Rezension über:

Martin Schierbaum (Hg.): Enzyklopädistik 1550-1650. Typen und Transformationen von Wissensspeichern und Medialisierungen des Wissens (= Pluralisierung & Autorität; Bd. 18), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2009, XX + 520 S., ISBN 978-3-643-10034-4, EUR 59,90
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Rezension von:
Flemming Schock
Technische Universität, Darmstadt
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Flemming Schock: Rezension von: Martin Schierbaum (Hg.): Enzyklopädistik 1550-1650. Typen und Transformationen von Wissensspeichern und Medialisierungen des Wissens, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2 [15.02.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/02/18643.html


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Martin Schierbaum (Hg.): Enzyklopädistik 1550-1650

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Die Erforschung historischer Wissensformen- und Ordnungen ist mittlerweile weit verzweigt. Wesentliche Beiträge zur Enzyklopädie-Diskussion stammen aus der Publikationsreihe des Münchener Sonderforschungsbereich 573 "Pluralisierung & Autorität", innerhalb derer auch der vorliegende Band erschienen ist. Die präsentierten Ergebnisse gehen auf ein bereits 2005 abgehaltenes Symposium zurück. Seitdem ist es zunehmend schwerer geworden, sich innerhalb der differenzierten Forschungslandschaft zu positionieren. Die profunde Einleitung des Herausgebers Martin Schierbaum entwickelt in dieser Hinsicht ein durchaus einleuchtendes Rahmenkonzept des Zugriffs auf eine "mittlere Ebene der Wissensordnungen" (X): So wollen die Einzelbeiträge weder die Wissenspraktiken noch die übergeordneten Wissenssystematisierungen allein untersuchen, sondern vor allem auch deren Veränderungsdynamiken ("Transformationen") sowie die Text und Bild integrierenden Medien der Darstellungen ("Medialisierungen") in den Blick nehmen."

Die insgesamt dreizehn Beiträge unterteilen sich in drei Sektionen; die erste konzentriert sich auf "Typen von Entstehungs- und Verwendungszusammenhängen von Wissensspeichern". Christel Meier geht eingangs den Verbindungslinien der Enzyklopädik zur frühneuzeitlichen 'Leitmetapher' des Theaters nach. Die Verbreitung der Theatervorstellung in angrenzende Bereiche begreift Meier nicht nur als eindimensionalen Transfer eines griffigen Bildes. Die "Engführung von Theater und Enzyklopädik" (3) beschreibt sie vielmehr überzeugend als einen Prozess wechselseitiger Präsenz ("Intertheatralität"). Ähnlich grundlegend ist der Beitrag von Jörg Jochen Berns über die Funktion und den Wandel ordnungsbestimmender Bilder in Enzyklopädien des 16. und 17. Jahrhunderts. Methodisch klar trennt Berns klar zwischen zwei großen Bildtypen - den übergeordneten "Superimages" (42) und darunter rangierenden "Subimages" (42). Ausgehend vom Baum des Wissens, diskutiert der Beitrag anhand vier exemplarischer Texte die "organisierende Kraft" (56) enzyklopädischer Bebilderungsprogramme. Den notwendigen vergleichenden Blick leistet anschließend Iolanda Ventura am Beispiel der enzyklopädischen Literatur Italiens im 16. Jahrhundert. Hier gefällt besonders, dass die Veränderungsprozesse innerhalb des enzyklopädischen Diskurses aus einem ganzen Bündel an Faktoren innerhalb der Renaissancekultur hergeleitet und die "enzyklopädische Mentalität" (96) nicht als isoliertes Phänomen beschrieben wird.

Der zweite Themenschwerpunkt steht unter der Überschrift "Transfer der Wissensordnungen und Transformation der Wissensspeicher". Dirk Werle wendet sich hier zunächst den erfolgreichen biographischen Sammelwerken des Lexikografen Melchior Adam (1575-1625) zu und zeigt präzise, wie die Gelehrtenbiographik durch rhetorische Darstellungs- und Inszenierungsstrategien die Bedeutsamkeit von didaktisierenden "Modellgeschichten" (109) generierte. Etwas zu weitläufig sind dagegen die Ausführungen von Uta Goerlitz über das Problem der Ordnung und Auffinden des Wissens in der universalen "bibliotheca privata" (164) von Konrad Peutinger. Von der Ordnung der Bibliothek zur strukturellen Neuordnung einer ganzen Disziplin führt darauf Jörg Robert. Am Beispiel von Justus Scaligers "Poetices libri septem" (1561) zeigt Robert, dass die Dichtungslehre zur Mitte des 16. Jahrhunderts auf die Pluralisierungsprozesse des Wissens mit einer gänzlich neuen "Ordnungsemphase" (182) antwortete. Im Anschluss weitet sich der Fokus mit dem Beitrag von Udo Friedrich auf die metaphorische Konzeptualisierung von Welt und Wissen als Ganzes. Der durch ein hohes Abstraktionsniveau bestechende Beitrag arbeitet die unterschiedlichen "Sinnoptionen" (204) von leitenden Weltmetaphern (Buch, Theater, Kreis, Spiegel) heraus und untersucht ihre Interferenzen zu Strategien metaphorischer Wissensordnungen. In monographischer Ausführlichkeit (ca. 100 Seiten) verfolgt Martin Schierbaum darauf die Transformationsprozesse verschiedener enzyklopädischer Typen (Universalbibliographien, Exempelsammlungen, Fachenzyklopädien). Einsichtsreich ist hier unter anderem die Perspektive, die Veränderungen von systematischen Enzyklopädien über den Blick auf ihre "Textreihen" (257) nachzuvollziehen, also entlang des sonst gerne vernachlässigten Aspektes der Auflagengeschichte.

