Rezension über:

Pia Carolla (ed.): Priscus Panita. Excerpta et fragmenta (= Bibliotheca Scriptorum Graecorum et Romanorum Teubneriana; 2000), Berlin: de Gruyter 2008, XLVIII + 140 S., ISBN 978-3-11-020138-3, EUR 58,00
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Rezension von:
Mischa Meier
Abteilung für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Mischa Meier: Rezension von: Pia Carolla (ed.): Priscus Panita. Excerpta et fragmenta, Berlin: de Gruyter 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 1 [15.01.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/01/15475.html


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Pia Carolla (ed.): Priscus Panita

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Der griechische Historiker Priskos (gestorben nach 474 n. Chr.) aus dem thrakischen Panion ist nur wenigen Spezialisten, die sich mit dem 5. Jahrhundert und der spätantiken Historiographie näher beschäftigen, ein Begriff. Das liegt vor allem daran, dass sein Werk nicht vollständig erhalten geblieben ist, sondern lediglich in Fragmenten vorliegt, die zum größten Teil aus den Excerpta de legationibus stammen, welche im 10. Jahrhundert im Auftrag des byzantinischen Kaisers Konstantin VII. zusammengestellt worden sind. Aber bereits das Wenige, das wir besitzen, lässt erahnen, dass Priskos, wenn er vollständig überliefert wäre, heute zu den wichtigsten und bedeutendsten antiken Historikern zählen würde. Aufgrund der sprachlichen und sachlichen Ausgestaltung seines Geschichtswerks kann man den Autor zu den so genannten klassizistischen Historikern der Spätantike rechnen, d.h. Thukydides, Herodot und Polybios bildeten seine zentralen Bezugsgrößen und stellten ihm ein literarisch-'weltanschauliches' Gerüst zur Verfügung, innerhalb dessen er seine eigene Historia Byzantiake - so mag das Werk geheißen haben - verortete. Das Geschichtswerk selbst (es umfasste die Jahre von [mindestens] 434 bis 474) findet heute vor allem als zentrale Quelle zu den oströmisch-hunnischen Beziehungen im 5. Jahrhundert sowie zum spätantiken Gesandtschaftswesen Beachtung. Priskos war im Jahr 449 im Auftrag Theodosios' II. an einer diplomatischen Mission zum Hunnenkönig Attila beteiligt und liefert als Augenzeuge einmalige Einblicke in dessen Umgebung. Dass sein Werk generell vor allem auf diplomatische Aktionen zentriert zu sein scheint, resultiert allerdings aus der Herkunft der meisten Fragmente und sagt letztlich nur wenig über den Zuschnitt des ursprünglichen Textes aus.

Pia Carolla hat nun in der prominenten Teubner-Reihe den erhaltenen bzw. rekonstruierbaren Priskos-Text neu ediert. Ihr Anliegen bestand dabei u.a. darin, das Werk ihres 1997 verstorbenen Lehrers Fritz Bornmann zu vollenden. Dieser hatte im Jahr 1979 die erste moderne kritische Priskos-Edition vorgelegt (gegenüber der die älteren Ausgaben aus dem 19. Jahrhundert deutlich abfallen) [1], hatte aber geplant, diese noch einmal zu überarbeiten. Carollas Edition beruht auf Bornmanns hinterlassenen Vorarbeiten (VII). Allerdings ist inzwischen die griechisch-englische, sehr sorgfältig erarbeitete Edition Roger Blockleys erschienen [2], an der Carollas Text sich messen lassen muss.

Die Editorin sieht das in den konstantinischen Excerpta überlieferte Textmaterial als Hauptbestand des erhaltenen Priskos-Textes an (u.a. deshalb, weil die Excerpta wahrscheinlich nahezu wörtlich den Priskos-Text bewahrt haben) und stützt ihre Edition daher maßgeblich auf diese Auszüge (was sich bereits im Titel ihrer Edition "Excerpta et Fragmenta" programmatisch niederschlägt). Die Textüberlieferung der konstantinischen Fragmente wird daher in der Praefatio sehr akribisch und unter Berücksichtigung aller bekannten Codices nachgezeichnet, Carolla kann schließlich auch ein Stemma vorlegen (XVII).

