sehepunkte 12 (2012), Nr. 4

Barbara Stoltz: Gesetz der Kunst - Ordo der Welt

Liegt es an der verschiedenen Natur dieser Wissensgebiete, dass Kunstphilosophie bzw. Kunsttheorie zumeist unabhängig vom Kunstwerk und von der Kunstgeschichte nur am Rande erörtert werden?

Stoltz hat nun zielstrebig und, soweit zu sehen ist, umfassend und detailliert untersucht, wie sich das am Ende des 16. Jahrhunderts in einem Fall darstellte. Die Aussagekraft von Bild und Wort hat sie von Anfang an interessiert, zuerst an Botticelli und Boccaccio und nun an Zuccaro und Dante. Ihre Marburger Dissertation hat sie 2004 noch mit dem sperrigen Titel "Bildnarration und Kunsttheorie" begonnen, nach vier Jahren abgeschlossen und nun im Druck vorgelegt. Indem sie die Beziehungen zwischen Bild, Wort und Disegno-Theorie eines Malers und Kunstphilosophen im späten 16. Jahrhundert erklärt, hat sie zu einer Frage, welche die Kunst- bzw. Medienwissenschaft schon länger beschäftigt, eine längst gefühlte Lücke geschlossen. Insofern trifft die Arbeit auch in ein derzeit aktuelles Forschungsfeld, wie es z.B. die Humboldt-Universität in Berlin erneut beackern will. [1]

Vielleicht unerwartet, hat die Autorin dazu die erst seit wenigen Jahrzehnten verstärkt beachteten Dante-Zeichnungen Federico Zuccaros gewählt. Auch mit deren Schöpfer, den nicht die Aura des Genialen - wie etwa Raffael, Michelangelo und Tizian - umgibt, beschäftigt man sich noch nicht lange intensiver. Er war ein philosophisch denkender Maler, intellektueller Principe der römischen Accademia di San Luca, der die nachfolgende Malergeneration nachhaltig geprägt haben dürfte. Seine Dante-Zeichnungen sind wohl tatsächlich das einzige Werk des vielbeschäftigten Malers, das sich zur umfassenden Exemplifikation einer Kunstphilosophie eignet: Sie sind eng mit dem Wort verknüpft, weil sie Commedia-Texte, auch optisch mit diesen verbunden, neben die Zeichnungen stellen; sie sind größtenteils unabhängig in den 1580er-Jahren in Spanien gearbeitet und zudem vermutlich keine Auftragsarbeit. Es handelt sich um den "Dante historiato" genannten Codex im Gabinetto disegni e stampe der Uffizien mit 88 Zeichnungen unterschiedlichen Großformats und einer Auswahl von Dante-Texten, von dem es seit 2004/05 ein aufwändiges und deshalb teures, aber auch von der "Öffentlichkeit" beachtetes Faksimile gibt. [2]

Wann die ursprünglich lose aufbewahrten Zeichnungen und die Dante-Texte erstmals zu einem Codex vereinigt worden sind, ist nicht bekannt, vermutlich aber schon am Ende des 17. Jahrhunderts. Die aktuelle Bindung wie vermutlich auch der Titel "Dante historiato" stammt erst aus dem Jahr 1865. Es ist zwar ungewiss ob, aber wohl unwahrscheinlich, dass das Konvolut während der Jahrhunderte Verluste erlitten hat. So präsentieren sich die mit den sehr verschieden, anscheinend aber planvoll eingesetzten Mitteln schwarze Kreide, Rötel, Feder und Tusche gearbeiteten Zeichnungen - das Purgatorio ist nur mit der Feder gezeichnet - mit den teils separaten und teils in die Zeichnungen eingefügten Texten dem Studium zwar als nachträgliches "historisches Konstrukt" (13), in dem die Autorin dennoch ein "work in progress" (94) erkennt und damit letztlich seinen unvollendeten Zustand konstatiert. Das philosophische Werk Zuccaros von 1607 hingegen [3], des Gründers der römischen, nicht nur nach Vasaris Florentiner Vorbild auch Accademia del Disegno genannten Schule, ist das vollendete Ergebnis einer jahrzehntelangen Arbeit. Die Autorin kommt im Ergebnis ihrer Studien zu der Überzeugung, auch die Dante-Zeichnungen als "Traktat" werten (171 u.ö.) zu können, nicht etwa weil diese ebenfalls das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses gewesen sind, sondern aus inhaltlichen Gründen.

