sehepunkte 13 (2013), Nr. 2

Bistum Münster und Domkammer der Kathedralskirche St. Paulus / Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) / Westfälische Wilhelms-Universität (Hgg.): Goldene Pracht

"Goldene Pracht" - das war das Versprechen, dass das LWL-Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte in Münster in einem ambitionierten Kooperationsprojekt mit der Domkammer Münster und dem Excellenzcluster "Religion und Politik" an der WWU Münster 2012 gab. Das Versprechen wurde durchaus eingelöst, versammelte die Ausstellung (und damit auch der begleitende Katalog) 275 Schatzstücke aus Dom-, Pfarr- und Klosterkirchen Westfalens und benachbarter Gebiete. Sicher war die Dringlichkeit der Ausstellung nicht in solchem Maße geboten, wie die Verantwortlichen einführend konstatieren (16); Schatzkunst in Westfalen war in den vergangenen beiden Jahrzehnten bereits wiederholt Thema großer Ausstellungen an selber Stelle [1], zudem werden in den westfälischen Dom- und einigen Pfarrkirchen die Schätze dauerhaft präsentiert und in ihren historischen und liturgischen Kontexten erläutert. Dennoch wirft der Katalog ein neues Licht auf die Goldschmiedekunst des Mittelalters, sie wird hier in erster Linie als historisches Phänomen betrachtet, was angesichts der heute wie damals sozial und (kirchen-)politisch nicht einheitlichen Regionen "Westfalens" sicher ein gangbarer Weg ist.

Der Katalog gliedert sich in einen Aufsatz- und einen Katalogteil. Letzterer ist in thematische Kapitel unterteilt und ordnet die insgesamt 277 Einzelobjekte diesem Konzept unter. Jedes Kapitel wird durch einen kurzen Essay eingeleitet. Der Aufsatzteil umfasst neun Beiträge, die die "Goldene Pracht" aus unterschiedlichen historischen, liturgischen und handwerklichen Blickwinkeln betrachten.

Den Sinn mittelalterlicher Prachtentfaltung beleuchten eingangs Gerd Althoff und Petra Marx (20-29). Als frömmigkeitsgeschichtliche Einführung zeigt der Beitrag von Althoff die sozialen und wirtschaftlichen Hintergründe der mittelalterlichen Memoria auf. Marx ergänzt diesen Beitrag um die künstlerische Ausgestaltung dieser Erinnerungskultur. Dem Umfang und einführenden Charakter des Beitrags ist vermutlich geschuldet, dass die Ausführungen dabei meist ohne Quellenbelege und zu wenig kritisch bleiben, wie etwa die Behandlung der "redenden Reliquiare" (28). Neuere Beiträge konnten hier in den letzten Jahrzehnten ein deutlich differenzierteres Bild zeichnen. [2]

Werner Freitag beleuchtet in seinem Beitrag (30-39) die Auftraggeberschaft der "Goldenen Pracht" vom Hochmittelalter bis zur Reformation, aufbauend auf den Beziehungen zwischen Kirche und Stadt sowie den frommen Praktiken in Westfalen. Als Besonderheiten macht Freitag die "dezentrale Kirchenorganisation Westfalens, das Fehlen eines großen Kultzentrums und eines Landespatrons" (37) aus, die den Blick auf die Auftraggeber "Goldener Pracht" lenken. Insbesondere im Spätmittelalter fehlte hier ein Herrscher, der seine Residenz mit einer Reliquiensammlung ausgestattet hätte - die Reichsferne Westfalens hatte, das zeigt Freitag, so auch gegenständliche Folgen für die Reliquien- und Heiligenverehrung vor Ort. Interessant sind die in Westfalen vor allem im Spätmittelalter verbreiteten Nahwallfahrten mit Marien- und Kreuzumtrachten (Altlünen, Telgte, Stromberg, Coesfeld), während Reliquienkulte nur regional Bedeutung erlangten (Pusinna in Herford, Liborius in Paderborn, Liudger in Werden, Vitus in Corvey).

Dietrich W. Poeck legt den Schwerpunkt auf die materielle Überlieferung der Memoria in Westfalen (40-48), wobei besonders die quellen- und objektnahe Ausrichtung des Beitrags überzeugt. Die zahlreichen Beispiele konkreter Überlieferung in Form von Retabeln, Grabdenkmälern und vereinzelt auch vasa sacra sowie testamentarischen und urkundlichen Quellen finden sich mehrheitlich aufgrund ihrer Größe und Materialität nicht im Katalog. Der Beitrag von Poeck ist daher eine dankenswerte Erweiterung.

Eva Schlotheuber behandelt anhand von drei Quellen des 14. und 15. Jahrhunderts die politische und juristische Reichweite frommer Stiftungen (50-57) mit einem spezifischen Augenmerk auf den Stifterinnen. Interessant sind hier die in ihrer Rechnungslegung belegten Anstrengungen, die Herzogin Margarethe von Berg (1348-1442) nach dem Tod ihres gebannten Ehemanns, Herzog Otto IV. zu Braunschweig und Lüneburg, unternahm, um mithilfe von gestifteten Goldschmiedewerken die Bestattung ihres Gatten im Kloster Wiebrechtshausen zu erreichen. Weltlicher Schmuck konnte durch seine gezielte Stiftung an geistliche Institutionen direkt in eine fromme Gabe umgewandelt werden.

