sehepunkte 11 (2011), Nr. 11

Regina Mühlhäuser: Eroberungen

Während Vergewaltigungen durch Angehörige der Roten Armee beim Einmarsch in das Deutsche Reich 1945 mittlerweile erforscht sind, ist die Untersuchung sexueller Gewalttaten deutscher Soldaten in der Sowjetunion bis heute ein Desiderat der Forschung. Sogar in der Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung von 1995 wurde dies nicht thematisiert. [1] Somit betritt Regina Mühlhäuser mit ihrer Studie weitgehend Neuland. Sie nimmt sich sogar vor, "das ganze Spektrum sexueller Kontakte von zwei oder mehreren Personen" im Besatzungsgebiet zu untersuchen, also "das Erzwingen von Nacktheit, unterschiedliche Formen sexueller Folter, Vergewaltigung und sexueller Versklavung ebenso wie sexuellen Tauschhandel, gewerbliche Prostitution, einvernehmliche Affären und romantische Verhältnisse" (8). Dementsprechend hat sie ihr Buch in fünf Teile strukturiert: Ausgangspunkte, Sexuelle Gewalt, Sexuelle Tauschgeschäfte, Einvernehmliche Verhältnisse sowie "Besatzungskinder".

Mühlhäuser zeigt, dass sexuelle Gewalt deutscher Soldaten gegen sowjetische Frauen keine Ausnahme war. In manchen besetzten Ortschaften wurden alle Frauen von deutschen Soldaten vergewaltigt. In einigen Fällen waren ganze Einheiten in sexuelle Gewaltexzesse verwickelt (74, 144). Auch die Ermordung von Jüdinnen nach sexuellen Gewalttaten war offenbar "kein Einzelfall". Erinnerungsberichte von Zeitzeuginnen und -zeugen weisen auch explizit auf sexuelle Gewalttaten direkt vor bzw. während Erschießungsaktionen hin (134 f., 139). Jüdische Männer waren ebenfalls Opfer sexueller Gewalttaten. Beispielsweise wurden 56 jüdische Männer im lettischen Bauska im Juli 1941 kastriert. Verantwortlich hierfür waren der österreichische Ortskommandant Nepil, der lettische Polizeichef der Stadt Druveskalns und der Arzt Steinhart, der die Prozedur durchführte (136, Fn. 226). Mühlhäuser geht davon aus, dass die meisten Fälle sexueller Gewalt weder disziplinarische noch gerichtliche Konsequenzen nach sich zogen (145). Da Virilität "als Ausdruck von soldatischer Stärke betrachtet wurde, scheinen die Truppenführer sowie die Führungen von Wehrmacht und SS sexuelle Gewalttaten in weiten Teilen in Kauf genommen zu haben" (154).

Um die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu unterbinden, wurden allerdings ab 1942 wehrmachtseigene Bordelle in den besetzten Gebieten der UdSSR eingerichtet. Für den Aufbau der Bordelle waren die Kommandanturen zuständig, die sich mit den Sanitätsoffizieren über die Anzahl, die Lage und den Betrieb verständigten. Bald wurden die Bordelle "zu einer festen Einrichtung" in größeren Städten im besetzten Hinterland (220). Die Auslastung der Bordelle war sichtlich hoch. In verschiedenen Regionen klagten Sanitätsoffiziere, dass die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen die verfügbare Zahl an Prostituierten überschreite (235). Die Frauen waren keineswegs immer freiwillig in den Einrichtungen tätig. Manche wurden unter Zwang "bei Razzien auf der Straße, vor den Arbeitsämtern, in Cafés oder Kinos aufgegriffen" und dorthin gebracht (223). Andere, die sich selbst dafür gemeldet hatten, sahen vermutlich keine andere Möglichkeit, sich und ihre Familie vor Verwahrlosung, Hunger und letztlich dem Tod zu retten. Vor allem junge Frauen dürften ein Militärbordell dem gefürchteten Arbeitseinsatz in Deutschland vorgezogen haben. Rund 85 Prozent der Frauen, die beispielsweise für das Wehrmachtsbordell im ukrainischen Poltawa angefordert wurden, waren nach ärztlicher Untersuchung sogar noch Jungfrauen (224 f.).