Wohl durchdacht hat sie die - zunächst vielleicht allzu abstrakt erscheinende - Thematik gegliedert und entwickelt. Sie beginnt mit der Darstellung von "Jenseits" in welches Dante und Zuccaro den Leser und Betrachter führen. In minutiöser, aber notwendiger Untersuchung der Wechselwirkungen und Antagonismen von Bild und Text, Wort und Bild führt sie in drei Teilen bzw. acht Kapiteln zum Ziel ihrer Studien, nämlich der Zusammenführung von Wort (Dantes und Zuccaros) und Bild (Zuccaros) in einem zentralen Begriff: im vierten Teil "Disegno" erklärt sie auch den philosophischen Titel ihrer Arbeit hauptsächlich am Schlussbild des Dante historiato, der höchsten himmlischen Sphäre in der Form einer Kuppel, und zwar in umgekehrter Reihenfolge: Ordo der Welt (172-180) - Gesetz der Kunst (180-184) und betont damit vielleicht die Gleichwertigkeit von Welt und Kunst. Sie erkennt Dantes commedia als Modell für Zuccaros Kunsttheorie, obwohl das aus dessen "Idea" allein überhaupt nicht hervorgeht: Bei Dante steht die Dichtung, bei Zuccaro die Kunst im Zentrum ihrer humanistisch-christlichen Kosmologie. Das gezeichnete Bild der höchsten himmlischen Sphäre ist dabei allerdings nicht aus sich selbst verständlich, es braucht das definierende Wort. Dante wie Zuccaro "erhöhen" ihre Medien nicht, sondern erkennen - notwendigerweise - deren hervorragenden Platz in ihrem umfassenden Weltbild. Gott steht für die höchsten spirituellen Güter, die Sonne darunter ist bei Dante Sitz der Weisheit, bei Zuccaro Sitz des disegno (= segno di dio). Dass Zuccaro damit einen humanistisch-theologischen Überbau bereitstellt für die schon längst virulenten Bestrebungen der Künstler, sich vom bloßen Handwerk und seinen Ordnungen zu lösen, thematisiert die Autorin nicht, wohl weil das allgemein bekannt ist. Die Rangfolge der Künste sieht bei Zuccaro dann so aus: Disegno, Malerei, Skulptur, Architektur. Vom älteren Paragone der Künste ist keine Rede mehr. Dante wie Zuccaro sind sich dabei der Grenzen von Dichtung und Kunst bewusst (181). Die Figur des Statius ist als die eines zum Christentum bekehrten Römers eine wichtige Brücke von Dante zu Zuccaro, weil sie Antike und Christentum in sich vereint. Mit der Philosophie beider hat sich die Autorin in einem Beitrag zum Florentiner Katalog gesondert beschäftigt [5] und darin das Konzept des "Cammino della virtù" in den Mittelpunkt gestellt.

Bei aller anfänglichen Skepsis muss wohl konstatiert werden, dass der Verfasserin eine überzeugende Interpretation von Zuccaros Dante historiato und seiner Idea gelungen ist, an der auch die Spezialisten nicht viel auszusetzen haben dürften.

Ihre Arbeit ist nicht die erste zu dem komplexen "Stoff". Michael Brunner hat 1997 schon in seiner Freiburger Dissertation Zuccaros Dante-Zeichnungen im Kontext der "Dante-Debatte" in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts erforscht [4], ohne dabei jedoch die Verbindung zur "Idea" zu verfolgen. Und die Ausstellung in den Uffizien 2009/10 hat sie dem Publikum näher gebracht. Natürlich musste sich Stoltz mit Brunner oft auseinandersetzen, was sie mitunter in (vielleicht zu) scharfem Ton tut: "behauptet fälschlicherweise" (115 Anm. 82), obwohl es doch zumeist nur um Annahmen geht. Ob ihr diese Auseinandersetzung vollkommen oder nur zum Teil gelungen ist, werden vermutlich erst weitere Diskussionen zeigen, so etwa um die Stichhaltigkeit ihrer Beobachtungen an Zuccaros Purgatorio-Zeichnungen, nach Stoltz einer für das Kunstverständnis des Malers zentralen Gruppe, mit denen sie in drei Punkten über Brunner hinausgeht (47). Die von diesem in den Mittelpunkt gestellte "Dante-Debatte" des späten 16. Jahrhunderts analysiert sie differenziert (98-115) und bestimmt Zuccaros Position darin.

Die Qualität der insgesamt 113 Abbildungen, zumal die der 86 aus dem Dante historiato, ist bescheiden. Wer sich fern von Florenz in das Werk vertiefen will, bleibt auf das teure Faksimile angewiesen, das übrigens nicht in Salerno erschienen ist, wie im Buch mehrfach vermerkt, sondern in Rom.

