungen parat, wie Indien die Dauerscharmützel mit den allesamt wenig wohlgesonnenen Nachbarn beenden könnte, um 65 Jahre nach der Unabhängigkeit endlich aus dem engen südasiatischen Rahmen herauszutreten und eine seiner Größe und seinen Ambitionen angemessene Rolle zu spielen. Für das Verhältnis zu den nicht-asiatischen Großmächten haben sie dagegen ein ausgezeichnetes Verständnis. Alles in allem sind Teile dieses Buches sehr zu empfehlen, größere aber nur mit Vorsicht zu genießen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Amit Das Gupta: Handel, Hilfe, Hallstein-Doktrin. Die bundesdeutsche Südasienpolitik unter Adenauer und Erhard, 1949-1966, Husum 2004; Johannes Voigt: Die Indienpolitik der DDR. Von den Anfängen bis zur Anerkennung (1952-1972), Köln 2008.

[2] Vgl. B. Krishnamurthy: Indo-French Relations. Prospects and Perspectives, Delhi 2005.

[3] Vgl. Charles Heimsath / Surjit Mansingh: A diplomatic History of India. Bombay 1971.

[4] Vgl. Chandrashekar Dasgupta:War and Diplomacy in Kashmir, 1947-48, New Delhi 2002.

[5] Vgl. Srinath Raghavan: War and Peace in modern India. Basingstoke 2010.

Amit Das Gupta