sehepunkte 13 (2013), Nr. 4

Iohannis Alphonsi de Segovia: Liber de substancia ecclesie

Leben und Werk des spanischen Theologen Johannes von Segovia sind auf engste Weise mit dem Basler Konzil (1431-1449) verknüpft, an dem er seit 1433 kontinuierlich teilnahm und dessen theologisches Profil er wie kein anderer Konzilsvater bestimmt hatte. Dennoch begann nach dem Ende des Basler Konzils die schriftstellerisch kreativste Phase seines Lebens. Zurückgezogen im Priorat Aiton in Savoyen ging Johannes von Segovia nun daran, frei von tagespolitischer Polemik die Ereignisse und Ideen der Konzilszeit zu resümieren und neu zu reflektieren, bis der Fall Konstantinopels 1453 und die spürbar gegenwärtige Türkengefahr ihm ein neues beherrschendes Thema aufdrängten: die Auseinandersetzung mit dem Islam.

Ebenso wie Segovias monumentale Chronik des Basler Konzils blieb daher auch der in diese Zeit einzuordnende 'Liber de substancia ecclesie' unvollendet. Der nun von José Luis Narvaja erstmals vollständig edierte Text ist lediglich im Handexemplar des Autors aus seinem Handschriftennachlass (Salamanca, UB, Ms. 55 f. 1r-91r) und in einem kurzen Fragment erhalten, welches nur ein Kapitel umfasst (Vatikanstadt, BAV, Vat. lat. 2923 f. 147v-157v). Der Traktat war in der Forschung nicht ganz unbekannt. Nachdem bereits Werner Krämer wesentliche Angaben zum Inhalt gemacht hatte, widmete Santiago Madrigal Terrazas dem 'Liber de substancia ecclesie' eine umfassende Monographie, die Ausgangspunkt jeder weiteren Beschäftigung mit dem Text sein wird, und edierte bereits umfangreiche Auszüge des Textes.[1] Eine zusammenfassende Einleitung, wiederum von Santiago Madrigal Terrazas, ist der nun vorliegenden Edition vorangestellt (13-55).

Während Johannes von Segovia mit seiner Konzilschronik, der 'Amplificatio' zu seiner Rede vom Mainzer Reichstag 1441 und dem 'Liber de magna auctoritate episcoporum in concilio generali' eine umfassende historische und ekklesiologische Synthese der Konzilszeit unternimmt, setzt er im 'Liber de substancia ecclesie' denkbar abstrakter an.[2] Die Bestimmung des Wesens und der Struktur der Kirche geht nicht von den in dieser Zeit erschöpfend durchgearbeiteten und diskutierten Zitaten aus der Bibel, den Schriften der Kirchenväter und den Rechtsbüchern aus, sondern erfolgt in fundamentaltheologischer Weise auf der Basis einer Lehre von den Engeln und der Fleischwerdung Gottes. Damit fügt sich der Traktat nicht einfach in die Reihe der für diese Zeit charakteristischen dogmatischen Kirchentraktate vom Typ eines 'Tractatus de ecclesia' des Johannes von Ragusa oder der 'Summa de ecclesia' des Juan de Torquemada ein, sondern integriert theologische Traktate vom Typ 'de angelis' und 'de incarnatione' in eine durch die zeitgenössischen politischen Fragen motivierte konkrete Ekklesiologie.

So zumindest der Ansatz Segovias. Die Umsetzung ist jedoch auf halber Strecke steckengeblieben: "vix medifactus" erschien er dem Autor, als er ihn der Universität von Salamanca hinterließ. Das ursprüngliche Vorhaben ist durch Inhaltsangaben in der Praefatio zu erschließen. Vier Bücher waren geplant: Das ersten Buch sollte die Kirche "in celo empyreo" beschreiben, das zweite Buch die spekulative Frage nach dem Status der Kirche ohne Eintritt des Sündenfalls beantworten, bevor im dritten Buch die Kirche bei der Ankunft Christi auf Erden und im vierten Buch die Macht von Konzilien und Päpsten diskutiert werden sollten. Erhalten sind nach Ansicht des Herausgebers lediglich das erste Buch und der größte Teil des zweiten Buches, während Werner Krämer und ihm folgend Thomas Prügl annehmen, der überlieferte Textbestand entspreche den geplanten Büchern 1-3.[3] Die recht unsystematische und assoziativ voranschreitende Werkstruktur macht die Einteilung schwierig. Die in der Edition vorgenommene Einteilung scheint dem Gesamtplan Segovias jedoch eher zu entsprechen.

