Rezension über:

Robin Osborne (ed.): Debating the Athenian Cultural Revolution. Art, Literature, Philosophy, and Politics 430-380 BC, Cambridge: Cambridge University Press 2007, xv + 341 S., ISBN 978-0-521-87916-3, GBP 55,00
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Rezension von:
Bernhard Smarczyk
Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Bernhard Smarczyk: Rezension von: Robin Osborne (ed.): Debating the Athenian Cultural Revolution. Art, Literature, Philosophy, and Politics 430-380 BC, Cambridge: Cambridge University Press 2007, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 4 [15.04.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/04/14118.html


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Robin Osborne (ed.): Debating the Athenian Cultural Revolution

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Die hier vorgelegten, ursprünglich 2004 während eines Kongresses in Cambridge vorgestellten Beiträge befassen sich mit verschiedenen Aspekten der Kultur Athens und fragen nach den Ursachen ihrer Veränderungen, wobei "'culture' unterstood in its broadest sense" (xiii) thematisiert wird. Als gemeinsamer Nenner der Jahre zwischen 430 und 380 werden tiefgreifende kulturelle Wandlungen und Zäsuren auf mehreren Gebieten vorausgesetzt. Bei der Frage nach ihrer Verursachung denkt man naheliegender Weise an die vielfältigen Auswirkungen des Peloponnesischen Krieges. Doch R. Osborne macht gleich in seiner ausführlichen, kommentierenden Einleitung deutlich, dass der psychologische Effekt dieser 'Wendemarke' (bes. der Katastrophe von 404) die Neuerungen und Umbrüche nicht befriedigend erklären kann, die hier deskriptiv und analytisch behandelt werden sollen. Er fasst die folgenden Aufsätze zusammen zu einem Gesamtbild, das der Gemeinschaftsorientierung des 5. Jahrhunderts eine stärkere Betonung des Individuums im 4. gegenüberstellte, in dem die Athener die Folgen davon zu tragen hatten, dass sie im ausgehenden 5. Jahrhundert dank ihrer Selbstüberschätzung innen- wie außenpolitisch die Unschuld verloren hatten (25f.). Abgedeckt wird die damit implizierte Kontrastierung des 5. und des 4. Jahrhunderts durch die anschließenden Essays jedoch nicht, die in der Summe vielmehr das Bild eines Neben- und Ineinanders von Umbrüchen, Wandlungsschritten und Kontinuitäten vermitteln. Sie problematisieren denn auch für die verschiedenen, behandelten Bereiche, ob wirklich von einer Kulturrevolution gesprochen werden darf oder nicht eher ein Zusammenwirken von alten und innovativen Elementen dominierte. Somit bleibt letztlich diskutabel, ob sich in den fraglichen Jahrzehnten übergreifend ein maßgeblicher Wandlungsprozess vollzogen hat bzw. ob dieser als 'kulturelle Revolution' bezeichnet werden darf oder muss. Das Spektrum der Entwicklungselemente war offenbar sehr weit gefasst und umgriff Kontinuitäten, graduelle Veränderungen, Diskontinuitäten wie auch revolutionäre Umgestaltungen. Ein spezifisches Profil des (postuliert 'revolutionären') Wandels zwischen 430 und 380 oder eine besondere Beschleunigung als Merkmale, die ihn von Veränderungsprozessen davor und danach abheben würden, lässt sich daher nicht greifen.

Zweifellos handelt es sich aber um einen stimulierenden Band, dessen sorgfältig argumentierende und methodisch reflektierte Aufsätze (z.T. durch Abbildungen und Tabellen illustriert) fruchtbare Anregungen für die vielfältigen, darin angeschnittenen Themenkomplexe und für die übergeordnete Fragestellung bieten. Ihr Wert kann hier allerdings nur durch knappe Hinweise auf den Inhalt angedeutet werden.

Zusammenhänge zwischen dem immensen Bevölkerungsverlust Attikas zwischen 431 und 404 und seinen ökonomischen Folgen für Beschäftigung, Produktivität, Streuung des Landbesitzes und Wertschätzung freier wie unfreier Arbeitskraft betrachtet B. Akrigg (27-43).

