sehepunkte 11 (2011), Nr. 12

Constantin Goschler / Rüdiger Graf: Europäische Zeitgeschichte seit 1945

Vorliegende Publikation versteht sich als Studienbuch und dies zu Recht: Es bereitet inhaltlich wie methodisch-didaktisch geschickt eine sehr breit gefächerte Thematik anschaulich und leicht lesbar auf. Es geht in den einzelnen Kapiteln um die Grenzen und Probleme Europas und seiner Zeitgeschichte; die Neuordnungen nach 1945; den Kalten Krieg in Europa; wirtschaftliche Integration und Konjunkturen und die westeuropäische Integration; Migration und Demografie; Wohlstand und Konsum; Lebensweisen und Orientierungsmuster im Wandel; Wohlfahrtsstaatlichkeit und soziale Ordnungen; Gewalt, Recht und Sicherheit; Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen; Energie und Umwelt sowie Transformation von Raum, Zeit und Öffentlichkeit. So ist festzuhalten, dass kaum eine aktuelle und relevante Thematik der Zeitgeschichte fehlt. Das breite Spektrum der Realgeschichte findet in gleicher Portionierung Berücksichtigung. Die einzelnen Kapitel sind immer nach den gleichen Strukturprinzipien aufgebaut: Am Anfang steht ein Dokument (Bilder, Karten, Karikaturen, Statistiken oder Quellentexte), sodann werden relevante Fragen aufgeworfen und schrittweise beantwortet. An den Seitenrändern stehen legendenhaft die Schlagworte zu den einzelnen Inhalten und ermöglichen auf diese Weise einen raschen Zugriff zu Einzelaspekten der aufgerollten Themenfelder. Am Ende jedes Kapitels stehen erneut anregende Fragen und weiterführende Lektüreempfehlungen, die sich für Examensprüfungen sehr gut eignen.

Der Band von Goschler und Graf greift eine Fülle von spezifischen Fragestellungen auf, so dass der Stand v. a. der deutschen, aber auch der internationalen Zeitgeschichtsforschung sich in dieser auch sehr komprimierten Darstellung gut widerspiegelt. Die jeweiligen Argumentationsweisen erscheinen in ausgewogener Weise berücksichtigt. Dem Leser wird kaum ein Urteil aufgedrängt, sondern es werden verschiedene Standpunkte zur eigenen Meinungsfindung offeriert. Durch die zahlreichen Verweise auf ältere und aktuelle wissenschaftliche Literatur leistet der überschaubar gehaltene Band auch eine gelungene Einordnung der Themenblöcke in die jeweiligen Forschungskontexte.

Bei einer genauen Durchsicht der angegebenen bzw. zitierten Literatur fällt allerdings auf, dass einige neuere und neueste grundlegende Einführungs- und Überblickswerke unberücksichtigt geblieben sind, was schade ist. Das gilt sowohl für die Neueste Geschichte und die Zeitgeschichte als Forschungs- und Studiengegenstand [1] als auch für spezifische Themenfelder, z. B. die Geschichte Europas und seine Integration. [2]

Zu einzelnen Ausführungen und Feststellungen ergeben sich mitunter auch ergänzende Bemerkungen. Wenn davon die Rede ist, dass die Geschichte des Kalten Krieges "ganz wesentlich die Geschichte des Konflikts außereuropäischer Mächte" (14) gewesen sei, so lässt sich nachfragen, ob die beiden Deutschlands nicht selbst auch Akteure des Kalten Krieges waren und diesen in Europa erst ermöglichten bzw. verstärkten. [3] Längst fraglich dürfte sein, ob die Definition von Hans Rothfels aus dem Jahre 1953 "noch heute den Ausgangspunkt für die Selbstverständigung des Faches in der Bundesrepublik bildet" (16). [4] Bei Behandlung von Dekolonisierung und Postkolonialismus (17), die leider nur kurz gestreift werden, wären die nach 1945 zunächst noch vorhandenen Tendenzen zur Rekolonisierung zu behandeln bzw. auch die jüngeren Trends der Dekolonisierung des Postkolonialismus aufzugreifen gewesen. Wie weit man sich dem sehr generell gehaltenen Urteil "Debatten über Brüche und Kontinuitäten gehören zwar zum Wesen der Geschichtswissenschaften, sind aber nicht immer erkenntnisfördernd" (17) - ohne entsprechend konkrete Bezugnahme auf Beispiele - anschließen soll, bleibe dahingestellt. Zeitzeugen als konstitutives Element der Zeitgeschichte werden niedrig gehängt (18-19) und die Chancen und Vorzüge der Oral History für die Forschung überhaupt nicht thematisiert. Hinter manchen Überschriften und Begrifflichkeiten lässt sich ein Fragezeichen setzen: Ob Stabilität in Europa durch Konfrontation erreicht worden ist (41), mag ein solches Beispiel sein. Der Begriff der "Osterweiterung" (70, 147) sollte konsequent in Anführungszeichen gesetzt sein, weil diese auch Malta und Zypern einschloss. Es ging 2004/05 nicht wirklich um eine "Europäische Verfassung" bzw. "Verfassung" (70-71), sondern nur um einen völkerrechtlichen Vertrag zwischen den EU-Mitgliedsstaaten, bestenfalls also um einen "Verfassungsvertrag". Schon beim Stichwort "Festung Europa" (98) wäre ein Verweis auf den seit 1999 gemeinschaftsrechtlich relevant gewordenen Schengen-Komplex sinnvoll gewesen. Beim Unterkapitel "Terrorismus und staatliche Reaktionen" sollte begrifflich präziser zwischen "Terror" (von oben, ausgehend von Staaten und Regimes) und "Terrorismus" (von unten, ausgehend von Bewegungen und Gruppen) unterschieden werden (158). Am 11. September erfolgten keine "Terrorangriffe", sondern Attacken von Terroristen (163). Wenn von "Irak-Kriegen" die Rede ist, wäre es sinnvoller gleich von drei Golfkriegen zu sprechen, die ganz unterschiedliche Positionierungen der USA fanden (163). Unklar bleibt auch, was Rumsfeld überhaupt mit "neuem" und "altem" Europa meinte. Ein Hinweis auf den "Brief der Acht" (EU-Staaten) in dieser Kontroverse, unter denen sich alte wie neue EU-Mitglieder befanden, hätte die abwegige, ja irrige Einteilung des Ex-US-Verteidigungsministers aufzeigen können. Mit Blick auf die parteipolitische Entwicklung der Umweltbewegungen wäre auch der aktuellere Hinweis wünschenswert, dass sich die Grünen über das erwähnte Manifest zu den EP-Wahlen 1989 (191) bereits seit 2004 in Rom zur transnationalen Parteienplattform der "Europäischen Grünen Partei" (EGP) zusammengeschlossen haben. [5] Bei der Frage der Festlegung neuer zeitgeschichtlicher Zäsuren kommt den Jahren 1989/91 sicherlich ein besonderer Stellenwert zu, wie die Autoren zutreffend argumentieren (212) - auch mit Blick auf die globale Dimension (Stichwort: Platz des Himmlischen Friedens in Peking). Es fragt sich natürlich auch, inwieweit mit dem Irakkrieg 2003, dem gescheiterten EU-Verfassungsvertrag 2005 und der Berliner Republik als neue Zentralmacht Europas, was mit der deutschen Ratspräsidentschaft 2007 augenscheinlich demonstriert wurde, neue und weitere zeithistorische Einschnitte gegeben sind. Unter "Quellensuche" und "Dokumente europäischer Institutionen" (232) vermisst man das größte digitalisierte Archiv zur Geschichte der europäischen Integration, den "European Navigator" (www.ena.lu), der bei einer Neuauflage nicht fehlen sollte.