Buch 1 (93-278) entwirft eine Ekklesiologie einer himmlischen Urkirche vor der Schöpfung. Beherrschendes Thema ist der Kampf des Erzengels Michael mit seinen Engeln gegen Luzifer und dessen Gefolge. Die streitende Kirche im Himmel wird zum typologischen Vorbild der streitenden Kirche auf Erden. Die bereits in konkreten Basler Debatten polemisch angelegte Analogie zwischen Luzifer und dem Papst bekommt eine tief reflektierte Dimension. Das zweite Buch umfasst die 'ecclesia militans' auf Erden vor der Ankunft Christi. Neben der Begründung von zwölf Fundamenten der Kirche steht hier vor allem die spekulative These im Vordergrund, dass der Gottessohn auch ohne den Sündenfall notwendigerweise ein Mensch gewesen wäre. Ob Segovia im ungeschriebenen vierten Buch über das Verhältnis von Papst und Konzil seine Ausführungen aus dem 'Liber de magna auctoritate' und der 'Amplificatio' rekapituliert oder auf der Basis der vorangegangenen Kapitel zu einer tieferen Synthese geführt hätte, muss offen bleiben.

Methodisch offenbaren sich hier eine für Segovia typische Re-Theologisierung der zuvor stark kanonistisch besetzten Ekklesiologie und ihre bisweilen kompromisslose Reduktion auf die Bibelexegese in besonderem Maße. Wie die vorbildlich zusammengestellten Indices zeigen, schöpft die durchaus zitatengesättigte Argumentation vor allem direkt aus der Bibel. In weit geringerem Maße werden Kirchenväterwerke rezipiert, hier vor allem Augustinus. Juristische Werke sind praktisch unberücksichtigt; Gratian, der Liber Extra und die Digesten sind jeweils mit nur einem Zitat vertreten.

Der Editionstext folgt im Wesentlichen der Schreibweise des im Handexemplar Segovias überlieferten Textes und fügt nur behutsam Normalisierungen ein. Gleich vier Apparate erschließen den Text: 1) Wörtliche Zitate, 2) sinngemäße Zitate, 3) die bereits bei Madrigal Terrazas gedruckten Passagen und 4) der kritische Apparat mit den Varianten des Fragments Vat. lat. 2693 und den eigenhändigen Korrekturen Segovias. Der Text reproduziert die in der Haupthandschrift enthaltenen Absatzzeichen, verzichtet aber auf eine Nummerierung der Kapitel, welche den Überblick wesentlich erleichtert hätte.

Die inhaltlich und handwerklich musterhafte Edition dieses wichtigen Textes dürfte das in den letzten Jahren durchaus beachtliche Interesse an den Werken des Theologen Johannes von Segovia weiter befördern.


Anmerkungen:

[1] Werner Krämer: Konsens und Rezeption. Verfassungsprinzipien der Kirche im Basler Konziliarismus (Beiträge zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters, N.F. 19), Münster 1980, 252f.; Santiago Madrigal Terrazas: El proyecto eclesiológico de Juan de Segovia (1393-1458). Estudio del Liber de substantia ecclesiae. Edición y selección de textos, Madrid 2000.

[2] Johannes von Segovia: Historia de gestis concilii Basiliensis, in: Monumenta Conciliorum Generalium seculi decimi quinti, Bd. II und III, Wien 1873, 1886; 'Amplificatio', in: ebd. III 695-941; Liber de magna auctoritate episcoporum in concilio generali, ed. Rolf de Kegel (Spicilegium Friburgense, 34), Freiburg/Schweiz 1995.

[3] Krämer, Konsens und Rezeption (wie Anm. 1) 253; Thomas Prügl: Herbst des Konziliarismus? Die Spätschriften des Johannes von Segovia, in: Das Ende des konziliaren Zeitalters (1440-1450). Versuch einer Bilanz, hg. v. Heribert Müller (Schriften des Historischen Kollegs 86), München 2012, 153-174, hier 166.

Rezension über:

Iohannis Alphonsi de Segovia: Liber de substancia ecclesie. Cura et studio Jose Luis Narvaja SJ prolegomenis instructis Santiago Madrigal Terrazas SJ (= Rarissima Mediaeualia; Vol. III), Münster: Aschendorff 2012, 456 S., ISBN 978-3-402-10429-3, EUR 77,00

Rezension von:
Thomas Woelki
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Woelki: Rezension von: Iohannis Alphonsi de Segovia: Liber de substancia ecclesie. Cura et studio Jose Luis Narvaja SJ prolegomenis instructis Santiago Madrigal Terrazas SJ, Münster: Aschendorff 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 4 [15.04.2013], URL: http://www.sehepunkte.de/2013/04/21396.html


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