sehepunkte 12 (2012), Nr. 4

Grischa Vercamer: Siedlungs-, Verwaltungs- und Sozialgeschichte der Komturei Königsberg im Deutschordensland Preußen

Die Dissertation stammt unmittelbar aus einem Zentrum der Deutschordens-Forschung, aus der Schule von Bernhart Jähnig an der Freien Universität Berlin. Vercamer verfolgt mit seinem umfangreichen Werk ein doppeltes Ziel. Einerseits liefert er eine Mikrostudie der Königsberger Komturei, die landeshistorisch eine in sich abgeschlossene Einheit bildete. Die Komturei war als Verwaltungssitz des Obersten Ordensmarschalls von hervorragender wirtschaftlicher und militärischer Bedeutung und empfiehlt sich zudem durch umfassend überlieferte Urkunden- und Güterverzeichnisse von der Quellenseite her. Besonders glücklich für den langen Untersuchungszeitraum, den Vercamer sich setzt, ist der Umstand, dass sie über den Zweiten Thorner Frieden von 1466 hinaus im Gegensatz zu den westlichen Komtureien wie Elbing und Danzig im Ordensbesitz blieb und unmittelbar bis zur Zeit der Umwandlung in ein weltliches Herzogtum 1525 die mittelalterlichen Strukturen behielt. Auf der anderen Seite versucht der Autor über das engere Thema hinauszugreifen. Er stellt die Geschichte der Komturei in den europäischen Zusammenhang der Ostsiedlung, um vergleichend vor allem zu siedlungshistorisch übergreifenden Aussagen zu kommen.

Nach einer präzisen Einleitung, die Thematik, Forschungsstand und Quellenlage skizziert, dann aber auch methodisch über das für den Band grundlegende digitale Arbeiten mit Karten informiert - und für eine Einleitung überraschend auch über Grundmaße wie Flächen, Längen, Mengen, Gewichte etc. - (1) kommt Vercamer zum ersten systematischen Abschnitt. Er diskutiert die natur- und kulturräumliche Gliederung der Landschaft. Von den natürlichen Rahmenbedingungen ausgehend, bei denen vor allem die Bewaldung und das Bernsteinvorkommen vertieft behandelt werden, richtet er den Blick auf die Siedlungslandschaften der Stämme, wie sie im 13. Jahrhundert vom Samland und Natangen im Nordwesten bis Sudauen im Südosten vorgefunden wurden (2). Den nächsten thematischen Block bilden die prußische Siedlungssituation und -formen sowie die Stammesgesellschaften in ihren Strukturen bis zur Eroberung durch den Deutschen Orden (3). Auf dieser Basis eröffnet Vercamer mit der Verwaltungsgeschichte der Komturei die Reihe seiner analytisch-deskriptiven Großkapitel über die Ordenszeit. Als die wesentlichen Elemente werden der Konvent, der Komtur, der Oberste Marschall und am Ende des betrachteten Zeitraums die hochmeisterliche und herzogliche Verwaltung mit ihren jeweiligen Ämteraufteilungen in den Blick genommen (4). Die nächste große Einheit bilden die ländlichen Siedlungsverhältnisse von 1255 bis 1540. Auch hier werden der frühe und der späte Zustand gegeneinander abgehoben. Nach der Ausgangslage und der Verwaltungs- und Agrarreform (Flurbereinigung) von 1393-1396 wird zum Schluss ein Siedlungsstillstand in den letzten Jahrzehnten konstatiert (5). Das vieldiskutierte Phänomen der Großen und Kleinen Freien und der erst späten Ausbildung des Adels wird unter den Aspekten der Siedlungstätigkeit, der Rechte und der Dienste und Abgaben entfaltet (6). Der sozialgeschichtliche Aufriss der Oberschichten findet sein Gegenstück im nächsten Kapitel, in dem es über den Stand und die Entwicklung der Bauern geht, wobei in wesentlich geringerem Maße lediglich nach Prußen, Deutschen und Litauern differenziert werden kann (7). Zum Abschluss werden als weitere auf dem Lande siedelnde soziale Schichten die Pfarrer, Krüger, Müller, Gärtner und Handwerker umschrieben, soweit die Terminologie der Quellen einen präzisen Zugriff erlaubt (8).

Die durchgehend in den genannten Kapiteln verfolgte Perspektive, die vom Orden vorgefundene Ausgangslage schichtenspezifisch mit der Entwicklung vom 13. bis zum 16. Jahrhundert zu konfrontieren, wird in der Schlussbetrachtung zur Synthese verdichtet (9). Als wichtigste Ergebnisse, die über die zahllosen regionalgeschichtlichen Details hinausweisen, verdienen vor allem zwei Punkte festgehalten zu werden. Mit ihnen wird zugleich wieder an die eingangs angedeutete Einbettung in die europäischen Zusammenhänge angeknüpft. Der krisenhafte Siedlungsniedergang des 15. Jahrhunderts wurde im weiteren 16. Jahrhundert nicht durch erneuten Zuzug aus dem Westen aufgefangen, sondern durch litauische Bauern. Das relativiert die bisherige Sicht europäischer Siedlungsströme nicht unerheblich. Zum anderen ist sozialgeschichtlich nicht einfach von einer Ablösung des Standes der Freien durch den aufkommenden Adel auszugehen, sondern die Freien spielten nachweisbar auch im 16. Jahrhundert noch eine bedeutsame Rolle.

Vercamer lehnt sich mit seiner regional konzentrierten Siedlungsgeschichte und der gleichzeitigen Anbindung an europäische Zusammenhänge an ganz aktuelle Forschungsansätze der Germania Slavica an. Er hütet sich, das für die Komturei Königsberg quellengesättigt, diskussionsfreudig und ergebnisstark herausgearbeitete Bild gleich auf europäischer Ebene überzustrapazieren. Weitere Forschungen dieses Formats könnten hier zu übergreifenden Schlüssen ermutigen. Auf jeden Fall ist mit Vercamers Arbeit ein bedeutsamer Schritt in diese Richtung getan.

In einem voluminösen Anhang wird die Quellenarbeit tabellarisch dokumentiert mit vor allem lokalhistorischen Erträgen. Die dabei verfolgten demografischen und strukturellen Analyseansätze sind grafisch umgesetzt (GIS) und in einer eigenen Kartentasche der Untersuchung beigegeben. Diese Form der Aufarbeitung ist keineswegs nur plakativ, sondern als flächige Systematisierung ein neuer, integraler Bestandteil landeshistorischer Forschung.

Rezension über:

Grischa Vercamer: Siedlungs-, Verwaltungs- und Sozialgeschichte der Komturei Königsberg im Deutschordensland Preußen. (13.-16. Jahrhundert) (= Einzelschriften der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung; Bd. 29), Marburg: N.G.Elwert 2010, X + 656 S., erschienen mit einem Kartenband, sowie einer CD-Rom, ISBN 978-3-938400-73-9, EUR 72,00

Rezension von:
Michael Menzel
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin / Humboldt-Universität zu Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Michael Menzel: Rezension von: Grischa Vercamer: Siedlungs-, Verwaltungs- und Sozialgeschichte der Komturei Königsberg im Deutschordensland Preußen. (13.-16. Jahrhundert), Marburg: N.G.Elwert 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 4 [15.04.2012], URL: http://www.sehepunkte.de/2012/04/21262.html


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