sehepunkte 12 (2012), Nr. 4

Christoph Mick: Kriegserfahrungen in einer multiethnischen Stadt

Kriege wirken in vielfältiger Weise auf das alltägliche Leben ein und gehen zumindest in staatlichen Peripherien häufig mit Herrschaftswechseln einher. Potenziert werden die Wirkungen von Kriegen insbesondere dort, wo aufgrund ethnisch-national und/oder religiös differenzierter Gesellschaften latent oder offen vorhandene Spannungen eskalieren. Kriegserfahrung bedeutet hier auch, dass Folgen sowohl des Krieges an sich als auch seiner Eskalation bewältigt werden müssen. Am Beispiel der heute in der Westukraine liegenden Stadt Lemberg (ukrainisch L'viv, polnisch Lwów), die bis 1918 Hauptstadt des habsburgischen Kronlandes Galizien und Lodomerien und in der Zwischenkriegszeit polnische Wojewodschaftshauptstadt war, erörtert Christoph Mick in seiner Tübinger Habilitationsschrift den Zusammenhang von Krieg, Nationsbildung und Brutalisierung ethnischer Konflikte.

Lemberg bietet sich hierbei in besonderer Weise an: Es erlebte nicht nur in den Jahren 1914-1947, letztlich in Folge der Kämpfe der beiden Weltkriege, sieben Herrschaftswechsel, sondern war mit polnischer, jüdischer, ukrainischer, deutscher und armenischer Bevölkerung in besonderer Weise multiethnisch geprägt. Obwohl es seit der Zwischenkriegszeit häufig als "Stadt der verwischten Grenzen" (Joseph Roth) verklärt wurde, sahen es schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die polnische und die ruthenisch-ukrainische Nationalbewegung als ihr jeweiliges Zentrum und "Piemont" an. Aber es war zugleich auch Zentrum des Zionismus in Galizien. Lemberg verlor schließlich weitestgehend diesen multiethnischen Charakter durch die Shoah, die Zwangsaussiedlung von Polen sowie die Ansiedlung vor allem ukrainischer Bevölkerung im Rahmen der Sowjetisierung der Stadt.

Von den Prämissen ausgehend, dass die Erfahrungsproduktion von der wechselseitigen Wahrnehmung abhängt und dass die kommunizierten Erfahrungen mit den Wahrnehmungen einer Gruppe einhergehen und damit Teil ihrer kollektiven Wirklichkeit sind (10), legt Mick seiner Studie die drei Zeitebenen des Erfahrungsbegriffs (Vorprägungen, ereignisnahe Erfahrungsprozesse und Sedimentierung) zugrunde und folgt so den Erkenntnissen des Tübinger Sonderforschungsbereiches "Kriegserfahrungen". Allerdings referiert und diskutiert Mick die theoretischen Grundlagen seiner Studie nur dort, wo sie zum Verständnis unerlässlich sind.

Sein Ausgangspunkt sind vier zentrale Hypothesen: Ethnizität und Religionszugehörigkeit waren in Lemberg für die Konstituierung unterschiedlicher Kriegserfahrung wichtig, auch wenn in bestimmten Zusammenhängen nationale, ethnische und religiöse Loyalitäten von solchen sozialer oder regionaler beziehungsweise lokaler Natur überlagert wurden. Ohne eine Klärung der Frage, wie sich die jeweilige Herrschaft beziehungsweise Besatzungsmacht entfaltete, ist die Entwicklung des Beziehungsgeflechts der verschiedenen Gruppen untereinander nicht zu verstehen. Die Konflikte um die richtige Deutung beeinflussten die jeweilige Erinnerungskultur und wurden Bestandteil der Identitätspolitik. Schließlich waren die Erfahrungen im Ersten Weltkrieg sowie der anschließenden polnisch-ukrainischen und polnischen-sowjetrussischen Kriege grundlegend für die Austragung ethnischer Konflikte und für die Wahrnehmungs- und Handlungsweisen im Zweiten Weltkrieg.

Der Verfasser untergliedert daher seine Studie in zwei Abschnitte, die sich jeweils mit der Vorkriegszeit, mit dem Krieg und der Besatzungszeit sowie mit der Nachkriegszeit beschäftigen. Die Darstellungen der jeweiligen Vorkriegszeit sind daher als Bestandsaufnahme der administrativ-politischen, wirtschaftlichen, demografischen, sozialen und ethnischen Struktur zu sehen, in deren Rahmen die interethnischen Beziehungen in besonderer Weise berücksichtigt werden.

