sehepunkte 12 (2012), Nr. 10

Daniel Furrer: Soldatenleben

"Wer kennt noch die Erinnerungen der wenigen Augenzeugen, die diesen verheerenden Feldzug überlebten?" (15), fragt der Schweizer Historiker Daniel Furrer mit Blick auf Napoleons Russlandfeldzug vor 200 Jahren. Mit dem vorliegenden Buch möchte der Autor Leben und Leiden der beteiligten Soldaten in Erinnerung rufen, wobei "die Betroffenen selbst zu Wort kommen" (16) sollen. Diese Aufgabenstellung verwundert etwas, schließlich standen die Strapazen, denen Napoleon seine Truppen aussetzte, im Mittelpunkt zahlreicher jüngerer Publikationen. An dieser Stelle sei nur an die Werke von Julia Murken [1] oder Karl J. Mayer [2] erinnert, die sich explizit auf die Erinnerungen von Kriegsteilnehmern stützen. Viele von Furrers Gewährsmännern, etwa Bourgogne, Coignet oder Dauerbrenner wie Caulaincourt und Ségur, sind dem Kenner der Epoche denn auch hinlänglich bekannt. Interessant sind allerdings die zahlreichen Deutschen und vor allem die Schweizer, die Furrer zu Wort kommen lässt. Namen wie Landolt, Zimmerli oder Peyer liest man in Quellenverzeichnissen schon seltener. Dennoch bleibt die Frage, ob es sich lohnt, noch ein Buch über die Kriegserfahrungen von Napoleons Soldaten zu lesen.

Für einige Kapitel lässt sich dies rundum bejahen. Furrer schildert die alltäglichen Mühen des Feldzugs höchst eindrücklich, etwa das strapaziöse Biwakieren im Freien und die brutalen Gewaltmärsche. Prägnante Zitate machen die Nöte der Soldaten nachvollziehbar. So musste sich etwa der Schweizer Isler aus "Lumpen und einem Stück Kuhhaut" Ersatzschuhe basteln (116), da gutes Schuhwerk weitgehend fehlte. Den Themen "Hunger" und "Durst" widmet Furrer eigene Unterkapitel. Die Kombination von schlechter Versorgung, unmenschlichen Anforderungen und extremen klimatischen Bedingungen habe die Soldaten "wie die Fliegen sterben" lassen (139), noch ehe es zu eigentlichen Kampfhandlungen gekommen sei.

Auf deren Folgen geht der Autor im Kapitel über die Schlacht von Borodino ein. Schonungslos schildert er das schreckliche Schicksal der Verwundeten: das lange (und oft vergebliche) Warten auf Versorgung und den strapaziösen Transport in die schlecht ausgerüsteten und unhygienischen Hospitäler. Fehlendes Verbandsmaterial habe man durch Uniformen und Kleidungsstücke ersetzt, was natürlich erst recht zu Infektionen führte (191). Auch den berühmten Übergang über die Beresina schildert Furrer in packender Weise. Aus Augenzeugenberichten formt er ein bedrückendes Panorama des verzweifelten und rücksichtslosen Gedränges auf den Behelfsbrücken, wo sich "Dantes Inferno" entfesselt habe (226).

Der Autor begleitet schließlich die wenigen Überlebenden nicht nur bis zur ihrer Heimkehr, sondern teilweise auch bei ihren mühseligen Versuchen, sich wieder ein normales Leben aufzubauen. Hier wird deutlich, dass die physischen und psychischen Qualen viele Feldzugteilnehmer für immer zeichneten: "Halbtot und verkrüppelt war eine große Zahl der Heimkehrenden. Sie waren die großen Verlierer des Krieges", so Furrers Fazit (255). Bemerkenswert sind schließlich noch die Detailinformationen über den Beitrag der Schweiz zu Napoleons Kriegführung. Die um ihre prekäre Unabhängigkeit fürchtende Regierung sei "zu allem bereit" gewesen (65), um dem Kaiser Menschenmaterial zu liefern. Da es an Freiwilligen gemangelt habe, seien die Behörden zu Zwangsrekrutierungen übergegangen und hätten Straftäter zum Militärdienst verurteilt. Ungefähr 50.000 dieser "Söldner" hätten für Napoleon ihr Leben gelassen. Ihre Heimat habe von dem Blutzoll jedoch auch profitiert, da Frankreich die Rekruten teuer bezahlt habe.