Der dritte und letzte Themenblock fokussiert "Typen der medialen und literarischen Darstellung von Wissen und ihre Transformationen". Den Aspekt der Transformation verfolgt hier eingangs Paul Michel am Beispiel der intensiv illustrierten, ersten deutschen Übersetzung von Petrarcas "De remediis utriusque fortunae" (1354-1367). Über eine anschauliche Analyse der Text-Bild-Beziehungen zeigt Michel, dass sich die "Augmentation" (372) von Petrarcas Vorlage durch die Holzschnitte nicht nur inhaltlich realisierte, sondern überdies durch einen Ausbau der vermittelten "Sinn-Dimensionen" (373). Dass sich enzyklopädische Fragestellungen nicht nur an den großen Enzyklopädieentwürfen diskutierten lassen, verdeutlicht auch der Beitrag von Ursula Kundert über die wissenschaftlichen Streitgespräche an der Universität Basel. Sie weist nach, wie sich ein "enzyklopädischer Anspruch" (383) in Baseler Disputationen des 16. Jahrhunderts anhand der Bewegung durch alle philosophischen Teildisziplinen beobachten lässt. Eine neue Lesart schlägt auch Michael Thimann für einen der bedeutendsten barocke Kunsttraktate vor. Thimann wertet Sandrarts "Teutsche Academie" (ab 1679) als eine pädagogisch-propädeutische "Fachenzyklopädie" (447) und zeigt detailliert, wie Sandrart seinem Ideal eines universal gebildeten Malers entsprechend das Künstlerwissen gemäß topisch-mnemotechnischen Prinzipien ordnet, um unter anderem die inventio von Stoffen im künstlerischen Prozess zu optimieren. Die im Band mehrfach zur Sprache kommenden Interferenzen von streng enzyklopädischen und literarischen Texten konkretisiert Frieder von Ammon in einem besonders exemplarischen Fall: Eine "Subversion enzyklopädischer Wissensformen" (479) illustriert der prägnante Beitrag am Beispiel barocker Romane, die durch ihre ordnenden Paratexte zu literarischen Enzyklopädien aufstiegen und dabei zugleich die Funktionen und Rezeptionsmodi der Gattung pluralisierten. Mit der "Aufschreibematrix" (487) historischer Tabellenwerke nimmt Benjamin Steiner abschießend ein von der Forschung bislang nur marginal berücksichtigtes Ordnungsmodell in den Blick. In einem instruktiven Durchgang skizziert Steiner die funktionalen Ausformungen und Verfeinerungen universalhistorisch strukturierter Geschichtstabellen vor der alleinigen Dominanz einer narrativ organisierten Historiographie seit dem 19. Jahrhundert.

Im Ganzen liefert der Band einen gewichtigen interdisziplinären Beitrag zur Geschichte enzyklopädischer Wissensspeicher. Neben exzellenten Überblicksbeiträgen überzeugen viele instruktive Fallstudien, die durch originelle Lesarten auch scheinbar randständige Gattungen wie Romane, Kunsttraktate und Disputationen dem enzyklopädischen Paradigma zuordnen. Es bleiben nur kleinere Einwände: die teils unausgewogene Länge der Beiträge, die Begrenzung eines für die Frühe Neuzeit insgesamt bezeichnenden wissensgeschichtlichen Phänomens auf das Jahrhundert zwischen 1550 bis 1650 sowie das erneute Übergewicht kanonischer Texte (Alsted, Zwinger etc.). Die angemahnte Beschäftigung mit "Kommunikationsformen jenseits des gebildeten Diskurses" (X) ist letztlich unterrepräsentiert. So bleibt auf dem weiten Feld enzyklopädischer Formen der Frühen Neuzeit noch einiges zu entdecken.

Flemming Schock