sehepunkte 12 (2012), Nr. 5

Henning Wrogemann: Missionarischer Islam und gesellschaftlicher Dialog

Besonders in den modernen rechtsstaatlichen Gesellschaften, in denen prinzipiell eine freie Wahl der persönlichen Religion gewährt wird, wird auch die Art und Weise, in der sich Religionen verbreiten und wie sie dies begründen, immer wichtiger. Dem Autor Henning Wrogemann gelingt mit dieser Forschungsarbeit (ursprünglich als Habilitationsschrift an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg eingereicht) eine bisher kaum beachtete Forschungslücke erheblich aufzufüllen. Vor einem religions- und missionswissenschaftlichen Hintergrund untersucht der Verf. den "Aufruf zum Islam" (da'wa islām īya) in einer historischen Breite und inhaltlichen Tiefe, die für den deutschsprachigen Raum einmalig ist. [1]

Obschon in der deutschsprachigen Religionswissenschaft oft auf die möglichen Parallelen zwischen christlicher Mission und der muslimischen da'wa und der Fruchtbarkeit einer entsprechenden vergleichenden Untersuchung hingewiesen wurde [2], bleibt Wrogemann mit seiner Untersuchung bisher der einzige Wissenschaftler, der sich monographisch mit dem "missionarischen" Aspekt des Islams auseinandergesetzt hat. Das Buch gliedert sich in vier große Kapitel, wobei die Kapitel I (19-84) und II (85-186) sich eher mit der historischen Entwicklung der da'wa - ausgegangen von der koranischen Grundlage bis ins 20. Jahrhundert - auseinandersetzen. Wrogemann versucht, diese historische Einführung, die aufgrund fehlender Grundlagenforschung recht ausführlich gerät, anhand folgender Fragestellungen zu fokussieren: Zunächst geht es ihm darum, ob man da'wa als "Mission" im christlichen Sinne verstehen kann. Weiterhin versucht er zu erörtern, ob die räumliche Verbreitung der islamischen Religion und da'wa gleichzeitig vonstatten gingen, also voneinander abhängig sind, oder ob es nicht auch Zeiten gab, in denen da'wa auch ohne räumliche Ausbreitung stattfand und umgekehrt. Zuletzt fragt er nach den machtpolitischen Kontexten von da'wa-Bemühungen. Denn das Propagieren des ("wahren") Islam konnte durchaus zur Durchsetzung und Legitimierung von Machtansprüchen dienen, bzw. als Ausdruck der Abwehr gegenüber nichtislamischen Kolonialisten Nutzen finden. Besonders in diesem Kapitel stützt sich Wrogemann auf grundlegende arabischsprachige Quellen, was für seine gründliche religions- und islamwissenschaftliche Arbeitsweise spricht. Die an die Quellen gestellten Fragestellungen allerdings verlieren angesichts der Fülle des von ihm zusammengetragenen Materials teilweise ihren pointierten Fokus. Was der Qualität seiner historischen Betrachtung allerdings keinen Abbruch tut, da bisher ohnehin noch nie gezielt so viele Quellen auf für da'wa relevante Stellen hin abgesucht wurden.

Den inhaltlichen und methodischen Schwerpunkt bildet das Kapitel III (S. 187-375), in welchem Wrogemann die Schriften sechs reformatorischer da'wa-Denker des 21. Jahrhunderts auf deren Verständnis der "Mitgliederwerbung" hin untersucht. Dabei spielen für ihn sowohl die Ziele der da'wa, die Methoden, mit denen diese durchgeführt wird, als auch die daraus entstehenden Auswirkungen auf den religiösen Dialog, bzw. auf die Begegnung mit anderen Religionen, eine besondere Rolle. Hier zeigt Wrogemann, wie eine exzellente religionswissenschaftlich vergleichende Arbeit auszusehen hat: durch gezielte Untersuchung bestimmter Parameter (die aber immer in den Entstehungszusammenhang der Bewegung eingebettet werden) werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet und die sich ähnelnden Phänomene in Typen zusammengefasst. Als Quellenmaterial dienen dem Autor für dieses Kapitel die theologischen und philosophischen Schriften der jeweiligen da'wa-Denker, die er allerdings oft in ihrer englischen Übersetzung zu Rate zieht, was allerdings nicht verwundert, da er das Phänomen global betrachtet, also Beispiele aus vielen verschiedenen Sprachbereichen nennt.