E. Eidinow (44-71) prüft bisherige Erklärungen für das Aufkommen von Fluchtäfelchen in Athen gegen Ende des 5. Jahrhunderts Die wachsende Bereitschaft der Athener, sich der Schrift zu bedienen und die religiöse Verunsicherung, die bes. ab 415 einsetzte, wurden bislang als entscheidende Impulse betrachtet. Eidonow betont, dass die Funktion der Verfluchungen, Gefahren, denen man sich ausgesetzt sah, zu minimieren für immer mehr Athener ein Mittel war, ihr schwindendes Selbstvertrauen und die Schwäche bisher gegebener Mittel der sozialen Kontrolle zu kompensieren. Doch wurden mündliche Bindungsflüche bereits während der Pentekontaëtie eingesetzt; 415 markiert somit keine Zäsur. Sie unterstreicht ferner, dass die Fluchtafeln häufig auf anhängige Gerichtsverfahren bezogen waren und mit ihren geheimen Texten mit der öffentlichen Verhandlung der Fälle kontrastieren.

C. Taylor (72-90) geht der Frage nach, wie zu Beginn des 4. Jahrhunderts die politisch aktive Gruppe der Bürger abzugrenzen ist. Anhand prosopographischer Daten ermittelt sie eine sinkende politische Beteiligung der reichen Bevölkerungsgruppen sowie eine wachsende Partizipation der weniger Reichen sowie der aus ländlichen Demen stammenden Bürger, die jetzt auch stärker für die Liturgien herangezogen wurden. Damit erhielt Attika-Land ein höheres Gewicht als im 5. Jahrhunderts, in dem die reichen Stadtfamilien dominiert hatten. Die geringere Beteiligung von Bürgern aus den städtischen Demen hatte ihren Grund im Verlust von Vermögen, dem Aussterben von Familien oder in deren Rückzug von einer politischen Betätigung. Insgesamt ist im 4. Jahrhhundert eine klare Tendenz zu einer egalitären Besitz- und Landverteilung bemerkbar und - von der Stratifizierung her betrachtet - größere Bevölkerungsteile waren politisch aktiv.

J. L. Shear (91-115) zeichnet ein lebendiges und überzeugendes Bild der Entwicklung der Agora ab ca. 430. Sie bildete topographisch den Rahmen für die Restituierung der Demokratie 410 und 403/2 und symbolisierten deren Stabilität. Dies schlug sich nieder in: der inschriftlichen Präsentation der seit 410 laufenden Rechtskodifizierung, der monumentalen Privilegierung der Phylekämpfer, der Ehrung um Athen verdienter Bürger wie Fremder, weiter in Baumaßnahmen, welche sich auf das Bouleuterion, Stoai, Gerichtsgebäude und die Münze erstreckten, usw. Die Agora verdrängte, auch als Aufstellungsort von Inschriften, nun die Akropolis als Herz des politischen Athen. Diese feierten die bürgerliche Pflichterfüllung und würdigten jetzt, etwa mit Ehrendekreten für Strategen, auch individuelle Verdienste.

Neue Formen der Visualisierung von Szenen und Themen in der attischen Vasenmalerei stellt Katharina Lorenz (116-143) heraus. Besonders beim Nikiasmaler sticht die Neigung hervor, auf einem Gefäß verschiedene Ebenen einer Erzählung miteinander zu verknüpfen; für dieses grenzüberschreitende Verfahren benutzt sie den in der Literaturkritik beheimateten Begriff 'metalepsis'. Mit politischen Zäsuren der Geschichte Athens lässt sich dies jedoch nicht ohne weiteres verbinden, Lorenz sieht die Neuerung eher als autonomes Produkt der Vasenmaler, die unabhängig vom Einfluss literarischer Textvorgaben neue Konzepte der Visualisierung schufen. Sie postuliert, dass die neue Darstellungsmethode die Betrachter in einen dynamischen Prozess der Interpretation einband, der ihn stärker dazu veranlasste, sich über seine eigene Perspektive klar zu werden und über mythische und historische Inhalte bzw. Deutungen vertieft nachzudenken.

P. Schultz (144-187) untersucht in einem Beitrag zur Sozialgeschichte der Kunst neue stilistische Trends bei der Skulpturen-Darstellung menschlicher Figuren. Bildhauer, die neue stilistische Entwicklungen vorantrieben, wurden wegen der Individualität ihrer Leistung von den zeitgenössischen Auftraggebern sehr geschätzt und weit besser honoriert als konservativere Kollegen. Diese in einen Wettkampf involvierten 'Stars' der Szene waren durch ein höheres Maß an Offenheit der Formen ausgewiesen als ihre schlechter bezahlten Konkurrenten. Ihre Öffnung hin zu einer größeren Vielseitigkeit war nur möglich aufgrund sich verändernder sozialer Strukturen, mit denen die stilistischen Wandlungen korrelierten. Die Auftraggeber trieben dies voran, um geeignete Skulpturen für ihre unterschiedlichen Zwecksetzungen zu bekommen.