Hartmut Krohm nähert sich in seinem Beitrag (78-85) der Goldschmiedekunst des 13. und 14. Jahrhunderts aus stilkundlicher Richtung, ausgehend vom Beckumer Prudentia-Schrein (um 1230/40), einem Hauptwerk der westfälischen Goldschmiedekunst. Krohm beleuchtet vor allem die stilistischen Einflüsse aus dem Rheinland und Frankreich, die von den Osnabrücker Goldschmieden um den Prudentia-Schrein und deren Kollegen um den Soester Patroklus-Schrein (1313-1330) unterschiedlich aufgenommen und entwickelt wurden. Leider ist die Auswahl der Abbildungen etwas unglücklich, die Ausführungen Krohms leiden darunter, dass die Stilbezüge unbelegt bleiben oder nur durch eifriges Blättern nachzuvollziehen sind.

Bemerkenswert sind die archivalischen Untersuchungen zu den Goldschmieden der Stadt Münster zwischen 1350 und 1534 von Reinhard Karrenbrock (94-109). Auf Grundlage der von Karl-Heinz Kirchhoff und anderen erstellten Häuserbücher der Stadt Münster [3] trägt Karrenbrock hier kunstwissenschaftlich wie historisch bedeutendes Material zu den Goldschmieden zusammen, das die "herausgehobene Stellung dieses Berufszweiges im sozialen Gefüge der Stadt" (95) deutlich macht. Darüber hinaus werden erstmals die sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen der Handwerker untereinander erkennbar, in Einzelfällen gelingt Karrenbrock nun sogar die Zuschreibung bislang anonymer Werke: Die beiden erhaltenen Reliquienarme aus St. Mauritz in Münster wurden 1497 von Bernt Mencke geschaffen (101). Karrenbrocks Versprechen, dass diese Ergebnisse nur "ein Baustein zu einer intensiveren Beschäftigung" mit offenen Fragen sein werden, macht neugierig.

Der Katalog erfreut besonders durch die durchgehend schöne und qualitätvolle Bebilderung, für die Stephan Kube (Greven) verantwortlich zeichnet. Seine Fotos werfen ein in vieler Hinsicht neues Licht auf die "Goldene Pracht" Westfalens. Leider wirkt der Anspruch, Goldschmiedekunst aus Westfalen zu behandeln, manchmal recht willkürlich, besonders wenn die Zuschreibungen im Katalog Zentren wie Paris oder Köln umfassen. Für die Auswahl der Objekte galt, so suggeriert der Titel von Ausstellung und Katalog, ihr Erhalt (oder ihre Entstehung?) im westfälischen Raum. Die Zusammenschau mit Objekten aus dem rheinischen Raum oder Frankreich birgt die Gefahr, mehr Fragen als Antworten zu hinterlassen. Gut redigierte Personen- und Ortsregister erschließen den Katalogteil, was der Handhabung dieses umfangreichen Objektteils überaus dienlich ist. Ein Glossar erläutert darüber hinaus kunstwissenschaftliche, theologische und liturgische Fachtermini. Im Hinblick auf die an Bedeutung gewinnende interdisziplinäre Forschung irritiert die getrennte Autorschaft der wissenschaftlichen Beiträge: Die im Inhaltsverzeichnis gemeinsam ausgewiesenen Beiträge sind im Beitrag selbst, mit den Autorenkürzeln versehen, getrennt publiziert.

Abschließend bleibt der Eindruck der Vielfalt westfälischer Goldschmiedekunst, die so lange nicht mehr zu sehen sein wird. Der Katalog wird bei der wissenschaftlichen Arbeit mit diesen Objekten in Zukunft überaus dienlich sein, über die wunderbaren Abbildungen hinaus belegen Beiträge wie die von Freitag und Karrenbrock, dass das Potential dieser Objektgruppe noch nicht ausgeschöpft ist.


Anmerkungen:

[1] Géza Jászai (Hg.): Imagination des Unsichtbaren. 1200 Bildende Kunst im Bistum Münster, Ausstellungskatalog Westfälisches Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte 1993, Münster 1993, 2 Bde.; Udo Grote / Reinhard Karrenbrock (Hgg.) / Hans-Jürgen Lechtreck (Bearb.): KirchenSchätze. 1200 Jahre Bistum Münster, Ausstellungskatalog Domkammer Münster, Münster 2005.

[2] Besonders Cynthia Hahn: The Voices of the Saints. Speaking Reliquiaries, in: Gesta 36 (1997), 20-31.

[3] Karl-Heinz Kirchhoff: Der Prinzipalmarkt (= Häuserbuch der Stadt Münster; Bd. 1), Münster 2001; Sabine Jarnot: Die Salzstraße (= Häuserbuch der Stadt Münster; Bd. 2), Münster 2001; Ralf Klötzer: Drubbel - Roggenmarkt - Alter Fischmarkt (= Häuserbuch der Stadt Münster; Bd. 3), Münster 2008; Ralf Klötzer: Alter Steinweg (= Häuserbuch der Stadt Münster; Bd. 4), Münster 2010.

Rezension über:

Bistum Münster und Domkammer der Kathedralskirche St. Paulus / Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) / Westfälische Wilhelms-Universität (Hgg.): Goldene Pracht. Mittelalterliche Schatzkunst in Westfalen. Katalogbuch zur Ausstellung, München: Hirmer 2012, 492 S., 450 Farbabb., ISBN 978-3-7774-5041-4, EUR 45,00

Rezension von:
Anna Pawlik
Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
Empfohlene Zitierweise:
Anna Pawlik: Rezension von: Bistum Münster und Domkammer der Kathedralskirche St. Paulus / Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) / Westfälische Wilhelms-Universität (Hgg.): Goldene Pracht. Mittelalterliche Schatzkunst in Westfalen. Katalogbuch zur Ausstellung, München: Hirmer 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 2 [15.02.2013], URL: http://www.sehepunkte.de/2013/02/21562.html


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