sehepunkte 12 (2012), Nr. 2

Michael Lemke: Vor der Mauer

Michael Lemke geht von der These aus, dass das zweigeteilte Berlin und sein unmittelbares Umland bis zum Bau der Mauer im August 1961 ein durch vielfältige Korrelationen und Interaktionen gekennzeichnetes Verflechtungsgebiet war. Hier, in einem Teilungs- und Verflechtungsraum, wo zwei antagonistische Systeme täglich unmittelbar aufeinanderprallten, spielte sich eine beispiellose, alle Bereiche des politischen und gesellschaftlichen Lebens erfassende Systemkonkurrenz ab. Untersuchungszeitraum sind die Jahre zwischen 1948 und 1961, als die Grenze noch offen und eine relative Systemdurchlässigkeit der Verhältnisse möglich war. Eingehend rekonstruiert Lemke den außerordentlich interessanten, spannenden, ja manchmal dramatischen Konkurrenzkampf der Systeme, dessen Dimensionen bislang unterschätzt worden sind.

Im Hauptteil seiner systematisch angelegten Arbeit untersucht Lemke unter dem Konkurrenzaspekt die drei Bereiche "Politik", "Wirtschaft und Soziales" sowie "Kultur, Bildung und Sport". Herausgearbeitet werden das Wesen, der Verlauf und die Wirkungen der Berliner Systemkonkurrenz. Prinzipiell trug diese sowohl zur politischen Abgrenzung als auch zur Verflechtung beider Berliner Stadthälften bei. In ihrer konfrontativen Eigenart trieb sie die politische Spaltung der Stadt voran, trug aber als nicht antagonistischer Wettbewerb der beiden Ordnungen zum Erhalt der traditionellen Berliner Verflechtungen und zur gesellschaftlichen Wahrnehmung Berlins als einheitlichem Lebensraum bei. Kulturell und im Alltag wurde Berlin von den Bewohnern der zweigeteilten Stadt als Einheit betrachtet. Trotz der Spaltung gab es ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Auf der Grundlage relativer Offenheit bzw. Systemdurchlässigkeit bildeten sich durch einen mehrdimensionalen Austausch Ansätze für eine systemübergreifende Gesellschaft heraus.

Lemke gelangt zu der Überzeugung, dass die außerordentlich vielfältigen innerstädtischen Beziehungen, die wachsenden Verflechtungen, die nach 1957 zunehmende Intensität des alltäglichen Austauschs zwischen beiden Stadthälften mit dazu beitrugen, dass die SED schließlich eine Mauer errichten wollte. Denn unter den Bedingungen eines immensen Ausstrahleffektes des erfolgreichen Konkurrenten West-Berlin in Kultur, Wirtschaft und Sozialstaatlichkeit waren realsozialistischer Aufbau und Machterhalt nicht möglich. Der Berliner Konkurrenzkampf der Systeme ließ "die Mauer in Nuce bereits 1948/49 entstehen" (637).

Ausführlich beschäftigt sich Lemke mit den West- und Ost-Berliner Grenzgängern, die "sozioökonomische Konkurrenz 'pur' verkörperten" (625). Das Grenzgängertum stellte in der Systemkonkurrenz einen wichtigen wirtschaftlich-sozialen Faktor dar. Es prägte die Verflechtungsgesellschaft kulturell mit und trug zum Erhalt der Gesamtberliner Identität bei. Da es im Ostteil der Stadt zunächst einen Überhang an Arbeitskräften gab, erschien der SED und dem Ost-Berliner Magistrat die Tolerierung der Grenzgängerei in den Westen und die Republikflucht als Möglichkeit, die Arbeitsplatzsituation im Westteil weiter zu verschlechtern. Im Heer der West-Berliner Arbeitslosen sah die SED ein Potential von Unzufriedenheit, das sie in der Auseinandersetzung massiv, dann allerdings mit wenig Erfolg, zu instrumentalisieren versuchte.

Wie Lemke zeigt, bestimmten Wechselbeziehungen die Gesamtberliner Arbeits- und Lebenswelt signifikant mit. Zumindest indirekt trugen die Ost-West-Kontakte sowie das teilweise solidarische Handeln von Arbeitern und Gewerkschaftern häufig zu sozialen Verbesserungen bei, insbesondere in Ost-Berlin. Es gab Solidaritätskampagnen, die von der politischen Führung Ost-Berlins für West-Berliner Streikende organisiert wurden und unerwünschte Rückwirkungen auf die Forderungen der eigenen werktätigen Bevölkerung hatten, beispielsweise Löhne und Gehälter, Arbeitszeiten- und Urlaubsregelungen sowie die Humanisierung der unmittelbaren Produktionsbedingungen betreffend. Auch zu anderen sozialen Problemen wie Renten, Kinderbetreuung und Mutterschutz gab es unter Wettbewerbsvorzeichen einen unterschiedlich intensiven Austausch.

