Rezension über:

Mathieu Caesar: Le pouvoir en ville. Gestion urbaine et pratiques politiques à Genève (fin XIIIe - début XVIe siècles) (= Studies in European Urban History (1100-1800); 25), Turnhout: Brepols Publishers NV 2012, XV + 441 S., ISBN 978-2-503-53854-9, EUR 76,00
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Rezension von:
Kerstin Hitzbleck
Historisches Institut, Universität Bern
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Kerstin Hitzbleck: Rezension von: Mathieu Caesar: Le pouvoir en ville. Gestion urbaine et pratiques politiques à Genève (fin XIIIe - début XVIe siècles), Turnhout: Brepols Publishers NV 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 1 [15.01.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/01/21613.html


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Mathieu Caesar: Le pouvoir en ville

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Alle Städte sind gleich, nur Venedig ist ein bisschen anders, soweit Tante Jolesch. Wäre dem so, hätte es des weberschen Idealtyps nicht bedurft, wie die internationale Stadtgeschichte als solche sich wohl erheblich übersichtlicher darstellen würde. Was aber ist von einer Stadt zu halten, die über einen Bischof samt Domkapitel verfügt, die im Einflussbereich eines gräflichen Hauses liegt und die zudem eine selbstbewusste Bürgergemeinde in ihren Mauern weiß? Mathieu Caesar hat sich in seiner 2009 abgeschlossenen Dissertation der politischen und administrativen Praxis der Stadt Genf gewidmet, deren komplexe Ausgangslage Aufschluss über städtische Verwaltung unter dem Vorzeichen widerstreitender herrscherlicher Interessen gibt. Er wendet sich gegen eine "lecture trop partisane" (3) der Genfer Stadtgeschichte, welche teleologisch auf die Unabhängigwerdung der Stadt durch die Annahme der Reformation hinausläuft, um stattdessen auf die Untersuchung der Verwaltung der Stadt durch die städtische Elite einerseits, auf die Beziehungen zu den anderen in der Stadt präsenten Mächten andererseits zu setzen. Ziel ist keine Stadtgeschichte, sondern eine Geschichte der städtischen Institutionen, eine "histoire sociale des pratiques politiques" (7), welche die Funktionsweise der städtischen Organisation aus dem permanenten Zwang zum Dialog zwischen den verschiedenen Parteien zu erklären sucht. Caesar beruft sich dabei auf die wegweisenden Forschungen etwa von Alfred Haverkamp und Pierre Monnet, die interne städtische Konflikte stets auch als legitime politische Praxis verstanden wissen wollten. Er begreift die Politik in der Stadt als "jeu politique" (33), nicht als politischen Kampf.

Caesar gliedert seine Analyse in sechs Kapitel, die jeweils von einer Zusammenfassung abgeschlossen werden. Der reichhaltige, mehr als hundert Seiten umfassende Anhang wartet mit einem Glossar der wichtigsten Quellenbegriffe aus dem Bereich des Steuerwesens und der herrschaftlichen Rechte auf, bietet eine Liste der Genfer Syndici über den gesamten Untersuchungszeitraum und liefert weitere Tabellen und Materialien, die den Untersuchungsgang der Arbeit erschließen und nachvollziehbar machen. Das Buch wird durch einen Index der Personennamen sowie ein Ortsverzeichnis erschlossen.

Das erste Kapitel, programmatisch "Un Équilibre de Pouvoirs" benannt, ist dem Konflikt zwischen den Grafen von Genf und dem örtlichen Bischof sowie dem Aufkommen der Bürgergemeinde gewidmet. Diese wird im Jahre 1267 zum ersten Mal erwähnt und von Caesar aus dem Aufschwung der lokalen Messen erklärt, die zur Bildung einer städtischen Oberschicht geführt hätten. Der Konflikt der Bürgerschaft mit dem Erzbischof, der vor allem um Abgaben und Steuern geführt wird, bedingt die Annäherung der Stadt an die Grafen von Savoyen. In der folgenden Zeit, die Caesar im zweiten Kapitel behandelt, bleibt der Fürst auf verschiedene Weise in der Stadt präsent und hält dort zahlreiche Rechte. Die Bürger zeigen sich der herrscherlichen Macht durchaus zugeneigt, ohne darüber in eine Abhängigkeit zu geraten. Die herrschenden Familien und mit ihr die von savoyardischem Gebiet umgebene Stadt verhalten sich laut Caesar wie eine "cellule neuronale" (82), die sich Verbindungen in die räumliche und politische Umgebung schafft. Denn ihre politische Position hängt nicht zuletzt davon ab, wie gut es ihr gelingt, diese Verbindungen zu nutzen.