Auch einvernehmliche Verhältnisse, ob kurzfristige Flirts, sexuelle Affären, längerfristige Beziehungen oder ernsthafte Liebschaften, entstanden zwischen deutschen Soldaten und einheimischen Frauen. Im Mai 1943 vermuteten die Vorsitzenden Richter der SS- und Polizeigerichte in Polen und den besetzten Ostgebieten, dass mindestens 50 Prozent aller SS- und Polizeiangehörigen "Geschlechtsverkehr mit Frauen einer anders rassigen Bevölkerung" hätten (272). Da die Kriterien der "rassischen Beurteilung" allerdings schnell an ihre Grenzen stoßen konnten, diente die Androhung von Strafen für solche Kontakte letztlich hauptsächlich der Disziplinierung der Männer und wurde offenbar kaum umgesetzt (275). Je länger der Krieg im Osten dauerte, desto kritischer wurden gerade einvernehmliche Verhältnisse von oben betrachtet. "Die sexuelle Aktivität der Soldaten - in der Phase der erfolgreichen Eroberung noch ein Symbol für Virilität und Kampfkraft - stand nun für die Erosion der Truppe" (298).

Nicht selten war die Folge eines einvernehmlichen Verhältnisses (oder auch einer Vergewaltigung) ein so genanntes "Besatzungskind" zwischen einem deutschen Soldaten und einer einheimischen Frau. Im September 1942 schätzte der Kommandeur der 2. Panzerdivision, Generaloberst Rudolf Schmidt, dass man in den besetzten Gebieten der Sowjetunion pro Jahr mit etwa eineinhalb Millionen Soldatenkindern rechnen müsse. Auf diese gewaltige Zahl kam er, indem er davon ausging, dass die Hälfte der etwa sechs Millionen dort stationierten deutschen Männer Geschlechtsverkehr mit einheimischen Frauen hätten; diese Begegnungen blieben wiederum in der Hälfte dieser Fälle "nicht ohne Folgen" (312). Sowohl Hitler als auch Himmler schlossen sich dieser nicht überprüfbaren Hochrechnung an. Andere, wie der Reichsminister für die besetzten Ostgebiete Alfred Rosenberg, gingen allerdings von viel geringeren Zahlen aus. Jedenfalls aber hatte die deutsche Führung erhebliches Interesse an den Kindern, die zu 50 Prozent deutscher Abstammung waren. Letztendlich blieben aber in der daraus folgenden Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen deutschen Behörden unter anderem Fragen der Erfassung der Kinder, der Vaterschaftsanerkennung sowie der Zuständigkeit bis Kriegsende ungeklärt.

Auch wenn viele der von Mühlhäuser aufgeworfenen Fragen offenbleiben - z. B. die nach dem genauen Ausmaß, in dem Angehörige von Wehrmacht, SS und Polizei in den besetzten Gebieten der Sowjetunion sexuelle Gewalttaten ausübten oder die der tatsächlichen Zahl der im Zuge des Krieges geborenen deutsch-sowjetischen Kinder -, gibt ihre Studie einen wichtigen Impuls für künftige Forschungen auf diesem lange vernachlässigten Feld. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf den besetzten baltischen Ländern, während die okkupierte Ukraine weniger eingehend behandelt wird. Dies dürfte auch an der Quellenlage liegen, die Mühlhäuser selbst als "insgesamt ausgesprochen lückenhaft" beschreibt (28). Die dürftige Quellenlage und die mit der Interpretation dieser Quellen verbundenen Probleme haben eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem schwierigen Thema lange Zeit gehemmt. Umso mehr Respekt verdient die Autorin dafür, dass sie sich ihm mit dieser sehr guten Studie gewidmet hat.


Anmerkung:

[1] Hierzu das Interview mit dem Historiker Hannes Heer und dem Sozialpsychologen Harald Welzer: Ein Erlebnis absoluter Macht, in: DIE ZEIT Geschichte 2/11, 88-94, hier: 94.

Rezension über:

Regina Mühlhäuser: Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion, 1941 - 1945, Hamburg: Hamburger Edition 2010, 416 S., 36 s/w Abb., ISBN 978-3-86854-220-2, EUR 32,00

Rezension von:
Alex J. Kay
Frankfurt/M.
Empfohlene Zitierweise:
Alex J. Kay: Rezension von: Regina Mühlhäuser: Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion, 1941 - 1945, Hamburg: Hamburger Edition 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 11 [15.11.2011], URL: http://www.sehepunkte.de/2011/11/19814.html


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