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Stephan Conermann: Islamische Welten. Einführung, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 12 [15.12.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/12/forum/islamische-welten-157/

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Islamische Welten

Einführung

Von Stephan Conermann

Zu Weihnachten also noch einmal ein FORUM Islamische Welten mit einer durchaus repräsentativen Auswahl von Neuerscheinungen. Grundlagenforschung ist für uns weiterhin wichtig, so etwa die Erschließung (Einleitung, Kommentar, Paraphrase und Faksimiles) einer wichtigen, sprachlich aber sehr schwierigen Handschrift. In diesem Fall handelt es sich um einen in cagatai-uigurischer Sprache abgefassten hagiographischen Text aus dem 19. Jahrhundert über eine Untergruppe der Naqshbandiyya in Xinjiang. (Conermann zu Hamut). Ebenso wertvoll sind gute Handbücher. Daher sind wir nun froh, endlich ein solches Werk über das orientalische Christentum zu haben. Der Raum, in dem die zahlreichen und mannigfaltigen Gruppen [Anhänger etwa der syrisch-, koptisch-, eritreisch-orthodoxen und der armenisch-apostolischen (wie auch der koptisch-, syrisch und armenisch-katholischen) Kirche, Thomaschristen, Maroniten, Chaldäer oder Melkiten] zu finden sind (oder waren), erstreckt sich von Zentralanatolien bis zum Kaukasus und über die Regionen des Nahen Ostens bis nach Nubien und Äthiopien einerseits und Südasien andererseits. (Scheiner zu Hage). Ergänzt wird diese umfassende Darstellung durch einen (inhaltlich dann doch wieder sehr disparaten) Sammelband über arabische Christen und Christen in Arabien. (Scheiner zu Kreikenbom/Muth/Thielmann)

Obgleich in allen Philologien beliebter Prüfungsgegenstand, sind Reiseberichte mit literaturwissenschaftlichen Analyseverfahren nur schwer zu dechiffrierende Texte. Will man sich nicht immer wieder die Frage nach dem "Bild des Westens in" oder "die Wahrnehmung des Fremden bei" stellen, sondern sich mit den narrativen Spezifika dieser Textsorte beschäftigen, stellt die Erzählforschung ein großes Arsenal an Zugriffsmöglichkeiten zur Verfügung. So kann man sich auch mit vormodernen arabischen Reiseberichten als Erzähltexten befassen. Liest man mit diesem Ansatz im Kopf etwa die im 16. Jahrhundert in Ägypten aufkommenden "Karrieristen-Reiseberichte", also Fahrtenbücher, die aus der Notwendigkeit geboren wurden, sich nach 1517 für eine Verbesserung der eigenen Position von Ägypten und Syrien aus in die osmanische Hauptstadt begeben zu müssen, bekommt man hochinteressante Einblicke in die Kulturspezifität dieser Texte. (Conermann zu Elger)

Ein anderes Thema, das viele seit geraumer Zeit beschäftigt, ist die Frage, wie es zu dem europäischen Sonderweg in der Neuzeit kommen konnte bzw. worin die Defizite in der islamischen Welt bestanden (und bestehen?), den Weg des Westens nicht beschritten zu haben. In einem der besprochenen Werke wird dazu die These aufgestellt, dass bestimmte Aspekte des islamischen Rechts die Entstehung moderner Unternehmenstypen (= große Gesellschaften mit entsprechender Kapitalakkumulation über den Tod des Teilhabers hinaus) verhindert hätten. Allerdings kann die historisch ausgerichtete Argumentation angesichts einer mangelnden Quellenkritik und einer fehlenden Reflektion über das Problem von Rechtsnorm zur Rechtspraxis nicht ganz überzeugen. (Pink zu Kuran) Ebenso blass bleibt letzten Endes offenbar ebenfalls eine Studie zu einem Teilaspekt des "Islamic Banking", das im Zuge der Finanzkrise von 2008 an vielen Orten tatsächlich als Alternative zu hochspekulativen Finanzmarkttransaktionen gesehen wird. Es geht um "handelbare Investmentzertifikate, die verbriefte Eigentumsanteile an dinglichem Vermögen, Nutzungsrechten oder Investitionskapital repräsentieren". An diesem Beispiel soll die sehr aktuelle Frage behandelt werden, "welche rechtlichen und regulatorischen Herausforderungen (…) zu bewältigen sind, wenn ein Finanzinstrument, das aus dem islamischen Recht abgeleitet ist, im Kontext von modernem "westlichen" Recht angewandt werden soll". Am Ende werden viele Fragen aufgeworfen, doch keine wirklich erschöpfenden Antworten gegeben. (Hubert-Köster zu Sacarcelik)

Nach 9/11 entstand eine Reihe von Arbeiten, die sich mit der Gewaltbereitschaft und dem aktiven Widerstandspotenzial von Religionen auseinandergesetzt haben. Sehr schnell kristallisierte sich heraus, dass überall ein militanter religiöser Aktivismus aus einer tiefen Enttäuschung über den weltlichen Nationalstaat und die Moderne heraus entstand. Dies gilt, so kann gezeigt werden, nicht nur für Muslime, sondern auch für Hindus, Sikhs und Buddhisten. Alle Religionen haben, so das Fazit, Gewaltpotenzial. Dies bestätigt ein Blick auf das Phänomen in Europa, den USA und in Japan. (Schüller zu Juergensmeyer)

Und auch die "Arabellion", etwas euphemistisch auch "Arabischer Frühling" genannt, wird begleitet von Gewalttaten, die allerdings in der Regel nicht religiös motiviert sind. Die Literatur zu den Reformprozessen im Nahen Osten wächst täglich, so dass es kein Wunder ist, in diesem FORUM Islamische Welten Bücher dazu zu finden. Als Hintergrund für Jordanien kann die nun in deutscher Sprache vorliegende Autobiographie von Abdullah II. dienen. (Teichgreeber zu Abdullah II.) Eine "richtige" Studie setzt sich mit dem Jemen auseinander. Was hat dazu geführt, dass die jemenitischen Eliten nicht in der Lage waren, die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Strukturprobleme des Landes zu lösen? Gar nicht so überraschend wird festgehalten, dass es hauptsächlich an den zutiefst verinnerlichten neo-patrimonialen Mechanismen liegt, die dafür sorgen, dass die staatlichen Institutionen versagt haben. Die Hoffnung kann nur - wie eigentlich in den meisten der betroffenen Ländern - auf der Jugend liegen, von denen die Bewegung ja hauptsächlich getragen wird. (Abdel Fatah zu Phillips)

Seit geraumer Zeit hält Bassam Tibi ein Plädoyer gegen den Islamismus und für die Etablierung eines auf der Anerkennung der westlichen Werte basierenden Euro-Islam. (Schüller zu Tibi) Und es mag genau die Lesart des Islam sein, gegen die sich Tibi wendet, die ein Mann wie Yusuf al-Qaradawi von Qatar aus in die Welt trägt: Der medial sehr versierte Azhari-Gelehrte ist sowohl durch seine zahlreichen Bücher wie auch durch seine über seine Homepage www.qaradawi.net und über andere on-line-Foren verbreiteten Rechtsmeinungen weltweit bekannt geworden. Im Kern seiner Lehre steht, dass möglichst alle Bereiche des Lebens eines Muslims/einer Muslima auf die Einhaltung einer islamischen Rechtsmoral und Ethik ausgerichtet sind, wobei die sich darauf zu gründende islamische Gemeinschaft für Nicht-Muslime unzugänglich sein müsse. (Conermann zu Gräf)

Ich wünsche allen erholsame Feiertage!

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