Das dritte Kapitel wendet sich der Herrschaft der Bürgergemeinde zu. Intensität und Aktivität der bürgerlichen Institutionen weiten sich beständig aus, wobei die Ausübung etwa richterlicher Funktionen zu Sichtbarkeit und Legitimation der Herrschaft beiträgt. Entgegen der älteren Forschungsposition, die bürgerliche Stadtherrschaft gern als Kampf der von der Macht ausgeschlossenen Schichten mit den Mächtigen sieht, stellt Caesar fest, dass nur ein kleiner und zunehmend geringer werdender Teil der städtischen Gesellschaft überhaupt Interesse an politischer Partizipation zeigte. Und dies gilt sogar für die reichen, darum abkömmlichen Kaufleute: Nicht jeder cursus honorum sah seinen Kairos in der Übernahme politischer Ämter.

Das folgende Kapitel behandelt die Verteidigung der Stadt und des städtischen Raums nach außen. Dies schließt bei Caesar nicht nur den Bau von Mauern, sondern auch das Finden von Verbündeten und das Sichern des inneren Friedens ein. Wie in anderen Städten gilt auch in Genf, dass die ursprünglichen Stadtherren diese defensiven Aufgaben freiwillig an die Bürgergemeinde abtreten. Die Wahrnehmung und die Inszenierung der städtischen Sicherheit, etwa die Inspektion der Mauer durch die Syndici, interpretiert Caesar auch aus ihrer herrschaftslegitimierenden Funktion, die zur Ausbildung und Wahrung der städtischen Identität beiträgt.

Die beiden letzten Kapitel sind dann den städtischen Finanzen gewidmet. Der fünfte Teil beschäftigt sich mit der Finanzverwaltung von Genf, wobei Caesar es sich dankenswerterweise nicht nehmen lässt, zunächst auf die Quellenlage einzugehen und die materiellen Hinterlassenschaften städtischer Buchführung eingehend zu beschreiben. Wie in anderen mittelalterlichen Städten auch bestimmen in Genf die Ausgaben die Höhe der Einnahmen, wobei im Allgemeinen die Ausgaben die Einnahmen überstiegen. Ein hoher Anteil der eingenommenen Gelder wurde auf militärische Zwecke, etwa die Befestigung der Stadt, verwendet. Besonders in Kriegszeiten verlangten die explodierenden Kosten eine gewisse Findigkeit beim Auftun neuer Finanzquellen, welche in Genf aber auch aus einem weiteren Grund gefordert war: Die sensible Situation der Stadt zwischen den Grafen von Savoyen und dem örtlichen Bischof forderte immer wieder finanzielle Opfer, denn sowohl der weltliche als auch der geistliche Fürst forderten pekuniäre Unterstützung als Preis der Freiheit. Caesar kann auch in diesem Punkt der traditionellen, auf Parteienkonflikte, epischen Kampf und starke Männer (220) konzentrierten Geschichtsschreibung einen zweifelsohne weniger heroischen, doch umso pragmatischeren Aspekt hinzufügen: Die Kommune betrieb Diplomatie mit dem Scheckbuch.

Diesen Notwendigkeiten folgend befasst sich das letzte inhaltliche Kapitel mit der Generierung neuer Einnahmequellen durch die Stadtführung. Neben außergewöhnlichen, direkten Steuern, etwa auf den Verkauf von Wein oder als generelles Subsidium pro Haushalt, stehen Einnahmen aus der Verpachtung von Rechten und - wenig verwunderlich - die Aufnahme von Krediten bei wohlhabenden Einwohnern der Stadt oder den notorischen italienischen Bankhäusern. Alles in allem muss Caesar den finanziellen Bemühungen der Genfer Stadtführung jedoch ein trauriges, wenn auch zukunftsweisendes Zeugnis ausstellen: Man lebte auf Kredit.

Die "Conclusion Générale" fasst auf 14 Seiten die Ergebnisse der faktensatten Untersuchung zusammen und stellt dabei noch einmal die immer wieder gemachte Beobachtung heraus, dass nicht Befreiungs- oder gar Klassenkampf und entscheidende Schlachten das Zusammenleben der verschiedenen Mächte in Genf prägten, die Stadt auch keinen vorgezeichneten Weg zur Freiheit beschritt. Sondern dass es die pragmatischen, alltäglichen kleinen Entscheidungen, Möglichkeiten, Versäumnisse waren, welche die Geschichte von Genf im Spätmittelalter prägten. Dem alten Narrativ der bürgerlichen Selbstbehauptung setzt Caesar auf vorzüglicher Datengrundlage das Bild pragmatischer Diplomatie entgegen. Dem Buch sind deshalb - trotz seiner bisweilen mühsamen Faktendichte - zahlreiche Leser zu wünschen.

Kerstin Hitzbleck