Vom Verlag hat die ambitionierte Arbeit offenbar keinerlei "Betreuung" etwa durch ein Lektorat erfahren, denn der "Apparat", d.h. Quellen- und Literaturverzeichnis und die entsprechenden Angaben in manchen Anmerkungen sind nicht mit der nötigen Sorgfalt bearbeitet worden. So ist Brunners Freiburger Dissertation von 1997 unkorrekt als "Diss. München 1999" verzeichnet. Von der beigegebenen CD-ROM muss sich der Konsument überraschen lassen, denn im Print-Medium gibt es keinen genaueren Hinweis auf die dort verborgenen "wichtigen Materialien". Es handelt sich - im leicht vermittelbaren pdf-Format - um die vollständige Wiedergabe der von Zuccaro verwendeten Commedia-Texte, hauptsächlich aus der Ausgabe von Roville (Lyon 1551/1575), mit Zuccaros Abweichungen und seinen Kommentaren, die, von der Autorin in Fußnoten ausführlich mit den Bildern verglichen und kommentiert, bezeugen, wie tief sich die Autorin in die Materie eingearbeitet hat; sie hat auch diesen Bereich anderswo zusammenfassend dargestellt. [6]

Der "Zweck" von Zuccaros Zeichnungen und Textauswahl bleibt nach wie vor unklar. Die Frage erscheint denn nach den Darlegungen von Stoltz auch als zweitrangig. De Fazio folgt Mazzucchi und vermutet, der Akademie-Principe habe sie seinen Schülern zum Studium empfohlen und vorgelegt, was weder von Brunner noch von Stoltz ausdrücklich bestritten wird. Nachzeichnungen von Schülern der Accademia scheinen jedoch bisher nicht nachgewiesen zu sein. Auch die Frage, ob das Werk möglicherweise zum Druck bestimmt gewesen sein könnte, von Brunner eher wohl zu Recht verneint, kann nicht eindeutig beantwortet werden, Stoltz bleibt dazu unentschieden (242).


Anmerkungen:

[1] http://arthist.net/archive/2565 (20.03.2012).

[2] Dante historiato da Federico Zuccaro. Edizione in fac-simile, commentario a cura di Andrea Mazzucchi (= Edizione Nazionale dei commenti Danteschi; Bd. 2), Roma 2004; Bianca de Fazio: Napoli svela i segreti del codice Dante, in: la Repubblica, 19.01.2005, 11; Barbara Stoltz: [Rez.] Dante istoriato da Federico Zuccaro ... commentario all'edizione in fac-simile, in: Deutsches Dante-Jahrbuch 82 (2007), 221-225.

[3] Federico Zuccaro: L'idea de' pittori, scultori et architetti, Torino 1607; faksimiliert in Scritti d'arte di Federico Zuccaro, hg. von Detlef Heikamp, 133-312 (= Fonti per lo studio della storia dell'arte inedite o rare; Bd. 1), Firenze 1961.

[4] Michael Brunner: Die Illustrierung von Dantes Divina Commedia in der Zeit der Dante-Debatte (1570-1600), München / Berlin 1999.

[5] Innocente e calunniato. Federico Zuccari (1539/40-1609) e le vendette d'artista. A cura di Cristina Acidini (Ausstellungskatalog Florenz, Gabinetto disegni e stampe, 2009/2010), Florenz 2009; darin u.a. Barbara Stoltz: La filosofia dantesca e la metafora del 'cammino della virtù' nel Dante istoriato da Federico Zuccaro, 198-211.

[6] Barbara Stoltz: Der "Neue Dante", eine gekürzte Fassung der Commedia im Dante istoriato da Federico Zuccaro, in: Deutsches Dante-Jahrbuch 83. 2008 (2009), 195-230.

Rezension über:

Barbara Stoltz: Gesetz der Kunst - Ordo der Welt. Federico Zuccaros Dante-Zeichnungen (= Studien zur Kunstgeschichte; Bd. 190), Hildesheim: Olms 2011, 320 S., 89 farbige und 28 s/w-Abb., eine CD-ROM, ISBN 978-3-487-14626-3, EUR 62,00

Rezension von:
Jürgen Zimmer
Falkensee
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Zimmer: Rezension von: Barbara Stoltz: Gesetz der Kunst - Ordo der Welt. Federico Zuccaros Dante-Zeichnungen, Hildesheim: Olms 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 4 [15.04.2012], URL: http://www.sehepunkte.de/2012/04/20639.html


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