sehepunkte 13 (2013), Nr. 9

Sebastian Conrad: Globalgeschichte

In den vergangenen Jahren sind im deutschsprachigen Raum schon mehrere Versuche gemacht worden, Einführungen und Überblicke zum Feld der Globalgeschichte zu liefern. Sebastian Conrad von der Freien Universität Berlin ist einer der profiliertesten deutschen Vertreter dieses historiographischen Trends und bringt unzweifelhaft den für ein solches Unterfangen notwendigen Hintergrund mit. Conrad hat nicht nur für seine Habilitation die Geschichte des deutschen Kaiserreichs unter globalhistorischem Blickwinkel untersucht, sondern als (Mit-)herausgeber von Sammelwerken sowie einer Buchreihe zur Globalgeschichte den theoretischen Rahmen des Konzepts und verwandter Ansätze und eine beachtliche Menge von Sekundärliteratur globalhistorischen Zuschnitts sehr umfassend im Blick.

Die Einführung positioniert sich gegenüber anderen Versuchen denn auch durch die starke theoretische Einrahmung und die ausgiebige Diskussion des epistemologischen Potenzials von mit der Globalgeschichte korrespondierenden Ansätzen (postcolonial studies, Weltsystemtheorie...). Eine theorielastige Einführung ist durchaus opportun, ist Globalgeschichte doch ein historiographischer Modebegriff und somit ein sehr offenes Konzept, was eine wissenschaftstheoretische Verortung grundsätzlich schwierig macht. Wem das Sammelwerk Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen bekannt ist, den Sebastian Conrad, Andreas Eckert und Ulrike Freitag 2007 herausgegeben haben, der wird im vorliegenden Versuch Vieles wiedererkennen können. Im Wesentlichen folgt das neue Buch dem Aufbau, der in der Einleitung im älteren Sammelband bereits erprobt wurde. Der Mehrwert der Monographie liegt somit vor allem darin, die theoretischen Einzelleistungen zu synthetisieren und in eine Narrative zu bringen, die das Feld der Globalgeschichte besser umschreiben soll.

Die ersten beiden Kapitel widmen sich der historischen Entwicklung von ökumenischen oder universalen Geschichtsbetrachtungen seit der Antike, ihren Leistungen und Problemlagen, wobei die rezenten Entwicklungen ab 1990, also seit der Begriff der Globalgeschichte ins Spiel kam, ein eigenständiges Kapitel bilden. Ein weiteres Kapitel stellt die wesentlichen Kritikpunkte an der Globalgeschichte vor, mit dem Ziel, die Grenzen und Schwierigkeiten bei der Arbeit innerhalb des Paradigmas selbst besser reflektieren zu können. Es ist dem Autor anzurechnen, dass er diesen Abschnitt nicht in apologetischer Weise konstruiert, sondern einerseits wirkliche Grenzen aufzeigt und andererseits von sich aus selbstkritische Gedanken aufwirft, um das Paradigma weiterzuentwickeln.

Auf die Auseinandersetzung mit der Kritik folgt eine Vorstellung von "Ansätzen, Theorien und Paradigmen". Darin werden eigentlich erneut Konzepte aufgegriffen, die bereits in der Betrachtung der historiographischen Traditionsstränge vorgestellt wurden, wodurch sich einige Redundanzen ergeben. Conrad referiert jeweils über Thesen, Vertreter und Kritik an den postcolonial studies, der Weltsystemtheorie und dem Konzept der multiple modernities. Nicht ganz dazu passt der Abschnitt "Netzwerke", in dem es sehr allgemein um die Netzwerken in Studien zu globalen Prozessen zugemessene Bedeutung geht.

Im anschließenden Kapitel "Kontroversen" geht es (erneut) um den Eurozentrismus, die Frage nach dem Beginn der Globalisierung, um die great divergence und, nach dem Abschnitt multiple modernities im Kapitel davor, diesmal um early modernities. Auch hier gibt es also eine schwache konzeptionelle Abgrenzung der Kapitel. So stellt sich auch die Frage, warum einer grundlegenden Problematik wie dem Eurozentrismus, die ab der Einleitung permanent in die Darstellung eingeflochten wird, erst auf Seite 137 ein eigener Abschnitt gewidmet wird.

