sehepunkte 12 (2012), Nr. 4

Joachim Whaley: Germany and the Holy Roman Empire

Das Alte Reich habe zahlreiche Herausforderungen glänzend gemeistert, betont der Autor einleitend, und zwar "in ways that cannot be adequately described as conservative", nein, diese Lösungen seien vielfach "progressive" gewesen (11). Kurz, das politische System des Alten Reiches war elastisch, in England musste das vielleicht einmal gesagt sein. Den Versuch, das Regelwerk des Reichsverbands systematisch zu erklären, kann man überblättern; Gliederung und Gewichtung werden nicht plausibel, in den Fußnoten dominieren Hinweise auf die Rechtsgeschichte von Hermann Conrad aus dem Jahr 1962. Im Ganzen glänzend gelungen ist, was sich anschließt: ein ausführlicher chronologischer Durchgang durch zweihundert Jahre deutscher Geschichte. Er ist thematisch breit angelegt, blickt häufig auf publizistische Entwicklungen; die Kleine Eiszeit oder die Hexenverfolgungen kommen genauso vor wie Probleme und Innovationen bei der Regierung und Verwaltung der einzelnen Reichsterritorien. Mit anderen Worten: Joachim Whaley, Senior Lecturer in Cambridge, hat nicht eigentlich eine Reichsgeschichte vorgelegt, bietet vielmehr deutsche Geschichte unter steter Beachtung der Rolle des institutionellen Rahmens hierfür, eben des Alten Reiches.

Die Monographie ist in tausend Einzelheiten kundiger, als das der Rezensent aus anderen englischsprachigen Darstellungen der deutschen Geschichte gewohnt ist, und in vielem kundiger als so manches deutschsprachige Handbuch. Das kann in einer Rezension gar nicht belegt werden, reicht von der Betonung jener fürs Grundvertrauen im Reichsverband so verhängnisvollen katholischen "Armierungspläne" im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges, die in Deutschland viel zu wenig bekannt sind, bis zum Gespür für die verfassungspolitischen Gefahren, die das Regime der beiden Ferdinande während dieses Krieges heraufbeschwor; hier ist Whaley implizit viel kritischer als die jüngst von Thomas Brockmann und Lothar Höbelt vorgelegten politischen Biographien, und das zu Recht. Natürlich weiß Whaley, dass der Westfälische Friede die Reichsstände nicht "souverän" gemacht hat, natürlich teilt er nicht die eigentümliche Manie angelsächsischer Autoren, die desaströsesten Folgen des Dreißigjährigen Krieges für die Zivilbevölkerung kleinzureden.

Gibt es Spezifika, die so in deutschen Gesamtdarstellungen nicht begegnen? Whaley ist meistens (einige Ausnahmen müssen gleich noch angesprochen werden) sehr gut mit dem neuesten Forschungsstand vertraut, beruft sich aber auch auf Autoren, die in Deutschland derzeit nicht mehr häufig in Fußnoten auftauchen: immer wieder Volker Press, für die Reformationszeit Walther Peter Fuchs, bei Luther nicht Leppin, aber Martin Brecht, und die Spätmittelalter-Passagen verdanken unverkennbar sehr viel den trefflichen Arbeiten von Ernst Schubert. Es sind nicht immer die in Deutschland in den letzten Jahren besonders präsenten Namen, aber immer gute Gewährsleute. Von gerade angesagten Mainstream-Ansichten ist Whaley durchgehend unabhängig. So ist er - um nur ein Beispiel zu streifen - viel zu kundig, um den Dreißigjährigen Krieg im falsch verstandenen Interesse einer Europäisierung der Erinnerung zu internationalisieren: "It was the German Reich that was at the core of the Thirty Years War" (418), jedenfalls vor 1630. Forschungslücken (wie beispielsweise Motivation und Ausmaß der Glaubensmigration nach 1555: 508) werden treffend benannt.

Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass in einigen wenigen Fällen die neuere Literatur fehlt. Dass es zur Frage der Faktizität des "Thesenanschlags" seit 2007 eine neue Quellenlage gibt, ist Whaley entgangen. Die beiden Nachfolger Karls V. als Kaiser stellt er uns durchaus angemessen vor, aber ohne Kenntnis (oder jedenfalls Erwähnung) der eingehenden Arbeiten Albrecht P. Luttenbergers und Maximilian Lanzinners hierzu. Die Grenzen der Integrationsbereitschaft Maximilians II. analysierend, ist Moriz Ritter nicht mehr der geeignete Gewährsmann, dazu gibt es eine gelungene Monographie von Andreas Edel. Warum bei den Hexenverfolgungen ausgerechnet die treffliche englische Gesamtdarstellung von Brian P. Levack fehlt? Den Reichstag von 1640 sollte man nicht nach Fritz Dickmann schildern, hierüber informiert solide die Monographie von Kathrin Bierther.

