Rezension über:

Sam van Schaik: Tibet. A History, New Haven / London: Yale University Press 2011, XXIII + 324 S., 5 Kt., ISBN 978-0-300-15404-7, GBP 25,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Jeannine Bischoff
Institut für Orient- und Asienwissenschaften, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Conermann
Empfohlene Zitierweise:
Jeannine Bischoff: Rezension von: Sam van Schaik: Tibet. A History, New Haven / London: Yale University Press 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 7/8 [15.07.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/07/22007.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Sam van Schaik: Tibet

Textgröße: A A A

Tibet: A History - ein schlichter Titel, hinter dem sich aber eine auf 400 Seiten gebündelte Tour d'Horizon über 1500 Jahre Kulturgeschichte verbirgt. Der Autor, Sam van Schaik, Experte für tibetische Frühgeschichte und Mitarbeiter des International Dunhuang Projects in London, relativiert jedoch bereits in der Einleitung allzu große Erwartungen. Er möchte sein Buch weniger als ein Geschichtswerk verstanden wissen, sondern als eine Reise durch die Zeit entlang einer Reihe "großer Persönlichkeiten" Tibets. Auf diese Weise hofft er, wenigstens einige Aspekte eines Kulturraumes vorstellen zu können, über dessen genaue Verortung bis heute keine Einigkeit herrscht. Bei der Auswahl der Hauptfiguren seiner Narration hat er sich an diejenigen Tibeter gehalten, welche das Land seiner Meinung nach am stärksten prägten und von denen tibetische Historiker und Erzähler bis heute berichten. Van Schaik stellt sich in seinem Werk ganz bewusst in die Tradition des Geschichtenerzählers und spannt im Stile eines Romanciers, trotz aller Stringenz, zeitliche Fäden zwischen wiederkehrenden Orten und Personen. Die Frage ist: Funktioniert das? Ja, es geht - mit Einschränkungen - sogar sehr gut. Mit diesem Ansatz kommt der Autor der tibetischen Kultur recht nahe, in der sich oftmals durch die Magie der Worte Geschichten und wahre Ereignisse ineinander verwoben haben und diese Mythen bis heute große Kraft besitzen. Van Schaik schreibt: "These are the stories that, layer upon layer have contributed to the cultural identities of Tibetans today, to the sense of what it is to be Tibetan".

Der Verfasser beginnt seine Reise durch die Geschichte Tibets unvermittelt, ohne Rücksicht auf Chronologie, mit der Eroberung der chinesischen Hauptstadt Chang'an im Winter 763. Richtig gemacht, möchte man sagen, der Leser fühlt sich mitten ins Geschehen gezogen. Van Schaik versteht es im Laufe der folgenden Kapitel in bester britischer Historikertradition, Laien wie auch Kenner der tibetischen Historie zu packen und sie immer wieder zum Weiterlesen des Buches zu animieren. Nach dem ersten Teil geht er zu den Anfängen der überlieferten Geschichte, in die Zeit des 7. Jahrhunderts, zurück, in welcher der legendäre Herrscher Songtsen Gampo alle tibetischen Stämme einte. Nun folgt eine an der üblichen historischen Einteilung der tibetischen Geschichte orientierte Darstellung.

Der nächste Abschnitt ist dem Zeitraum zwischen der ersten und zweiten Verbreitung des Buddhismus gewidmet, als dessen Anhänger es schwer hatten, ihre Religion auszuüben. Im Zentrum der folgenden beiden Kapitel steht dann das erfolgreiche Ausgreifen der Religion seit der Mitte des 11. Jahrhundert. Der Erfolg stützt sich vor allem auf die intensiven Beziehungen zwischen den Priestern auf der einen und den Gabenherr auf der anderen Seite. Denn nur durch die finanzielle und militärische Unterstützung vonseiten der Machtelite - unter anderem durch die Mongolen um Kubilai Khan - konnte sich der Buddhismus in Tibet als vorherrschender Glaube etablieren. Besonders gelungen ist, das sei an dieser Stelle eingefügt, die übersichtliche Beschreibung der Hauptcharaktere in dieser Zeit. Van Schaik gelingt es, diese Personen erzählerisch miteinander zu verbinden, ohne bei dem Leser eine größere Verwirrung zu hinterlassen.

Das sechste Kapitel ist der Institution des Dalai Lama gewidmet. Die Vergabe des Titels an Sonam Gyatso sowie seine posthume Übertragung an dessen beiden vorangegangenen Inkarnationen schildert van Schaik sehr anschaulich. Die sich anschließende Geschichte des sehr bedeutenden fünften Dalai Lama, der mit Hilfe mongolischer Intervention zum Herrscher über Zentraltibet wurde, lockert der Autor mithilfe kleinerer Anekdoten sehr geschickt auf. So zum Beispiel, dass der Dalai Lama zu seinem Nyingma-Lehrer nur deshalb kam, weil er von diesem derart fasziniert war, dass er sich über die Vorschriften seiner eigenen, der Gelugpa-Schule, hinwegsetzte und im Geheimen Meditationstechniken der Nyingmapa praktizierte.

Nachdem auch die Zeit bis hin zur Herrschaft Polhanes kurz angerissen worden ist, geht es in dem Buch weiter mit der Epoche von 1757 bis 1904. Treffend gibt van Schaik dem Teil die Überschrift "The Balancing Act". Von den Dalai Lamas, die de facto weiterhin die Herrscher Tibets waren, erreichten nur wenige die Volljährigkeit, so dass Reich zu dieser Zeit von verschiedenen Regenten verwaltet wurde. Mit dem 13. Dalai Lama endet diese Periode und es beginnt eine Zeit der Reformen und Neuerungen, verbunden mit einer Öffnung zum Westen. Diese Situation änderte sich abrupt mit dem Einmarsch der Chinesen in Tibet 1950. Den neun Jahren zwischen diesem Ereignis und der Flucht des Dalai Lamas ins Exil hat van Schaik sinnvollerweise ein eigenes Kapitel gewidmet. Er schildert beredt, wie die Herrschaft der Chinesen die Lebenssituation in Tibet religiös, politisch und kulturell veränderte. Mit der Übersiedlung des Dalai Lama nach Dharamsala bildete sich in Nordindien eine Art zweites Tibet, zunächst natürlich als Zufluchtsort für diejenigen, die der Herrschaft der Chinesen entkommen wollten. In der Folgezeit entstanden neben Dharamsala zahlreiche weitere Orte in Indien, an denen sich Exiltibeter niederließen. Viele von ihnen haben die Autonome Region Tibet noch nie in ihrem Leben besuchen können. Dennoch fühlen sie sich als Tibeter, denen man ihre Heimat genommen hat. Mit der Beschreibung der Situation und der Entwicklungen in beiden Tibets bis hin zu den Ereignissen in Lhasa im März 2008, als die Tibeter versuchten, sich durch einen Aufstand Gehör in der Welt zu verschaffen, beendet van Schaik seine Reise durch die Geschichte.

Alles in allem stellt Tibet: A History ein Übersichtswerk zur Geschichte des Landes dar, das insbesondere den mit der Thematik noch nicht allzu vertrauten Leser umfassend und verständlich informiert. Dem Experten mag negativ aufstoßen, dass sich in der Bibliografie fast ausschließlich englischsprachige Quellen finden und dass kaum neue Erkenntnisse in Bezug auf die tibetische Geschichte zu finden sind. Dennoch tut man gut daran, das Buch aufgrund seiner Unterhaltsamkeit als Bereicherung zu werten.

Jeannine Bischoff