Rezension über:

Andreas Link: Augspurgisches Jerusalem. Bürger, Künstler, Pfarrer - Evangelische Barockmalerei (= Kunstwissenschaftliche Studien; Bd. 158), München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2009, 528 S., ISBN 978-3-422-06867-4, EUR 78,00
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Rezension von:
Esther Meier
Technische Universität, Dortmund
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Esther Meier: Rezension von: Andreas Link: Augspurgisches Jerusalem. Bürger, Künstler, Pfarrer - Evangelische Barockmalerei, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/17855.html


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Andreas Link: Augspurgisches Jerusalem

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Augsburg in der frühen Neuzeit: Eine Stadt des Humanismus und der Bildung, der Händler und des Geldes, der Religionsstreitigkeiten und des konfessionellen Ausgleichs, doch nicht zuletzt der Künste und des internationalen Kunstaustauschs. Unsere Kenntnis über die reiche Kultur der Stadt am Lech verdankt sich zahlreicher Untersuchungen verschiedener Disziplinen. Die kunsthistorische Forschung zur barocken Sakralkunst, vor allem zur protestantischen Kunst, steht quantitativ weit hinter den Nachbardisziplinen zurück. Umso begrüßenswerter ist die seitenstarke Publikation zur evangelischen Barockmalerei von Andreas Link. Das Buch widmet sich zwar kunsthistorischen Fragestellungen, doch der Autor ist Theologe und hat das Werk als Dissertation an der Theologischen Hochschule Neuendettelsau am Lehrstuhl für Praktische Theologie eingereicht. Dem Fachgebiet entsprechend wählt Link einen breiten Zugang, er vereint Kunstgeschichte mit Theologie und Sozialgeschichte.

Drei Hauptkapitel untergliedern den Haupttext des Buches: Die Geschichte der Bildausstattung von St. Ulrich, die Sozialgeschichte des evangelischen Augsburgs sowie die evangelischen Feste und ihre Ausstattung. Am Beginn also steht das kunsthistorische Interesse, das durch die Renovierungsarbeiten in St. Ulrich geweckt wurde. Der erhaltene Bildbestand der Kirche stammt aus den Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Krieg: Emporenbilder bestehend aus 25 alttestamentlichen Szenen, einem Altarbild und zahlreichen einzelnen Tafelbildern. Bereits Links erster Überblick über die Emporenmalerei in Augsburg revidiert das gängige Urteil, das diese Gattung als eine rein reproduktive Kunst von geringer Qualität abstempelt. Jede Kirche der Reichsstadt erhielt ein spezifisches Bildprogramm und die Ausführung lag in der Hand namhafter Künstler wie Matthäus Gundelach, Isaac Fisches, Johann von Spillenberger und Franz Friedrich Franck.

Die Entdeckung von Franck als fähigem und innovativem Künstler, ist eines von Links Verdiensten. Denn der aus Kaufbeuren stammende und in Augsburg lebende Maler ist bestenfalls den Augsburgspezialisten bekannt - zu Unrecht, wie die vielen Farbabbildungen sofort erkennen lassen. Link arbeitet anhand von Quellentexten die bisher nur bruchstückhaft bekannte Biografie heraus: Der katholisch Getaufte zog nach Augsburg, wo er zum Protestantismus konvertierte. In St. Ulrich schloss er seine Ehen, dort ließ er seine Kinder taufen und bekleidete das Amt des Zechpflegers. Francks konfessionelle Orientierung, sein sozialer Aufstieg und seine prestigeträchtigen Aufträge gingen eine Allianz ein.

Link unterzieht Francks um 1667 geschaffene Emporenbilder und die in der Folgezeit erworbenen Gemälde einer genauen Analyse. Das dichte Programm und die Übereinstimmung mit Luthers Empfehlung zur Altargestaltung lassen nach dem Urheber des theologischen Konzepts fragen. Zu denken wäre an den seinerzeit amtierenden Diakon Johannes Vetter. Auch wenn der Bildinhalt dezidiert protestantisch ist, kann Link doch keinen "evangelischen Stil" erkennen, wie mitunter vermutet, doch glaubt er, dass Themen wie die "Verkündigung" oder die "Heilige Sippe" konfessionell-ikonografische Spezifika aufweisen, ohne dies aber wirklich herauszuarbeiten (79f.). Hier besteht noch weiterer Untersuchungsbedarf.