Im Kulturbereich erarbeitete sich die östliche Seite bis zur Mitte der 1950er Jahre einen gewissen Vorsprung. Viele West-Berliner Künstler ohne Beschäftigung erhielten Engagements in Ost-Berlin, und viele Bewohner West-Berlins besuchten Veranstaltungen in der anderen Stadthälfte. Ein ordentlicher Schub wurde der Kulturkonkurrenz durch den 1957 in Kraft tretenden, von der Bundesrepublik subventionierten Gesamtberliner Kulturplan des Senats von West-Berlin gegeben. Dieser Plan sah vor, den Bewohnern des Ostsektors die Teilnahme am kulturellen Leben West-Berlins durch einen Eintrittspreis 1:1 - beispielsweise bei Theatern, Konzerten, Sportveranstaltungen und Ausstellungen - zu erleichtern. Die "Kulturoffensive" (437) West-Berlins war ein großer Erfolg des Senats im kulturellen Systemwettbewerb. Insbesondere auf die Westkinos kam ein enormer Zustrom von Ostbewohnern zu. Der Gesamtberliner Kulturplan trug ebenso wie östliche Reaktionen "zum Erhalt kultureller Gemeinsamkeiten" in der gespaltenen Stadt bei, blieb aber gleichzeitig "auch ein Kulturdokument des Kalten Krieges" (439).

In Vielem war der Wettbewerb zunächst noch offen. Auf bestimmten Feldern von Gesellschaft und Politik verlief die Systemkonkurrenz ambivalent. Letztlich entschied sie West-Berlin jedoch für sich. Der "Dauertest" (17) bewies "die Überlegenheit der westlich-demokratischen über die östlich-diktatorische Ordnung" (634).

Die Untersuchung der Berliner Geschichte vor dem Mauerbau unter dem Konkurrenzgesichtspunkt wurde begünstigt durch die Quellensituation seit dem Mauerfall. Als wichtigste Quellengrundlage dienten Bestände des Landesarchivs Berlin. Dem Autor gelang es in mühevoller Arbeit, die Unterlagen der West- und Ost-Berliner Behörden und Einrichtungen unter dem Konkurrenzaspekt zusammenzuführen. Für die Analyse außerordentlich wichtig waren die Ost-Berliner Akten der Parteien und Massenorganisationen. Auch wurden Zeitzeugenbefragungen vorgenommen. Zwar äußert sich Lemke in der Einleitung recht ausführlich zur Quellenlage, aber auf ein Quellenverzeichnis, das die Archive und eingesehenen Bestände, die befragten Zeitzeugen und gedruckte Quellen wie Zeitungen, Zeitschriften und Protokolle auflistet, wurde leider verzichtet, lediglich ein Literaturverzeichnis ist vorhanden. Vermisst wird auch ein - das Personenverzeichnis ergänzendes - Sachregister. Den Band beschließt ein Nachweis der Bildquellen. In einem gesonderten Bildteil sind mehr als 150 Fotos zu den drei Konkurrenzbereichen "Politik", "Wirtschaft und Soziales" sowie "Kultur, Bildung und Sport" untergebracht. Sie stammen zum allergrößten Teil aus dem Landesarchiv Berlin. Zahlreiche Fotos werden erstmals veröffentlicht.

Verdienstvollerweise überwindet Lemke die nach wie vor weitverbreitete Zurückhaltung vor integralen Gesamtberliner Analysen und Darstellungen. Im Vordergrund seines Interesses stehen neben Konfrontation und Spaltung, deren Analyse lange Zeit die Forschungsperspektiven allein bestimmte, deeskalierende Momente, Formen des moderateren Wettbewerbs und grenzüberschreitender Interaktion, regionale Verflechtungen und Verklammerungen. Lemkes Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zu einer politischen Gesellschaftsgeschichte der Stadt im Kalten Krieg.

Rezension über:

Michael Lemke: Vor der Mauer. Berlin in der Ost-West-Konkurrenz 1948 bis 1961 (= Zeithistorische Studien; Bd. 48), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2011, 673 S., 147 s/w-Abb., ISBN 978-3-412-20672-7, EUR 79,90

Rezension von:
Werner Breunig
Landesarchiv Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Werner Breunig: Rezension von: Michael Lemke: Vor der Mauer. Berlin in der Ost-West-Konkurrenz 1948 bis 1961, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 2 [15.02.2012], URL: http://www.sehepunkte.de/2012/02/20277.html


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