Eine hochinteressante Studie von E. Irwin (188-223), die allerdings mit dem Hauptthema nicht recht zu verbinden ist, konzentriert sich auf die Diskussion über ältere Thalassokratien der Griechen, die mit der Athens vor 404 verknüpft wurden. Anhand des Vergleichs der minoischen Seeherrschaft in Thukydides' erstem Buch mit der des Minos und auch des Polykrates bei Herodot versucht sie nachzuweisen, dass Thukydides' Konzeption die ältere ist, während der Halikarnassier in intertextueller Beziehung zu ihm ein methodisch weiterentwickeltes (und athenkritisches) Bild bietet. Mindestens Teile des thukydideischen Werkes wären folglich älter als die Historien Herodots und beide eher Diskurspartner als Vorgänger und Nachfolger! Thukydides zielte auf die historische Evolution der Thalassokratien bis hin zur attischen und kennzeichnete diese damit als 'natürliches' Produkt; Herodot wies dagegen Minos dem spatium mythicum zu und benutzte sein und Polykrates' Schicksal als Warnung an die aktuellen Seeherrscher.

A. Long (224-241) fragt nach der Dialogform bei Platon, vor allem in der Politeia. Er stellt die wichtige Funktion von Sokrates' Gesprächspartnern in den Dialogen für die Entwicklung des Gedankengangs und überhaupt für die Wahl der thematisierten Fragen heraus.

'Revolutionäre' Konzepte in Aristophanes' Ekklesiazusen und ihre Beziehungen zur platonischen Politeia (bes. B.5) analysiert R. Tordoff (242-263). Platon nahm die Ideen der Komödie sehr ernst, sah in ihnen keineswegs nur eine komische Spielerei, sondern eine andere, konkurrierende Form, sich mit Themen seiner eigenen Philosophie auseinander zu setzen. Er reagierte demnach direkt auf die Komödie und warnte davor, ernstgemeinte philosophische, speziell kommunistische Vorstellungen ins Komische zu ziehen.

E. Hall (264-287) gibt einen profunden Überblick über Entwicklungen der Tragödie zwischen 430 und 380. Sie betont die von den Interessen der Schauspieler mitbestimmte wachsende Verbreitung der attischen Tragödie in der ganzen griechischen Welt, eine 'Internationalisierung', die einherging mit einer Ablösung ihrer Themen von einem unmittelbaren Bezug auf Athen, und analysiert die intertextuellen Beziehungen zwischen den zu Beginn des 4. Jahrhunderts entstandenen Tragödien zu den regelmäßig wieder aufgeführten Klassiker-Dramen des 5. Jahrhunderts. Als Veränderungen verzeichnet sie die Einführung neuer musikalischer Elemente, die Voranstellung des Satyrspiels im Theateragon, die Tendenz zur stärkeren theoretischen Durchdringung der Tragödie u.a. Eine Revolution ergab dies in der Summe jedoch nicht, da die Tragödie bei allen Modifikationen und Innovationen formal und thematisch weitgehend unverändert blieb und sich im Übrigen relativ autonom von den politischen und ökonomischen Gegebenheiten entwickelte.

D'Angour (288-300) beschäftigt sich mit der um die Jahrhundertwende 'Neuen Musik', ihrem Einfluss auf die zeitgenössische Tragödie und Dithyrambik und ihre soziale Einbettung. Im Rahmen der Beschleunigung der musikalischen Neuerungen in dieser Zeit wurde die Instrumentalisierung der Musik vielseitiger, sie selbst melodiöser und rhythmischer. Sozialhistorisch ging damit sowohl eine Aufwertung der Sänger einher wie auch eine 'Demokratisierung' des Publikums. Wie andere Beiträge verweist auch dieser auf die Tendenz zu einem höheren Maß an Professionalisierung und deren Wertschätzung nicht nur im Bereich der Kunst, sondern auch in dem der Politik, ein Trend, der auch anderenorts als Kennzeichen der athenischen Entwicklung im 4. Jh. herausgearbeitet worden ist. [1]


Anmerkung:

[1] vgl. W. Eder (Hg.): Die athenische Demokratie im 4. Jahrhundert v. Chr., Stuttgart 1995.

Bernhard Smarczyk