sehepunkte 12 (2012), Nr. 7/8

Jean-Yves Mariotte: Philippe de Hesse (1504-1567)

Das vorliegende Werk Jean-Yves Mariottes (1935-2003) ist mit Unterstützung seiner Witwe Ruth Mariotte und des ehemaligen Leiters des Staatsarchivs Marburg, Fritz Wolff, sechs Jahre nach dem Tod des Autors erschienen. Mariotte, langjähriger Leiter des Stadtarchivs Straßburg, studierte sowohl an der École des chartes in Paris als auch bei Walter Heinemeyer an der Archivschule Marburg und lernte in der Universitätsstadt an der Lahn seine später Ehefrau, die Mediävistin Ruth Löber, kennen. Angeregt durch seine Studien in Marburg begann er sich bereits seit den 1960er Jahren mit der Geschichte der Landgrafschaft Hessen zu beschäftigen und blieb diesem Thema bis zu seinem Lebensende treu.

Das mit sechs schwarz-weißen Illustrationen versehene Buch umfasst neben den von Mariotte verfassten Kapiteln ein Vorwort von Fritz Wolff (9-14) sowie einen kurzen Abschnitt über die späteren Lebensjahre Landgraf Philipps von Hessen aus der Feder Ruth Mariottes ("Chapitre XIII: Retour au pays et nouveau départ", 289-294). Mariotte selbst orientierte sich in seinem Werk an der Chronologie der Ereignisse. Die Studie beginnt demgemäß mit einem Kapitel über die Regentschaft der Mutter des Landgrafen ("Chapitre I: Une mère: la régence d'Anne de Mecklembourg"). Es folgen Abschnitte über den Beginn der Regierung des jungen Fürsten ("Chapitre II: L'entrée en scène"), die frühen Jahre der Reformation in Hessen ("Chapitre III: Les débuts de la Réforme en Hesse"), die Protestation zu Speyer im April 1529 ("Chapitre IV: La protestation") und den Schmalkaldischen Bund ("Chapitre V: La naissance de la ligue - 1529-1535"). Schon früh konnte der junge Fürst seinen militärischen und politischen Einfluss geltend machen: Die Unterstützung Ulrichs von Württemberg durch Philipp von Hessen trug maßgeblich zur Rückkehr des Herzogs nach Württemberg bei ("Chapitre VI: De Bar-le-Duc à Kadan"). Das siebte Kapitel behandelt die Vermittlungsversuche des hessischen Landgrafen zwischen dem Bischof von Münster, Franz von Waldeck, und der Münsteraner Täuferbewegung im Winter 1532/33 ("Chapitre VII: Le landgrave et les fous du roi"). Diese gipfelten im Vertrag von Dülmen, der die Einführung der Reformation in der westfälischen Bischofsstadt bestätigte. Es folgt ein Kapitel zur morganatischen Heirat Philipps mit der sächsischen Niederadligen Margarethe von der Saale, die trotz der bereits bestehenden Ehe mit Christine von Sachsen geschlossen wurde ("Chapitre VIII: Affaires privées"). Diese bigamistische Beziehung brachte den Landgrafen politisch in große Bedrängnis und ließ ihn in den folgenden Jahren die Nähe zu Karl V. suchen. Im Vertrag von Regensburg (1541) sicherte Philipp dem Kaiser unter anderem militärische Unterstützung gegen den französischen König zu ("Chapitre IX: L'affrontement différé"). Zur Eskalation zwischen Karl V. und dem Schmalkaldischen Bund kam es bekanntlich dennoch: Dem Schmalkaldischen Krieg (1546 bis 1547) und der fünfjährigen Gefangenschaft Philipps von Hessen (1547 bis 1552) widmet Mariotte die letzten drei Kapitel seines Buches ("Chapitre X: L'Affrontement", "Chapitre XI: Le Piège", "Chapitre XII: Cinq ans de purgatoire").

Der Autor stützt sich auf zahlreiche Einzelstudien und Quelleneditionen des 19. und 20. Jahrhunderts, der Schwerpunkt liegt auf Publikationen der 1950er bis 1980er Jahre (295-304). Jüngere Fachliteratur wurde nur in Einzelfällen berücksichtigt. So wird der wichtige Katalog zum 500. Geburtstag des Landgrafen [1] zitiert, es fehlen aber etwa die 1967 und 2001 erschienenen englischsprachigen Monografien von Hans J. Hillerbrand und Richard Andrew Cahill. [2] Zahlreiche im Zuge des Jubiläums 2004 beziehungsweise 2005 veröffentlichte Aufsätze und Monografien zu Philipp von Hessen konnten nicht mehr berücksichtigt werden [3]; ebenso wenig wie die Einzelstudien von Wolfgang Breuel, Thorkild C. Lyby und Andreas Rüther. [4]