Inhaltlich schwach bleibt leider das letzte Kapitel (IV; 376-450). Nachdem der Autor zuerst religionsgeschichtlich und danach religionswissenschaftlich vergleichend gearbeitet hat, möchte er den letzten Teil dazu nutzen, das Thema von einem missionswissenschaftlich-theologischen Ansatz her zu betrachten. Dabei stehen für ihn die Herausforderungen im Vordergrund, welche sich durch den universalen Geltungsanspruch des Islam als Religion für ein friedliches Miteinander von Muslimen und Christen in modernen pluralen Gesellschaften ergeben. Dabei erkennt er ganz richtig, dass sich sowohl bei christlichen als auch bei islamischen Denkern sehr unterschiedliche Definitionen der Begriffe "Dialog" und "Toleranz" finden lassen. Konsequenterweise ergibt sich daraus ein semantisches Problem im religiösen Dialog, da ein Dialogpartner durchaus unter Dialog etwas verstehen kann, was realpolitischen Bemühungen entgegensteht. Bis zu diesem Punkt folgt Wrogemann den meisten Autoren, die ebenfalls Grenzen und Reichweite des interreligiösen Dialoges problematisieren. Danach versucht er jedoch zu erarbeiten, welchen Wert missionarisches Verhalten im Dialogprozess haben kann, also ob Mission auch als Dialog fungieren kann. Betrachtet man die Ergebnisse aus dem dritten Kapitel, in welchem bei einigen untersuchten Schriften, die von da'wa handeln (z.B. bei Ahmad von Denffer 298 f.) auch von Dialog die Rede ist, wird schnell klar, dass Dialog im Kontext von da'wa eigentlich immer Missionierung bzw. Bekehrung meint. Trotz dieser relativ deutlich zu Tage tretenden Unvereinbarkeit von gleichberechtigtem Dialog innerhalb der da'wa geht Wrogemann dennoch davon aus, dass da'wa als Dialogplattform genutzt werden kann (414 f.). Dabei scheinen die im Rest der Arbeit so sorgfältig definierten Begriffe ihre Begrenzungen zu verlieren. So wird davon gesprochen, dass da'wa dazu dienen kann, über die andere Religion zu informieren (415) oder eine neue Sicht der eigenen Religion ermöglicht (415). Hier scheint es, als sei der Begriff "Dialog", der hier bei anderen Autoren steht, einfach durch da'wa ersetzt worden. Weiterhin verliert der Autor hier das Ziel der da'wa aus den Augen, welches nicht darin liegt, zu informieren, sondern einen Religionswechsel auszulösen. Insofern kann Wrogemann auch nicht recht gegeben werden, wenn er schreibt: "Der Dialog erscheint vielmehr als integraler Bestandteil missionarischer Praxis [...]" (417). Dialog, im Sinne von zwei gleichberechtigten Partnern, und da'wa, bzw. das christliche Missionskonzept, schließen sich aus, da letztendlich immer dargestellt werden soll, dass die eine Religion der anderen überlegen ist.