In der Edition stellen folgerichtig die konstantinischen Fragmente die Grundlage der Textrekonstruktion dar - eine mutige Entscheidung, die allerdings mit einer gewissen Inkonsequenz umgesetzt wird. Denn es erscheinen auch Textstücke aus Jordanes' Getica (etwa Exc. 9-10, 17, 23) unter den Fragmenten, die daher mit der Bezeichnung "Excerpta" sicherlich nicht adäquat gefasst sind - zumindest dann nicht, wenn man den Begriff (wie Carolla es tut) über die auf Konstantinos VII. zurückgehenden Texte hinaus anwendet.

Unklar bleibt mitunter auch die Anordnung der Fragmente (bzw. Exzerpte). So wird etwa fr. 2 Blockley (= Exc. leg. Rom. [Prisc.] fr. 1 ) meines Erachtens ohne hinreichenden Grund in Exc. 1 und 1.1 zerlegt, woran sich - verwirrend nummeriert - Exc. 1a und 1b (= fr. 5 + 6,2 Blockley) anschließen, bevor mit Exc. 2 jener Textauszug wiedergegeben wird, den Blockley als fr. 6.1. gefasst hatte. Solche Abweichungen von Blockley sind erklärungsbedürftig, zumal dieser einen durchaus nachvollziehbaren und diskussionswürdigen Vorschlag zur Rekonstruktion des Gesamtaufbaus der Historia (in 8 Büchern) unterbreitet hatte, den Carolla letztlich ohne hinreichende Begründung verwirft (XXXIII). Insofern bleiben auch die Kriterien für ihre Zuweisung der Dubia (83ff.) letztlich unklar, wo sich sehr viel Material findet, das Blockley in seine Fragmente aufgenommen hatte. Dass Carolla überdies auf eine tabellarische Gegenüberstellung ihrer Fragmentnummern mit denen der älteren Editionen verzichtet hat, schafft weitere Verwirrung.

Mit Blockleys Edition steht seit 1983 für Priskos eine hervorragende Textgrundlage zur Verfügung. Carolla hat zwar insbesondere die textkritische Aufarbeitung der Überlieferung der konstantinischen Fragmente vorangebracht, ist mit ihrer Priskos-Ausgabe aber über den von Blockley repräsentierten Stand nicht grundsätzlich hinausgekommen, und viele ihrer von Blockley abweichenden Entscheidungen bedürfen einer eingehenderen Begründung. Immerhin verweist die Aufnahme ihrer Edition in die Teubner-Reihe darauf, dass auch Priskos allmählich eine angemessene Würdigung durch die Forschung erfährt. Was allerdings weiterhin fehlt, sind ein umfassender Priskos-Kommentar (Blockleys Anmerkungen können diese Lücke nicht füllen) sowie grundsätzliche Studien zum Geschichtswerk des Priskos und seinen Kontexten. Hier befindet sich die Forschung noch in den Anfängen, aber es zeichnet sich mittlerweile auch eine gewisse Bewegung ab - man wird also optimistisch sein können. [3]


Anmerkungen:

[1] F. Bornmann (ed.): Prisci Panitae Fragmenta, Florenz 1979.

[2] R.C. Blockley (ed.): The Fragmentary Classicising Historians of the Later Roman Empire. Eunapius, Olympiodorus, Priscus and Malchus, 2 Bde., Liverpool 1981/83.

[3] Einen jüngeren Überblick bietet R. Blockley: The Development of Greek Historiography: Priscus, Malchus, Candidus, in: G. Marasco (ed.): Greek and Roman Historiography in Late Antiquity. Fourth to Sixth Century A. D., Leiden/Boston 2003, 289-315 (in Carollas Literaturverzeichnis nicht erwähnt). Vgl. darüber hinaus die neueren Arbeiten von D. Brodka: Attila und Aetius. Zur Priskos-Tradition bei Prokopios von kaisareia, in: J. Styka (ed.): From Antiquity to Modern Times. Classical Poetry and its Modern Reception, Krakau 2007, 149-158; ders., Attila, Tyche und die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern. Eine Untersuchung zum Geschichtsdenken des Priskos von Panion, in: Hermes 136 (2008), 227-245.

Mischa Meier