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Stephan Conermann: Islamische Welten. Einführung, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 11 [15.11.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/11/forum/islamische-welten-140/

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Islamische Welten

Einführung

Von Stephan Conermann

Dieses FORUM Islamische Welten beginnt mit drei Sammelbänden unterschiedlicher Art. Zunächst haben wir es mit dem Beginn einer thematisch orientierten Reihe ("Islamwissenschaft als Kulturwissenschaft", Harwazinzki über Conermann / von Hees) zu tun. Gegenstand des Auftaktbandes sind Ansätze und Möglichkeiten einer Historischen Anthropologie aus islamwissenschaftlicher Sicht. Die Lektüre des Bandes macht neugierig und man wünscht sich, dass auf diesen ersten Schritt in Richtung einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Islamwissenschaft weitere folgen mögen. Bei den beiden anderen Kompilationen handelt es sich um typische Festschriften, über deren Problematik ja in vorangegangenen Einleitungen schon einiges gesagt worden ist. Zum einen wird hier dem Tübinger Orientgeographen Heinz Gaube, zum anderen dem Inhaber des Lehrstuhls für Byzantinische Archäologie und Kunstgeschichte an der Ruprechts-Karls-Universität Heidelberg in Form von 20 bzw. 13 wissenschaftlichen Beiträgen gratuliert (Scheiner über Korn / Orthmann et al. bzw. über Eichner / Tsamakda) Am Ende hat man es - wie immer - mit einem bunten Strauß größtenteils sehr interessanter, inhaltlich aber natürlich disparater Aufsätze aus der Feder von qualifizierten Fachleuten zu tun.

Es folgt die Besprechung eines Übersichtswerkes über die Geschichte des islamischen Rechtes. (Eichner über Rohe) Dem Erlanger Juristen und Islamwissenschaftler Mathias Rohe ist die schwierige Aufgabe einer Gesamtschau bestens gelungen, auch wenn die Rezensentin berechtigterweise bemängelt, dass der Autor die ausdifferenzierte islamwissenschaftliche Debatte um die Entstehung eines normativen Rechtskorpus vollkommen unberücksichtigt lässt. Eine primär historische Dimension finden wir innerhalb dieses Forums bei Stephen F. Dales Buch über die drei frühneuzeitlichen muslimischen Großreiche der Safaviden, Osmanen und Moguln (Schüller über Dale) und in Michael F. Klinkenbergs Abhandlung zum Orientbild in der französischen Literatur und Malerei vom Beginn des 17. bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert. (Schüller über Klinkenberg) Dale kann sehr überzeugend Unterschiede und Gemeinsamkeiten der politischen und gesellschaftlichen Strukturen der drei Herrschaftsverbünde herausarbeiten. Letzten Endes fehlt jedoch eine (dringend notwendige) theoretische Diskussion über die aus dem europäischen Kontext unreflektiert übernommenen Begrifflichkeiten "Staat", "Reich", Imperium" oder "Dynastie". Klinkenberg schließt an die mittlerweile bemerkenswert angewachsene Literatur zum Orientalismusdiskurs in den nachaufklärerischen europäischen Gesellschaften an und fügt mit seiner Beschreibung französischer Orienttopoi und -bilder eine weitere, durchaus lesenswerte Monographie hinzu.

Die nächsten beiden besprochenen Abhandlungen widmen sich zwei wichtigen Themen aus der jüngeren Geschichte. Der israelische Historiker Benny Morris, der zu der informellen Gruppe der "New Historians" zählt, die mit ihren Arbeiten eine Revision der Geschichte Israels anstreben, hat ein substantielles und bahnbrechendes Werk zur Entstehung und zum Verlauf des Arabisch-Israelischen Krieges von 1948/49 vorgelegt, das viele Details, die zum Grundbestand des israelischen kollektiven Gedächtnisses und der offiziellen Lesart der eigenen Vergangenheit gehören, korrigiert und in Frage stellt. (Schwanitz über Morris) Ebenso spannend lesen sich aber auch viele der Beiträge in einem Sammelband zu dem weltweit bekannten und global einflussreichen muslimischen Gelehrten Yusuf al-Qaradawi (geb. 1926). (Schwanitz über Skovgaard-Peterson / Gräf) Obgleich die Aufsätze zusammengenommen unser Bild des von Qatar aus agierenden Muftis erhellen, sieht der Rezensent auch einige kleine Schwächen der Darstellung, insbesondere befremdet ihn etwas die in der Summe fast wohlwollend-sympathisierende Tendenz vieler Artikel. In vielen seiner Aussagen ist al-Qaradawi dezidiert anti-westlich, uneindeutig und widersprüchlich und daher zum Teil auch sehr umstritten.

Das November-FORUM schließt mit zwei sehr unterschiedlichen Büchern. Klaus Kreiser, einer der besten Kenner der osmanischen Geschichte, hat aus verschiedenen Quellen einen überaus lesenswerten historischen Reiseführer der Stadt Istanbul publiziert. (Kulke über Kreiser) Die Lektüre eines solchen Buches verschafft dem Leser Einblicke in die Gesellschaft der Osmanenzeit, die man in der Regel erst nach Jahrzehnten intensiver und gezielter Lektüre der Originaltexte erhalten kann. Zu guter Letzt gibt der Politikwissenschaftler und Orientalist Samir Suleiman eine kurze Einführung in "den" Islam. (Schüller über Suleiman) Derartige Bemühungen stellen aus der Sicht der Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler stets schwierige Unterfangen dar, da Verkürzungen und einseitige Verzerrungen unvermeidliche Begleiterscheinungen des Genres sind. Hier scheint aber, wenn wir der Rezensentin folgen wollen, eine einigermaßen solide Arbeit für ein allgemeines Publikum geschrieben worden zu sein.

Wie stets wünsche ich allen am FORUM Islamische Welten Interessierten viel Spaß bei der Lektüre!

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