Rezension über:

Cecil L. Striker / Y. Dogan Kuban (eds.): Kalenderhane in Istanbul: The Excavations. Final Reports on the Archaeological Exploration and Restoration at Kalenderhane Camii 1966-1978, Mainz: Philipp von Zabern 2007, X + 387 S., mit 26 Tafeln, ISBN 978-3-8053-3818-9, EUR 51,00
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Rezension von:
Martin Dennert
Redaktion LIMC, Basel
Redaktionelle Betreuung:
Ute Verstegen
Empfohlene Zitierweise:
Martin Dennert: Rezension von: Cecil L. Striker / Y. Dogan Kuban (eds.): Kalenderhane in Istanbul: The Excavations. Final Reports on the Archaeological Exploration and Restoration at Kalenderhane Camii 1966-1978, Mainz: Philipp von Zabern 2007, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 10 [15.10.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/10/17269.html


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Cecil L. Striker / Y. Dogan Kuban (eds.): Kalenderhane in Istanbul: The Excavations

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Die als Kalenderhane Camii bekannte Kirche gehörte bis in die 1960er-Jahre zu den am wenigsten bekannten und vernachlässigsten byzantinischen Bauten in Istanbul. Von 1966 bis 1978 wurde der Bau jedoch in einem gemeinsamen Projekt von Dumbarton Oaks und der Istanbul Teknik Üniversitesi unter Leitung von Cecil L. Striker und Doğan Kuban umfassend erforscht und restauriert und danach als Moschee wieder in Funktion genommen.

Erfolgte die Vorlage von Vorberichten zügig, so verzögerte sich die Herausgabe der Abschlusspublikation aus verschiedenen Gründen (2f.); der erste Band erschien 1997 [1], bis zum vorliegenden zweiten Band dauerte es weitere zehn Jahre. [2] Der erste Band behandelte erschöpfend die Identifizierung, Geschichte und Baugeschichte des Baus sowie die architekturgebundene Innenausstattung (Architekturplastik, Marmorverkleidung, Fresken und Mosaiken). Die Ergebnisse des ersten Bandes waren von größter Bedeutung: die Identifizierung des Baus als Kirche der Theotokos Kyriotissa, die Scheidung der drei Hauptbauphasen (Badeanlage um 400; Kirchenbauten 6./7. Jahrhundert; um 1200), die Publikation der Mosaiken und des auch für die westliche Kunstgeschichte so bedeutsamen Freskozyklus mit Szenen aus dem Leben des Hl. Franziskus.

Dieser zweite Band liefert nun sozusagen nach, was bei einen Grabungsbericht zum Standard gehört: die Vorlage der Kleinfunde (Keramik, Glas, Münzen, Siegel, Skulpturfragmente, Ziegelstempel und Knochenfunde), wobei das Fehlen etwa von Lampen oder Metallfunden verwundert. Bei einer archäologischen Grabung dienen diese Funde normalerweise der Datierung der stratigrafischen Befunde. Wie aber Striker (2-5) darlegt, ist die relative Chronologie des Baus durch die Untersuchung der Architekturphasen gesichert, die absolute Chronologie entstand durch die Kombination mit Münzfunden und historisch-typologischen Einordnungen. Die sonstigen Kleinfunde waren zur Datierung der Baugeschichte nicht als unbedingt notwendig erachtet worden. Hinzu kommt, dass sich letztendlich die - teilweise nur unzureichend durchgeführten - stratigrafischen Grabungen nicht immer mit den Phasen der Baugeschichte korrelieren ließen. Den Versuch, die wenigen Ergebnisse der Grabungen für die Geschichte des Baus nutzbar zu machen, bildet das Kapitel II (5-38, Cecil L. Striker, Marsha Groves), letztendlich aber ohne Resultat, das nicht schon durch die bauarchäologischen Untersuchungen bekannt gewesen wäre. Das Umfeld der Kalenderhane ist extensiv für Gräber benutzt worden (fig. 35-36), im Text schlägt sich diese Befundlage jedoch nur in einer knappen Bemerkung auf Seite 8 nieder sowie dem Kapitel VII zu den Skeletten (J. Lawrence Angel, Sara C. Bisel, Page Selinky), das jedoch nicht mehr dem heutigen Stand anthropologischer Forschung entspricht. [3]

Das nachfolgende Kapitel III (49-173) bildet der Katalog der römischen, byzantinischen und osmanischen Keramikfunde (Judith Herrin, Ayyüz Toydemir) sowie der Glasfunde (Gül Ṣişmanoğlu). Dieser ist rein deskriptiv, vollständig mit Profilzeichnungen illustriert, nur mit Einordnung in Waren und Datierungen versehen, irgendeine Art von Auswertung gibt es nicht. Merkwürdig erscheint, dass hier von über 400.000 gefundenen Scherben nur 571 vorgelegt werden. Auch muss angemerkt werden, dass die Erforschung byzantinischer Keramik nach dem Ende der Bearbeitung 1982 in vielen Feldern weiter vorangekommen ist.