Gewissenhaft werden chronologisch alle Bilder aus St. Ulrich aufgeführt, bis ins 20. Jahrhundert hinein, wobei auch die schriftlich belegten Darstellungen nicht fehlen. So entsteht eine vorbildliche Entwicklungsgeschichte der Innenausstattung von St. Ulrich.

Die Auswertung von reichlichem Quellenmaterial steigert Link im zweiten Kapitel zur Sozialgeschichte all derjenigen Personen, die an der Bildfertigung beteiligt waren. Er erkennt ein eng geflochtenes Netzwerk von Bürgern, Pfarrern und Künstlern, zudem wird deutlich, dass viele Maler zur protestantischen Elite zählten: Einige gehören zum Adel, trugen einen Ehrentitel, bekleideten politische Ämter und wohnten in den gleichen Vierteln wie die sozial arrivierten Bürger. Ihrer Stellung entsprechend traten einige Maler als Stifter von Bildwerken für protestantische Kirchen auf. Dieser bemerkenswerte Sachverhalt wirft ein neues Licht auf das Verhältnis von Malern, Werken und Aufstellungsorten. Link erkennt darin eine Vergewisserung ihrer sozialen Stellung, Bekundung ihrer kirchlichen Verbundenheit und protestantischen Identität.

Spätestens dieses Kapitel mit den zahlreichen Biografien von Künstlern, Stiftern, Zechpflegern und Pfarrern lässt erkennen, dass das "Augspurgische Jerusalem" ein Arbeitsbuch im besten Sinne ist. Es erschließt eine große Anzahl neuer Quellen und bietet eine Fülle von Ansatzpunkten für weitere Forschungen.

Im Untersuchungsort Augsburg liegt es nahe, dem Zusammenhang zwischen Bildausstattung und protestantischen Jubiläen nachzugehen. Dies leistet das dritte Kapitel, das vom ersten Reformationsjubiläum 1617 bis zur Gedächtnisfeier der Confessio Augustana 1780 insgesamt sieben Feste, deren Ablauf, Predigten, Lieder, musikalische Gestaltung und dekorativen Kirchenausstattungen, wiederum anhand von Quellenschriften nachzeichnet. Hier nun auch wird der Buchtitel "Augspurgisches Jerusalem" erläutert (271), der zuvor nur in der Einleitung als lutherische Identitätsformel bezeichnet wurde (12). Da der Begriff für die Untersuchung namengebend ist, hätte man sich eine eingehende Erläuterung früher gewünscht. So aufschlussreich dieses Kapitel auch ist, kommt Link doch zu dem Schluss, dass die Bildausstattung durch die Jubiläen nicht forciert wurde.

Das voluminöse Buch ist mit der Ergebnissicherung noch nicht abgeschlossen. Es folgt zunächst ein Bestandskatalog aller Bilder aus St. Ulrich - eine Arbeit mit Pioniercharakter, denn für Bildwerke in Sakralräumen fehlen ausführliche Verzeichnisse und gute Abbildungen. Hier hat ein Theologe die Arbeit eines Kunsthistorikers geleistet. Nun schließt sich noch ein umfangreicher Anhang an, bestehend aus einer Abhandlung zur Geschichte der Taufgepflogenheit in Augsburg und zahlreicher im Wortlaut zitierter Quellen: Berichte der Reformationsjubiläen 1617 und 1717, Predigten, Spottgedichte, Chroniken, Inventare u.v.m. Für die Nutzung des Buches als Arbeitsbuch sind die umfassenden Register (Bibelstellen, Ikonografie, Orte, Personen, Sachworte) äußerst hilfreich.

Das "Augspurgische Jerusalem" ist ein Buch, das kunsthistorische Fragen zwar nicht immer souverän löst, doch in seiner thematischen Breite und immensen Quellenauswahl zu den Standardwerken der protestantischen Barockmalerei in Augsburg gehören wird.

Esther Meier