sehepunkte 11 (2011), Nr. 11

Volker Sellin: Gewalt und Legitimität

Monarchische Herrschaft in der europäischen Staatenwelt bedurfte in den sich ändernden Kontexten und Strukturen des langen 19. Jahrhunderts neuer Strategien des Machterhalts und der Legitimation. Ob und wie es zu einer "zeitgemäße[n] Weiterentwicklung" (9) in den Legitimierungsversuchen der europäischen Monarchien kam, diskutiert der Heidelberger Emeritus Volker Sellin in der vorliegenden Studie. Ausgehend von der Definition des Begriffs Restauration als einem kontinuierlichen Prozess der Anpassung an neue Herausforderungen vergleicht Sellin sieben verschiedene Staaten, die fünf Großmächte des 19. Jahrhunderts sowie Italien und Spanien. Die Arbeit gliedert sich, neben Einleitung und Schluss in neun thematische Kapitel. Überlegungen zu Gewalt und Herrschaft folgt die Diskussion von Dynastie, Religion und Kriegserfolg als Elemente traditionaler Herrschaftslegitimation. Den sich ändernden gesellschaftlichen Kontexten widmet sich der Autor in den Kapiteln Aufklärung, Verfassung, Nation und soziale Reform. Den Abschluss bildet ein Kapitel zu Charisma.

Ausgangspunkt jedes Kapitels ist ein philosophischer, juristischer oder soziologischer Denker, dessen Thesen kurz zusammengefasst werden. Während der Untertitel des Bandes und das Kapitel "Gewalt" auf die Überlegungen Benjamin Constants zurückgehen, stehen am Anfang des Kapitels zu sozialen Reformen die Schriften Lorenz von Steins und Friedrich Naumanns. Die Diskussion von charismatischer Herrschaft orientiert sich an den Thesen Max Webers. Das bedeutet, dass mehr oder weniger kanonische Texte herangezogen werden. Es geht Sellin nicht um eine Diskussion monarchischer Herrschaftstheorien. Auch Forschungskontroversen sind nur an wenigen Stellen in den Band aufgenommen. Eine Ausnahme bildet die Diskussion des Begriffs "aufgeklärter Absolutismus". Stattdessen unternimmt der Autor den Versuch einer Typologie monarchischer Herrschaft, die die europäische Monarchie als Herrschaftsform eigenen Typus, so die formulierte Arbeitshypothese, deutlich werden lässt. Verwoben in diese Überlegung ist die Frage nach Erfolg oder Misserfolg in der Erneuerung der Herrschaftslegitimation. Anders formuliert, das Überleben der Monarchie in einigen europäischen Staaten führt Sellin zu der Hypothese, dass es der Einsatz "angemessener Legitimierungsstrategien" (296) allen europäischen Monarchien ermöglicht hätte, in das 20. Jahrhundert hinein und über den Ersten Weltkrieg hinaus zu überleben.

Im Anschluss an diese Thesen folgen auf etwa 300 Textseiten Beispiele aus einzelnen Nationalstaaten, die die Schlussfolgerungen des Autors teilweise untermauern, in vielen Fällen auch problematisieren. Gewalt gegenüber der zivilen Öffentlichkeit erkennt er beispielsweise als ein Zeichen der Schwäche und schwindender Legitimation: "In vielen Fällen verspielten die Monarchen erst dadurch ihre Throne, dass sie den Widerstand mit physischer Gewalt zu brechen suchten." (16) Unter den angeführten Fallbeispielen findet sich jedoch das "Peterloo Massaker". Ohne Frage haben die Ereignisse auf dem St Peter's Field in Manchester dem Ruf Georgs IV. als regierendem Monarchen geschadet. Doch scheint der britische Fall gerade in Frage zu stellen, ob militärische Gewalt gegen die eigenen Untertanen den Anfang vom Ende monarchischer Herrschaft darstellte.

Sellin ist sich durchaus bewusst, dass viele der Schilderungen seine Thesen hinterfragen. In dem Kapitel zu Kriegserfolg führt er Beispiele an, die verdeutlichen, dass Sieg oder Niederlage in einer militärischen Auseinandersetzung die Position des Monarchen untermauern oder ins Wanken bringen konnten. Napoleon III. stellt in diesem Zusammenhang ein herausragendes Beispiel dar. Der Kaiser der Franzosen ging nach der Niederlage 1870/71 ins englische Exil. Nur wenige Monate zuvor hatte die französische Bevölkerung ihre Zustimmung zur kaiserlichen Politik durch ein Plebiszit ausgedrückt. Sellin kommt in diesem Kapitel jedoch zu dem Ergebnis, dass eine militärische Niederlage nicht der entscheidende Faktor in der Absetzung eines Monarchen darstellte. Selbst für die Hohenzollern nach 1918 sah er die Möglichkeit, dynastisch zu überleben, sofern Wilhelm II. rechtzeitig zugunsten seines Sohnes abgedankt hätte.