Die Analyse der Kriegs- und Besatzungszeit behandelt die jeweilige Neustrukturierung der Stadt durch die Politik der Besatzer und deren Umgang mit den sozialen und religiös-ethnischen Konflikten. Dabei wird deutlich, dass die Besatzer einzelnen Gruppen unterschiedliche Spielräume zugestanden, wodurch auch die Kriegs- und Besatzungserfahrung variierte. Hierdurch wurden die wechselseitige Wahrnehmung und damit die Beziehungen der Bevölkerungsgruppen untereinander maßgeblich beeinflusst.

Die Nachkriegszeit ist insofern von Bedeutung für die Beziehungen der ethnisch-konfessionellen Gruppen untereinander, als nicht nur die Erfahrungen der Weltkriege verarbeitet werden mussten, sondern auch der offizielle Friedensschluss noch nicht das Ende von Gewalt und Terror bedeutete. Pogrome, Nationsbildungs- und Partisanenkriege, aber auch Zwangsumsiedlungen im Zuge der "ethnischen Säuberungen" beeinflussten die Auseinandersetzung der jeweiligen Bevölkerungsgruppe in ihren (nach)kriegsbedingten Handlungen und damit ihre Erfahrungen und Bilder von den Kriegsereignissen. Die Erinnerungskulturen und -politiken der jeweiligen Machthaber, die versuchten mit Hilfe von Denkmälern, politischen Feiern, Namensgebungen und Publikationen ihre Kriegsdeutung durchzusetzen und im öffentlichen Raum zu verankern, dienten einerseits der Legitimation ihrer Handlungen, aber andererseits auch der Integration der Lemberger Bevölkerung in ihren Herrschaftsbereich und einer entsprechenden Identitätsbildung.

Durch diese Gliederung arbeitet Mick das "Beziehungsgeflecht" und den daraus resultierenden Erfahrungsschatz in Bezug auf die Gewalterfahrung der Lemberger Bevölkerung in beiden Weltkriegen heraus und verbindet dabei in bemerkenswerter Weise eine politik- und ereignisgeschichtlich orientierte Darstellung mit der Analyse von Erinnerungskulturen und deren Praktiken.

Als Beispiel sei die eindrückliche Schilderung der Verteidigung Lembergs (polnisch "Obrona Lwowa") durch Polen nach dem Ersten Weltkrieg genannt, die als Gründungsmythos des polnischen Lemberg die Staatsbildungskriege aus regionaler beziehungsweise lokaler Sicht thematisierte. Sie zog sich wie ein roter Faden durch die polnische Lemberger Erinnerungskultur und -politik und bestimmte damit das Verhältnis insbesondere zu den Ukrainern in der Zwischenkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg; letztlich war sie auch Ursache für das tiefe Misstrauen der sowjetischen Führung gegenüber den Lemberger Polen während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Genauso wie die "Obrona Lwowa" wirkten das ukrainische Pendant, die Erinnerung an die "Novembertat" (ukrainisch "listopadovyj čyn") sowie die Erinnerung an den Pogrom an der jüdischen Bevölkerung im November 1918 als wesentliche Grundlage für die Erinnerungskulturen der jeweiligen Gruppen. Somit kommt Mick zu dem Schluss, dass die Wahrnehmungen der Ereignisse während und in Folge des Ersten Weltkriegs in Lemberg einen erheblichen Nationalisierungsschub bewirkten und zum Ausgangspunkt für die Verschlechterung der interethnischen Beziehungen waren.

Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass der vorliegende Band für die Geschichte Lembergs und Ostgaliziens eine grundlegende, das Verhältnis der Ethnien untereinander erläuternde Studie darstellt, die schon zu einem Standardwerk über die Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert geworden ist.

Die detail- und kenntnisreiche, aber auch sehr lesenswerte Studie leistet insgesamt einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von Kriegserfahrungen in multiethnischen und multikonfessionellen Kontexten. Ihre Ergebnisse verdienten es, Ausgangspunkt für weitere Studien zum Abhängigkeitsverhältnis von Krieg, Kriegserfahrung und Nationalisierung in multiethnischen Gebieten zu werden.

Rezension über:

Christoph Mick: Kriegserfahrungen in einer multiethnischen Stadt. Lemberg 1914-1947 (= Deutsches Historisches Institut Warschau. Quellen und Studien; Bd. 22), Wiesbaden: Harrassowitz 2011, X + 632 S., ISBN 978-3-447-06193-3, EUR 82,00

Rezension von:
Heidi Hein-Kircher
Herder-Institut, Marburg
Empfohlene Zitierweise:
Heidi Hein-Kircher: Rezension von: Christoph Mick: Kriegserfahrungen in einer multiethnischen Stadt. Lemberg 1914-1947, Wiesbaden: Harrassowitz 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 4 [15.04.2012], URL: http://www.sehepunkte.de/2012/04/19857.html


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