Als Antikriegsbuch ist das Werk gelungen. Für Furrer steht der Feldzug von 1812 in einer Reihe mit besonderen historischen Gewaltexzessen, etwa dem Holocaust und dem "Völkermord in Ex-Jugoslawien" (316). Den Urheber des Krieges, Napoleon, sieht er als von der Macht korrumpierten "Despoten" (303), der zwar nicht "auf einer Stufe mit Hitler" stehe, jedoch "Kommendes" erahnen lasse (311).

Wer sich jedoch über die Schilderung soldatischen Martyriums hinaus Erkenntnisse über den Russlandfeldzug bzw. die sogenannten "Befreiungskriege" erhofft, wird enttäuscht. Furrer gibt unreflektiert Phrasen über den angeblichen "Volksaufstand" gegen Napoleon wieder. Borodino nennt er einen "Sieg für das russische Volk" (181) und generell habe der "Nationalismus" das Empire "ausgehöhlt". In diesem Kontext zitiert der Autor die Einschätzung von Willy Andreas aus dem Jahr 1955 (!): "Ein Volk nach dem anderen steht nun auf" (312). Die neueren Arbeiten Ute Planerts hingegen, die dem Trend der Forschung entsprechen und die Vorstellung einer europäischen Volkserhebung gegen Napoleon weitgehend revidieren [3], ignoriert Furrer.

Ein weiterer Schwachpunkt ist die Gliederung des Buchs. Die logistischen Schwierigkeiten der Grande Armée im Sommer 1812 z.B. werden im fünften Kapitel behandelt und nach der Schilderung des weiteren Feldzugsverlaufs im zwölften Kapitel plötzlich wieder aufgegriffen. Im 13. Kapitel zitiert der Autor die Schweizerin Katharina Peyer, deren "spezifisch weibliche Perspektive" (280) er besonders interessant findet. Hier tauchen die vorne beschriebenen Versorgungsprobleme wieder auf, ebenso wie der im neunten Kapitel beschriebene Übergang über die Beresina. Man muss sich fragen, warum der Autor Peyers Zitate nicht in die entsprechenden Themenbereiche eingefügt hat. Stattdessen füllt er fast 15 Seiten mit direkt von ihr übernommenen Passagen - ohne diese weiter zu kommentieren. Worin sich die weibliche Sicht von der der Männer unterscheidet, bleibt der Phantasie der Leser überlassen.

Das größte Defizit des Werks aber ist die totale Einseitigkeit der Perspektive. Die russische Sicht wird komplett ausgeblendet. Dabei existieren durchaus Memoiren von Feldzugteilnehmern auf russischer Seite auf Deutsch, Englisch und Französisch, die Furrer hätte heranziehen können. Die Erinnerungen des Engländers Wilson, der im russischen Hauptquartier den Feldzug mitmachte, zitiert er sogar, aber nur, um einmal mehr das Leiden der napoleonischen Soldaten darzustellen! Gemessen an den Forschungen eines Dominic Lieven [4], der die Leistungen der russischen Kriegspartei ausführlich analysiert, stellt Furrers Werk somit einen Rückschritt dar. Nichtkennern der Materie ist dieses Buch daher nur unter Vorbehalt zu empfehlen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. die Rezension zu Julia Murken: Bayerische Soldaten im Russlandfeldzug 1812. Ihre Kriegserfahrung und deren Umdeutungen im 19. und 20. Jahrhundert, München 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 [15.5.2007]; URL: http://www.sehepunkte.de/2007/05/10058.html

[2] Vgl. die Rezension zu Karl J. Mayer: Napoleons Soldaten. Alltag in der Grande Armée, Darmstadt 2008, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 10 [15.10.2008], URL: http://www.sehepunkte.de/2008/10/14291.html

[3] Vgl. die Rezension zu Ute Planert: Der Mythos vom Befreiungskrieg. Frankreichs Kriege und der deutsche Süden. Alltag - Wahrnehmung - Deutung 1792-1841, Paderborn 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de/2009/09/11263.html

[4] Vgl. die Rezension zu Dominic Lieven: Russland gegen Napoleon. Die Schlacht um Europa, München 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 2 [15.02.2012], URL: http://www.sehepunkte.de/2012/02/20569.html

Rezension über:

Daniel Furrer: Soldatenleben. Napoleons Russlandfeldzug 1812, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2012, 328 S., dieverse farbige Abb., ISBN 978-3-506-77408-8, EUR 34,90

Rezension von:
Sebastian Dörfler
Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart
Empfohlene Zitierweise:
Sebastian Dörfler: Rezension von: Daniel Furrer: Soldatenleben. Napoleons Russlandfeldzug 1812, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 10 [15.10.2012], URL: http://www.sehepunkte.de/2012/10/21157.html


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