Viele von Sellins Überlegungen regen zum Weiterdenken an. Beispielsweise interpretiert er die Oktroyierung einer Verfassung nicht als Zurückweichen der Monarchie gegenüber liberalen Forderungen, sondern als aktives monarchisches Vorgehen zum Zwecke der Revolutionsvermeidung. "Die Beschränkung der persönlichen Machtstellung des Monarchen durch eine Verfassung war das wichtigste Mittel, um die traditionelle Legitimität der Monarchie gegenüber den Ansprüchen der Revolution zu verteidigen." (216) Die nachfolgenden Beispiele zeigen jedoch, dass "der monarchische Konstitutionalismus früher oder später an seine Grenzen" stieß (216).

Die Beobachtungen vor allem der ersten Kapitel konzentrieren sich auf die Herrschaftsvorstellungen des Monarchen. Nur wenige Akteure jenseits der Souveräne werden angeführt. Zwar diskutiert Sellin explizit die Möglichkeit, dass militärische Führer mit dem nötigen Charisma in Konkurrenz zum Monarchen treten konnten und Offiziere wie Garibaldi, Skobelev oder Hindenburg eine quasi-monarchische Position einnahmen. Dennoch bleiben die Beschreibungen von Herrschaftsvermittlung einem "top-down approach" verhaftet. In den Kapiteln zu Aufklärung, Verfassung, Nation und sozialer Reform scheint dies nicht so deutlich hervor, doch für Sellin, so hat man den Eindruck, war letztendlich der Monarch für das Eintreten oder Ausbleiben von Reformen verantwortlich. Dies ist in erster Linie dem komparativen Zugang geschuldet, da so ein Vergleich monarchischer Herrschaftspolitik über ein Jahrhundert hinaus ermöglich wird, ohne zu stark auf die sich ändernden Kontexte der politischen Kommunikation eingehen zu müssen.

Die Typisierungen unterscheiden sich im Grad der Unterteilung. Das Kapitel "Gewalt" beschäftigt sich mit staatlich sanktionierten Massakern an der Zivilbevölkerung. Jedoch existierten viele Formen der Herrschaftsgewalt, die die Frage nach Legitimität unmittelbar betrafen. Verfolgung und Überwachung der Opposition, Zensur oder Exklusion aufgrund von Konfession stellten Mittel der Gewalt dar, die der Staat einsetzte, um Herrschaft durchzusetzen. Wo die Trennlinie einsetzte, durch die Gewalt Herrschaft diskreditierte, wird leider nicht problematisiert. In anderen Bereichen bemüht sich Sellin explizit darum, die komplexeren Entwicklungen in seine Typologie einzubauen. So unterteilt er den Verfassungsoktroi in Untergruppen, die sich auf den Zeitpunkt und die politischen Konsequenzen der Einführung einer Konstitution beziehen.

Es finden sich kluge Beobachtungen in dem Band und es bleibt der Eindruck, dass es sich um ein wichtiges Thema und einen lohnenswerten Zugang zur europäischen Geschichte handelt. Eine Typologie der europäischen Monarchie zeigt sich allerdings nur in Umrissen. Es wäre zu wünschen gewesen, der Autor hätte an vielen Stellen nicht aufgehört, sondern wäre seinen Thesen über die Aufzählung von Beispielen und Gegenbeispielen weiter auf den Grund gegangen. So wäre nicht nur der "Typ" der europäischen Monarchie, sondern auch die Grundlage für die These vom Überlebenspotential der Monarchie in Europa nach 1918 deutlicher erkennbar geworden.

Rezension über:

Volker Sellin: Gewalt und Legitimität. Die europäische Monarchie im Zeitalter der Revolutionen, München: Oldenbourg 2011, VII + 345 S., ISBN 978-3-486-70705-2, EUR 39,80

Rezension von:
Torsten Riotte
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Empfohlene Zitierweise:
Torsten Riotte: Rezension von: Volker Sellin: Gewalt und Legitimität. Die europäische Monarchie im Zeitalter der Revolutionen, München: Oldenbourg 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 11 [15.11.2011], URL: http://www.sehepunkte.de/2011/11/20521.html


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