Rezension über:

Heinz-Kurt Wahren: Gier. Der menschliche Faktor der Finanzkrise, München: Wilhelm Fink 2011, 180 S., ISBN 978-3-7705-5097-5, EUR 19,90
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Rezension von:
Christiane Eifert
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Christiane Eifert: Rezension von: Heinz-Kurt Wahren: Gier. Der menschliche Faktor der Finanzkrise, München: Wilhelm Fink 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/19449.html


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Heinz-Kurt Wahren: Gier

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"Vernünftige und tragfähige Erklärungen" für Finanzkrisen könne man nur gewinnen, wenn man die "technische-finanzwissenschafliche Betrachtung um sozial- bzw. kulturwissenschaftliche Aspekte zu einem wirklich ganzheitlichen Ansatz erweitert" (13), behauptet der Verfasser dieser Studie und bringt sein Erkenntnisinteresse und sein Vorgehen auf den Punkt. Das Material für seine Untersuchung findet er ausschließlich im zeitgenössischen Diskurs, aus dem er Aussagen über vergangene Zeiten entnimmt. Wahren zieht zu etwa zwei Dritteln Presseartikel, populärwissenschaftliche Veröffentlichungen und Romane heran und zu einem Drittel wissenschaftliche Publikationen. Kriterien für die Auswahl der Literatur werden nicht genannt.

Wahrens Hypothese ist, "dass die Gier bei der Entwicklung von Finanzkrisen - im Zusammenspiel mit anderen Faktoren - eine wesentliche, vor allem unheilvolle Prozesse anstoßende wie beschleunigende Rolle spielt." (43f.) Er eröffnete seine Argumentation mit einem Rückblick auf Krisen seit den 1980er Jahren und konstatiert, dass Gier vor allem in Expertengesprächen und Medienberichten als auslösender Faktor von Finanzkrisen hervorgehoben werde. Weil der Begriff Gier hierin durchaus unterschiedlich gebraucht werde, erläutert ihn der Verfasser sodann aus verschiedenen Perspektiven: nach der Gier im klassischen Griechenland behandelt er Gier aus theologischer, anthropologischer, philosophischer, ökonomischer, soziologischer und psychologischer Sicht. Gier ist bei ihm dabei immer das Verlangen nach Geld.

Der Verfasser hält danach fest, es gebe ein "ökonomisch sinnvolles, in diesem Sinne auch funktionales, sozial und moralisch vertretbares [...] Gewinnstreben", das sich "von einem giergetriebenen, moralisch angreifbaren, gesellschaftlich zumeist auch schädlichen und damit dysfunktionalen Gewinnstreben unterscheidet." (95) Die Quellen der Gier sucht er, seiner Literatur folgend, in der Natur (den Genen) ebenso wie in der Kultur. Hierbei kommt er zu dem Ergebnis, Gier sei ein kulturell geprägtes, erlerntes Verhalten. (102-105) Abschließend wendet er sich dem Gierigen als Kunstfigur zu und erörtert die "Zähmung der Gier mittels Moral". Wenig überraschend bestätigt er endlich seine eingangs vorgetragene These.

Wahren, über den das Buch nicht informiert, ist Betriebswirt, hat zudem Psychologie und Philosophie studiert und arbeitet als Geschäftsführer einer Coaching-Firma. Er ist bislang mit Publikationen wie "Das lernende Unternehmen" oder "Erfolgsfaktor Innovation" hervorgetreten. Das vorliegende Buch stellt keine Analyse in sensu strictu dar, sondern es arrangiert Diskussionsbeiträge der letzten zehn Jahre zu einer bunten Collage. Dabei werden vor allem psychologische und ökonomische Interpretationen mit Zitaten aus Romanen leichthändig gemischt.

Für Historikerinnen und Historiker erweist sich der ahistorische Zugriff als sehr problematisch: Wahren geht von Gier als einem durch die Jahrhunderte konstanten Gefühl aus. Mit dem Psychoanalytiker Arthur Nikelly entdeckt Wahren in Griechenland im 9. Jh. v. Chr. die "Hermian personality": "eine Persönlichkeit, die - Gott Hermes ähnlich - konkurrenzbetont, aggressiv, skrupel- und rastlos ihre Eigeninteressen verfolgt, Reichtum und einen möglichst hohen Status anstrebt und dabei auch Mittel der Täuschung oder Manipulation einsetzt". (45) Von diesem Fund ausgehend wird Kontinuität konstruiert, während Gier zugleich als "kulturelles, erlerntes Verhalten" bestimmt wird. Alle emotionshistorischen Überlegungen zur Veränderung von Gefühlswahrnehmungen und -deutungen in der Zeit bleiben ausgeschlossen.

Selbst als populäre Einführung in den Gegenstand kann das Buch nicht empfohlen werden. Es bestätigt letztlich die aus Film, Funk und Fernsehen vorhandenen Vorannahmen über Gier bis hin zum unvermeidlichen Gordon Gekko und trägt gerade nicht dazu bei, das Phänomen kultur- und sozialwissenschaftlich zu untersuchen.

Christiane Eifert