Auch bezogen auf religiöse Toleranz argumentiert der Autor in diesem letzten Kapitel an den grundlegenden Ergebnissen seiner Arbeit vorbei. Obwohl er anhand der Publikationen berühmter und einflussreicher da'wa-Denker erarbeitet hat, dass die meisten von ihnen ein universalistisches und absolutes Verständnis des Islam pflegen (z.B. Shamim A. Siddiqi; 261-272), versucht er auf den Seiten 418f. zu erläutern, warum da'wa und Toleranz einander nicht ausschließen, bzw. sogar miteinander einhergehen. Dazu zieht er viele oft bemühte Argumente heran, welche die Akzeptanz anderer religiöser Standpunkte prinzipiell möglich machen (sollen), ohne den eigenen Wahrheitsanspruch zu verlieren (z.B. das Toleranzgebot im Koran, die Begrenzung der Wahrheitsgewissheit des Menschen, dass Gott letztendlich zu richten hat etc.). Letztlich zeigt aber Worgemanns eigene Arbeit, dass die meisten da'wa-Protagonisten nur so lange tolerant sind, wie reale Umstände sie dazu zwingen, da ihr Ziel letztendlich die Ausweitung des "Hauses des Islam" und die Verbreitung ihrer Religion ist. Für das Missionskonzept der Christen verhält es sich im Übrigen nicht anders. Da sich der Autor selbst stark für den christlich-islamischen interreligiösen Dialog in Deutschland einsetzt, ist verständlich, dass er im letzten Abschnitt einer solchen Qualifikationsarbeit versucht, auch diesen Bereich seiner Biographie einzubauen. Dennoch scheint hier der Wunsch Vater des Gedanken gewesen zu sein. In jedem Fall gehen die Schlussfolgerungen des Autors nicht aus den Ergebnissen seiner Untersuchungen hervor. Doch obwohl dieses Kapitel nicht ganz in Wrogemanns Arbeit passen will, reflektiert es doch die diskurstheologische Auseinandersetzung über die Mission nichtchristlicher Religionen, die zurzeit in Deutschland geführt wird (vgl. den in Fußnote i erwähnten Sammelband).

Dieses Buch sei aber generell jedem zu empfehlen, der sich mit dem Islam als Religion beschäftigt, besonders aber denjenigen, die sich mit neueren Ausprägungen dieser Religion in der modernen Welt auseinandersetzen. Dadurch, dass die Beispiele des Autors viele unterschiedliche Länder abdecken, in denen der Islam zu finden ist, spiegelt es die Internationalisierung und die modernen Entwicklungen des Islam wider. Es geschieht selten, dass eine Qualifikationsschrift solche Grundlagenforschung leisten kann.


Anmerkungen:

[1] Kürzlich erschienen ist lediglich ein neuer Sammelband zum Thema, Hansjörg Schmidt/u.a.: (Hgg.): Zeugnis, Einladung, Bekehrung. Mission in Christentum und Islam. Regensburg 2011.

[2] Vgl. Christoph Bochinger: "Mission als Thema vergleichender religionswissenschaftlicher Forschung" in: Hans-Joachim Klimkeit (Hg.): Vergleichen und Verstehen in der Religionswissenschaft. Wiesbaden 1997, 171-184; Andreas Feldtkeller: "Mission in der Perspektive der Religionswissenschaft", in: Zeitschrift für Missions- und Religionswissenschaft (85) 2001, 99-150.

Rezension über:

Henning Wrogemann: Missionarischer Islam und gesellschaftlicher Dialog. Eine Studie zu Begr√ľndung und Praxis des Aufrufes zum Islam (daʻwa) im internationalen sunnitischen Diskurs, Frankfurt am Main: Verlag Otto Lembeck 2006, VIII + 510 S., ISBN 978-3-87476-489-6, EUR 25,00

Rezension von:
Lauren Drover
Bonn
Empfohlene Zitierweise:
Lauren Drover: Rezension von: Henning Wrogemann: Missionarischer Islam und gesellschaftlicher Dialog. Eine Studie zu Begr√ľndung und Praxis des Aufrufes zum Islam (daʻwa) im internationalen sunnitischen Diskurs, Frankfurt am Main: Verlag Otto Lembeck 2006, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 5 [15.05.2012], URL: http://www.sehepunkte.de/2012/05/21658.html


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