Nicht haltbare Behauptungen sind dem Rezensenten in dem voluminösen Werk fast keine aufgefallen. Dass Ferdinand I. erst 1558 Kaiser wurde, liegt nicht in erster Linie daran, dass ihm die Kurfürsten eine neue Wahlkapitulation abverlangten (anders 343), es musste - nämlich durch eine wahltagsähnliche Inszenierung des Stabwechsels - sinnfällig gemacht werden, dass die deutschen Kurfürsten bestimmten, wer das Reich regierte; um es modisch zu sagen, waren damals hochstrittige Fragen der Performanz zu lösen. "Unscrupulous opportunists and incorrigible conspirators, such as the Dukes of Württemberg and Zweibrücken" (388): das ist zumal im Fall des allzeit skrupulösen, immer bedächtigen württembergischen Herzogs Christoph ein unbegreiflicher Ausrutscher. Was viele bikonfessionelle Reichsstädte im Konfessionellen Zeitalter belastete, war keine vermeintliche "parity" (so aber 405, 421), sondern dass im einschlägigen Paragraphen jegliches Detail fehlte, es gab keine Ausführungsbestimmungen. Der Ausdruck "Parität" passt nicht zum auslegungsoffenen Charakter des Ersten Religionsfriedens, die "aequalitas exacta" ist hingegen für den Zweiten Religionsfrieden von 1648 (der nicht elastisch, aber penibel genau sein wollte) wichtig. Muss, wer das Alte Reich als interessanten Forschungsgegenstand herausstellen will, angestrengt sein Konfessionelles Zeitalter aufhellen? Whaley ist nicht ganz gegen die schönfärberischen Tendenzen mancher deutschsprachiger Darstellungen der letzten Jahre gefeit, wonach ein kerngesundes Reich vom bösen Ausland in seine Querelen hineingerissen worden sei (vgl. nämlich 339), natürlich weiß es ein so kluger Autor eigentlich besser: "Confessional animosity was rife [...]. The whole political system of the Reich appeared paralysed" (564).

Whaley hat sich dafür entschieden, die erste Hälfte von Deutschlands Früher Neuzeit nicht von den zentralen Knotenpunkten aus zu beleuchten, sondern einen gleichmäßig dicht gewebten Teppich auszubreiten. Jeder irgend nennenswerte Aspekt wird erwähnt, aber eben gleichmäßig knapp. Es rührt zweifelsohne daher, dass manche Behauptungen zwar keinesfalls falsch, aber doch missverständlich sind. Die Reformierten wollten "reform life as well as just the Church" (501): Das ist reformierte Ideologie und impliziert eine Sicht aufs Luthertum, die man nicht einfach tradieren sollte. "Müntzer was indifferent to the prospects of social or political change" (202)? Das reibt sich doch an seinen späten Schriften, Whaley wird die radikale Naherwartung Müntzers im Blick gehabt (und zu Recht ernstgenommen) haben. Weil er die verfassungspolitischen Resultate von 1648 vorwegnahm, hätte der "Admissionsstreit" mehr als zwei Sätze verdient, der Zusammenhang zwischen Markgrafenkrieg (der nur in Spurenelementen vorkommt) und Reichsexekutionsordnung fehlt. Und so könnte man noch eine Weile weitermäkeln - wie bei jedem dicken Buch, das substantiell ist, bei den anderen lohnt es ja nicht. Whaley stellt eine stupende Kenntnis der deutschen Geschichte unter Beweis. Der Rezensent hält das Buch für die gewichtigste englischsprachige Veröffentlichung zur vormodernen deutschen Geschichte seit mindestens zwei Jahrzehnten.

Rezension über:

Joachim Whaley: Germany and the Holy Roman Empire. Volume I: Maximilian I to the Peace of Westphalia 1493-1648, Oxford: Oxford University Press 2012, XXI + 722 S., 2 Kt., ISBN 978-0-19-873101-6, GBP 85,00

Rezension von:
Axel Gotthard
Erlangen
Empfohlene Zitierweise:
Axel Gotthard: Rezension von: Joachim Whaley: Germany and the Holy Roman Empire. Volume I: Maximilian I to the Peace of Westphalia 1493-1648, Oxford: Oxford University Press 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 4 [15.04.2012], URL: http://www.sehepunkte.de/2012/04/20876.html


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