Die aufgezeigten Punkte können nicht über den Gesamtbefund hinwegtäuschen: Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen (siehe die Polemik auf Seite 221 unten) handelt es sich um ein insgesamt ausgewogenes, sehr lesenswertes, nützliches und v. a. für Studierende sehr empfehlenswertes Überblickswerk, das sehr rasch und summa summarum zuverlässige Erstinformationen bietet sowie über weite Teile die relevante neue und neueste Literatur bereithält.


Anmerkungen:

[1] Michael Gehler: Zeitgeschichte im dynamischen Mehrebenensystem. Zwischen Regionalisierung, Nationalstaat, Europäisierung, internationaler Arena und Globalisierung (= Herausforderungen - Historisch-politische Analysen, 12), Bochum 2001; Jürgen Elvert / Susanne Krauß (Hgg.): Historische Debatten und Kontroversen im 19. und 20. Jahrhundert (HMRG-Beiheft 46), Stuttgart 2002; Gabriele Metzler: Einführung in das Studium der Zeitgeschichte, Paderborn 2004; Andreas Wirsching (Hg.): Oldenbourg Geschichte Lehrbuch. Neueste Zeit, München 2006 (2. Auflage 2008).

[2] Wilfried Loth: Der Weg nach Europa. Geschichte der europäischen Integration 1939-1957, Göttingen 1990, 3. Aufl. 1996; Franz Knipping: Rom, 25. März 1957. Die Einigung Europas, München 2004; Gabriele Clemens / Alexander Reinfeld / Gerhard Wille: Geschichte der europäischen Integration. Ein Lehrbuch, Paderborn 2008; Michael Gehler: Europa. Ideen - Institutionen - Vereinigung, München 2005 (Neuauflage 2010).

[3] Michael Gehler: Deutschland. Von der Teilung zur Einigung 1945 bis heute, Wien / Köln / Weimar 2010.

[4] Zu berücksichtigen gewesen wäre hierzu auch: Thomas Angerer: "Gegenwartsgeschichte"? Für eine Zeitgeschichte ohne Ausflüchte, in: Gertraud Diendorfer / Gerhard Jagschitz / Oliver Rathkolb (Hgg.): 3. Österreichische Zeitgeschichtetage 1997. 26. bis 28. Mai 1997, Innsbruck / Wien 1998, 46-53; Thomas Angerer: Gegenwärtiges Zeitalter - gegenwärtiges Menschenalter. Neuzeit und Zeitgeschichte im begriffsgeschichtlichen Zusammenhang, in: Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit1 (2001), Heft 2, 114-133.

[5] Siehe hierzu das Standard-Nachschlagwerk zu allen Parteienformationen von Jürgen Mittag (Hg.): Politische Parteien und europäische Integration. Entwicklung und Perspektiven transnationaler Parteienkooperation in Europa (= Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen, Schriftenreihe A: Darstellungen, Bd. 37), Essen 2006.

Rezension über:

Constantin Goschler / Rüdiger Graf: Europäische Zeitgeschichte seit 1945 (= Akademie Studienbücher Geschichte), Berlin: Akademie Verlag 2010, 256 S., ISBN 978-3-05-004555-9, EUR 19,95

Rezension von:
Michael Gehler
Hildesheim
Empfohlene Zitierweise:
Michael Gehler: Rezension von: Constantin Goschler / Rüdiger Graf: Europäische Zeitgeschichte seit 1945, Berlin: Akademie Verlag 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 12 [15.12.2011], URL: http://www.sehepunkte.de/2011/12/18843.html


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