Den Abschluss der Darstellung bilden unter dem Lemma "Globalgeschichte in Aktion" Einzelrezensionen von zehn Werken, die Conrad dafür heranzieht, Tendenzen, Möglichkeiten und Grenzen der Globalgeschichte konkret aufzuzeigen, wobei er ausführlich auch die Rezeption der Bücher in der Fachwelt referiert. An dieser Stelle des Buches hat meiner Meinung nach ein erneutes Aufgreifen der zuvor besprochenen Punkte seinen legitimen Platz. Conrad zeigt auf diese Weise, wie zentral und geeignet die von ihm dargestellten Ansätze, Kontroversen und Kritikpunkte auf konkrete globalhistorische Arbeiten angewendet werden können.

Allerdings sind schon in den inhaltlichen Kapiteln einige Abschnitte eher zu rezensionsartigen Zusammenfassungen bestimmter Monographien oder ganzer Œuvres (Wallerstein, Pomeranz, Said, Castells, Eisenstadt) geraten. In anderen Bereichen finden sich hingegen komplexe historiographische Debatten und Ansätze in verdichteter Form assertorisch zusammengefasst (zum Beispiel die atlantic history, 209), einige Abschnitte zu Forschungsfeldern, zum Beispiel die "globalen Waren", Umweltgeschichte oder der Abschnitt "Race" werden zu stark heruntergebrochenen "kurzen Geschichten" der jeweiligen Thematik. Die verdichtete Darstellung spricht einerseits für die enorme Bandbreite der von Conrad einbezogenen Literatur, bewegt sich aber - ein generelles Problem der Sekundärliteratur-lastigen Globalgeschichte - auch oft an der Kippe zur Verkürzung.

Sehr positiv anzumerken ist, dass Conrad stets Wert darauf legt, den sich aus den Arbeiten und Debatten ergebenden Nutzen für den globalhistorischen Erkenntnisgewinn hervorzuheben. Besonders gut gelingt ihm das in seinem Plädoyer dafür, die Globalgeschichte nicht auf die makrohistorische und "totalgeschichtliche Betrachtung" der Welt zu reduzieren, sondern auch mikrohistorische und räumlich- zeitlich sehr begrenzte Forschungen aus dieser Perspektive zu unternehmen (199-202). Ebenfalls sehr gut gelingt es dem Autor - der selbst eine globalhistorische Studie zum deutschen Kaiserreich verfasst hat - das epistemologische Potenzial des Nationenbegriffs für die Globalgeschichte herauszustreichen, obwohl ja gerade die Globalgeschichte den nationalen Blickwinkel in der Geschichtsbetrachtung zu überwinden trachtet.

Schmerzhaft ist hingegen aus meiner Sicht das Fehlen einer Darstellung der komparativen Arbeitsweise, obwohl der historische Vergleich eine der wesentlichen Methoden und Herausforderungen der Globalgeschichte ist - nicht von ungefähr trägt eine der Globalgeschichte gewidmete deutsche Fachzeitschrift den Titel comparativ. Hilfreich wäre möglicherweise auch eine Thematisierung der Frage gewesen, wie sich globalhistorische Fragestellungen je nach betrachteter Epoche (und damit je nach Grad globaler Vernetzungen, Integration und Systeme) ändern beziehungsweise unterschiedlich behandelt werden müssen. Und bei seiner Betrachtung der "Netzwerke" verpasst Conrad die Gelegenheit, mit der Netzwerkanalyse ein dank computergestützter Datenauswertung sehr konzises methodisches Instrumentarium der Globalgeschichte zu präsentieren.

Als grundsätzliche Kritik am Buch bleibt somit, dass methodologische Betrachtungen weitgehend ausgeklammert sind, während theoretische Überlegungen zum Eurozentrismus oder teleologischen Geschichtskonzepten immer wieder in nur leicht verändertem Kontext auftauchen. Die zahlreichen und bemerkenswerten Stärken des Autors - seine umfangreiche und ausgezeichnete Beherrschung der theoretischen Zugänge, die detaillierte Kenntnis einer wirklich bemerkenswerten Menge einzelner Forschungen sowie die Fähigkeit, diese prägnant und lesbar zu synthetisieren - werden angesichts dieses Versäumnisses in der Konzeption des Werkes leider unter ihrem eigentlichen Wert geschlagen.

Rezension über:

Sebastian Conrad: Globalgeschichte. Eine Einführung (= Beck'sche Reihe; 6079), München: C.H.Beck 2013, 304 S., ISBN 978-3-406-64537-2, EUR 14,95

Rezension von:
Werner Stangl
Graz
Empfohlene Zitierweise:
Werner Stangl: Rezension von: Sebastian Conrad: Globalgeschichte. Eine Einführung, München: C.H.Beck 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de/2013/09/22836.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.