Trotz der Vielzahl der allein in den vergangenen Jahrzehnten erschienenen Aufsätze und Monografien zu Philipp von Hessen ist eine deutschsprachige Biografie, die den aktuellen Forschungsstand reflektiert, noch immer ein Desiderat der Forschung. Mit der vorliegenden Biografie Landgraf Philipps wird der Forschungsstand nun erstmals in französischer Sprache zusammengefasst. Allerdings blieb das Werk aufgrund des plötzlichen Todes seines Autors unvollendet: Eine Fragestellung über die reine Orientierung an der Ereignisgeschichte hinaus fehlt, was schwerer wiegt als die Tatsache, dass Mariotte sich den letzten fünfzehn Lebensjahren des Landgrafen (1552 bis 1567) nicht mehr widmen konnte. Auch ist das Fehlen einer Zusammenfassung bedauerlich. Dies sowie einige redaktionelle Schwächen des Buches (zum Beispiel wird im Inhaltsverzeichnis das Kapitel V als "La maissance de la Ligue", statt "la naissance de la Ligue" ausgewiesen) schmälern allerdings den Wert des vorliegenden Werkes in nur geringfügigem Maße. Die Studie Mariottes bietet in der Tat "une image presque exhaustive de l'action politique du landgrave Philippe dans le cadre européen" (14).


Anmerkungen:

[1] Ursula Braasch-Schwersmann u.a. (Hgg.): Landgraf Philipp der Großmütige 1504-1567. Begleitband zu einer Ausstellung des Landes Hessen, Marburg u.a. 2004.

[2] Hans J. Hillerbrand: Landgrave Philipp of Hessen. 1504-1567. Religion and Politics in the Reformation (= Reformation, Essays & Studies; 1), Saint Louis 1967; Richard Andrew Cahill: Philipp of Hesse and the Reformation, Mainz 2001.

[3] In Auswahl: Inge Auerbach (Hg.): Reformation und Landesherrschaft: Vorträge des Kongresses anlässlich des 500. Geburtstages des Landgrafen Philipp des Großmütigen von Hessen vom 10. bis 13. November 2004 in Marburg, Marburg 2005; Susan Linden (Hg.): Landgraf Philipp der Großmütige 1504-1567. Hessen im Zentrum der Reform. Dokumentation zur Ausstellung des Landes Hessen im Marburger Landgrafenschloss 4.9.2004-28.11.2004, Marburg 2005; Pauline Puppel: Der junge Philipp von Hessen, in: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 110 (2005), 49-62; Heide Wunder: Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen und seine Residenz Kassel, Ergebnisse des Interdisziplinären Symposiums der Universität Kassel zum 500. Geburtstag des Landgrafen Philipp von Hessen (17.-18. Juni 2004), in: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 110 (2005), 344-346.

[4] Wolfgang Breul: Fürst, Reformation, Land: Aktuelle Forschungen zu Landgraf Philipp von Hessen (1504-1567), in: Archiv für Reformationsgeschichte 98 (2007), 274-300; Thorkild C. Lyby: Dänemark, Philipp von Hessen und der Schmalkaldische Bund, in: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde 67 (2009), 1-27; Andreas Rüther: Familiensinn, Glaubensfrage, Machtprobe. Philipp I. der Großmütige, Landgraf von Hessen, in: Oliver Auge (Hg.): Fürsten an der Zeitenwende zwischen Gruppenbild und Individualität. Formen fürstlicher Selbstdarstellung und ihre Rezeption (1450-1550). Wissenschaftliche Tagung, Landeskulturzentrum Schloss Salzau, 27.-29. März 2008 (= Residenzenforschung; 22), Ostfildern 2009, 339-366.

Rezension über:

Jean-Yves Mariotte: Philippe de Hesse (1504-1567). Le premier prince protestant (= Bibliothèque d'Histoire Moderne et Contemporaine; No. 30), Paris: Editions Honoré Champion 2009, 320 S., ISBN 978-2-7453-1767-4, EUR 60,00

Rezension von:
Sina Westphal
Ludwigshafen am Rhein
Empfohlene Zitierweise:
Sina Westphal: Rezension von: Jean-Yves Mariotte: Philippe de Hesse (1504-1567). Le premier prince protestant, Paris: Editions Honoré Champion 2009, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 7/8 [15.07.2012], URL: http://www.sehepunkte.de/2012/07/16588.html


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