Kapitel IV (175-293) behandelt die Münz- und Siegelfunde. Ist die Publikation von Münzfunden sonst oftmals eine eher spröde Angelegenheit, so gelingt es hier Michael F. Hendy in seinem Kommentar, der einen Vergleich der Münzfunde von der Kalenderhane und denen in Saraçhane (Polyeuktoskirche) umfasst, ein durchaus spannendes Kapitel der Benutzungsgeschichte der Kalenderhane wie der Wirtschaftsgeschichte Konstantinopels zu schreiben. Auf den Seiten 178-179 versucht er gar eine Umdatierung des Franziskuszyklus, dem jedoch Striker in Anmerkung 13 sogleich widerspricht. Die katalogmäßige Vorlage der Siegelfunde (John W. Nesbitt) und der osmanischen Münzen (Ibrahim Artuk) ist dann eher wieder der Vollständigkeit geschuldet.

Kapitel V (295-342) von Urs Peschlow widmet sich der byzantinischen Architekturplastik. Insbesondere die noch in situ befindlichen oder einer bestimmten Bauphase zuzuordnenden Stücke waren bereits vom gleichen Autor im ersten Band der Publikation behandelt und abgebildet worden, hier werden sie noch einmal mit allen technischen Angaben im Katalog aufgeführt. Der typologisch angelegte Kommentar behandelt noch einmal in Kürze alle Stücke; er enthält wertvolle Bemerkungen zur Einordnung.

Kapitel VI (343-371), ebenfalls von Urs Peschlow, katalogisiert die - zumeist wiederverwendeten - Ziegelstempel. Hier war zwischen Ausgrabung und Publikation das grundlegende Werk von Jonathan Bardill erschienen [4], und der Autor beschränkte sich daher auf die Dokumentation der Funde unter Bezug auf diese Publikation.

Legt man den großformatigen und gediegen ausgestatteten Band aus der Hand, so wird man einen zwiespältigen Eindruck nicht los: Striker hat damit seine Arbeit zur Kalenderhane zu Ende geführt, die Arbeiten und Funde sind so gut wie möglich dokumentiert, doch die lange Zeit zwischen Grabung und Publikation hat das Buch auch in vielen Teilen obsolet gemacht. Dennoch gebührt Cecil Striker der Dank eines jeden an Konstantinopel Interessierten: Er hat der Kalenderhane Camii den ihr zukommenden Platz unter den Bauten der Stadt gesichert.


Anmerkungen:

[1] Cecil L. Striker / Y. Doğan Kuban (eds.): Kalenderhane in Istanbul. The Buildings, their History, Architecture, and Decoration. Final Reports on the Archaeological Exploration and Restauration at Kalenderhane Camii 1966-1978, Mainz 1997. Rezensionen: Slobodan Ćurčić in: Speculum 76 (2001), 1106-1109; Cyril Mango in: Byzantinische Zeitschrift 91 (1998), 586-590; Robert Ousterhout, DOI: 10.3202/caa.reviews.1999.65.

[2] An weiteren Rezensionen zu diesem Band sind erschienen: Johannes Cramer in: Architectura 39 (2009), Heft 1, 93; John W. Hayes in: Byzantinische Zeitschrift 101 (2009), 824-827; John M. Rogers in: Burlington Magazine 151 (2009), 400.

[3] Siehe etwa Chryssi Bourbou: The People of Early Byzantine Eleutherna and Messene (6.-7. Centuries A.D.). A Bioarchaeological Approach, Athen 2004; dies.: Health and Disease in Byzantine Crete (7th-12th Centuries AD), Farnham 2010.

[4] Jonathan Bardill: Brickstamps of Constantinople, Oxford 2004 (150f. zu den Stempeln aus der Kalenderhane); Peschlow hatte sein Material Bardill zur Verfügung gestellt.

Martin Dennert