Rezension über:

Noah W. Sobe: Provincializing the Worldly Citizen. Yugoslav Student and Teacher Travel and Slavic Cosmopolitanism in the Interwar Era (= Travel Writing across the Disciplines - Theory and Pedagogy; Vol. 13), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2008, X + 170 S., ISBN 978-0-8204-9524-8, EUR 45,50
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Rezension von:
Wim van Meurs
Department of History, Radboud University, Nijmegen
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Wim van Meurs: Rezension von: Noah W. Sobe: Provincializing the Worldly Citizen. Yugoslav Student and Teacher Travel and Slavic Cosmopolitanism in the Interwar Era, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 1 [15.01.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/01/15254.html


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Noah W. Sobe: Provincializing the Worldly Citizen

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Im Idealfall ist die Fragestellung einer Dissertation bzw. eines Forschungsprojektes im Allgemeinen die Operationalisierung einer breiteren Problemstellung aus der Fachliteratur. Die Realität ist oftmals die, dass der breitere Rahmen erst während der Erforschung eines historischen Ereignisses oder Prozesses erkennbar wird. Dann kommt es auf die Darstellung an, um eine adäquate und überzeugende Verbindung zwischen Fallstudie und Problemstellung herzustellen.

Noah Sobe stellt in der kurzen Einleitung seines Buches über Studienreisen für jugoslawische Lehrer und Schüler in die Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit zu Recht fest, dass die ausufernde Literatur zu Identitätsbildung sich vor allem mit nationalen Identitäten befasst und just nicht mit übergeordneten Loyalitäten wie einer panslawischen. Nach dieser kurzen Konstatierung eilt der Autor jedoch zu seiner recht spezifischen Fallstudie, der Rekonstruktion des jugoslawisch-tschechoslowakischen Bildungsaustausches anhand der Berichte der Reisestipendiaten im Archiv des jugoslawischen Bildungsministeriums.

Sicherlich lässt sich die propagierte und perzipierte Verwandtschaft zu den Tschechen und Slowaken als Teil einer panslawischen Identität (von Sobe als "Slavic cosmopolitanism" umschrieben), die dem Jugoslawismus noch übergeordnet ist, deuten. Sobe drückt sich jedoch vor der nahe liegenden Frage, wie repräsentativ, bedeutsam oder illustrativ seine Fallstudie der Studienreisen für die panslawische Dimension der Identitätsbildung in Jugoslawien gewesen sei. Auch die Frage, wie aussagekräftig und verlässlich die Stipendiatenberichte als Quelle zu dieser Thematik seien, bleibt unbeantwortet. Die redundante und zunehmend störende Anhäufung konstruktivistischen Jargons ("inscribed", "discursively", "circuits of interaction", "cultured" usw.) vermag hierüber nicht hinweg zu täuschen.

Im ersten Kapitel lässt der Autor derartige übergeordnete Überlegungen hinter sich und eilt relativ unvermittelt von der Gründung des Jugoslawischen Lehrerverbandes im Sommer 1920 zu der bei der Gelegenheit geäußerten Anregung eines jugoslawisch-tschechoslowakischen Austausches. Der Autor gesteht ein, dass die Quellen ungenügende Information über den Umfang dieses Austausches in der Zwischenkriegszeit bieten. Die Schutzbehauptung, dass "such trips happened with enough frequency to leave a plethora of documentation and make this ripe terrain for analysis" (11), sowie die relativierende Feststellung, dass "this vision of Slavic unification was never realised to the degree envisioned. Yet, such approaches to Czechoslovakia did remain a focus of the Yugoslav government across the interwar period" (12), sind wohl kaum eine überzeugende Antwort auf die beiden obigen Fragen.

Seine These, dass in Bezug auf den jugoslawischen Modernisierungsprozess die Fachliteratur die Vorbildfunktion Frankreichs über- und die der Tschechoslowakei unterbewerte, würde einen komparativen Ansatz statt einer isolierten Darstellung der bilateralen Kontakte zwischen Belgrad und Prag erfordern. Noch im gleichen Kapitel zoomt der Autor weiter in die Thematik ein, ohne dies für den Leser nachvollziehbar zu machen, und präsentiert eine mehrseitige Inhaltsanalyse der kurzlebigen jugoslawischen Kinderzeitschrift Sveslovenska Iskra.

Im zweiten Kapitel wird ein weiterer wichtiger Aspekt der Studie vertieft - Reisen als Erfahrung des Fremden, aber - so betont Sobe - auch als Perzeption und Konstruktion von Verbundenheit zwischen Jugoslawien und der Tschechoslowakei. Es erfolgt erneut ein Perspektivenwechsel, von der Mikroanalyse einer Kinderzeitschrift, die nur 1936 einige Monate existierte, zu einem großen historischen Bogen, zu den Auffassungen des ersten serbischen Bildungsministers und Volksaufklärers Dositej Obradovic im späten 18. Jahrhundert und des serbischen Wissenschaftlers Vuk Karadzic im 19. Jahrhundert zum Thema Reisen und "Kosmopolitanismus". Nach einem Drittel des Haupttextes und obigen Exkursen folgen die vier Archiv gestützten Forschungskapitel.

Bei den darin enthaltenen Ausführungen zu den offiziellen Reiseberichten hebt Sobe vor allem hervor, welche emotionale Bindung zwischen jugoslawischen Reisenden und tschechoslowakischen Gastherren zustande kam. Den Leser beschleicht dabei die Frage, inwieweit dies als typisches Phänomen des panslawischen Austausches jener Zeit zu bewerten sei oder ob diese Erfahrungen für alle mobilen Schüler und Studenten des gesamten Jahrhunderts und aller Länder nachvollziehbar sind, auch wenn "Gastfreundschaft" in diesen Berichten selbst explizit als typisch slawische Eigenschaft dargestellt wurde. Um zu belegen, dass diese positive Bewertung anderer slawischen Völker und insbesondere der Tschechen und Slowaken ein weit verbreitetes Topos in der jugoslawischen Literatur der 1920er und 1930er Jahre war, wendet der Autor sich in einem weiteren nicht-nachvollziehbaren Exkurs der jugoslawischen Bienenhalterliteratur zu. (Ehrlicherweise gesteht der Autor im Vorwort, dass Teile des Buches bereits in Zeitschriftartikeln erschienen sind (x), darunter auch ein Beitrag über Modernität und Imkerei.) Die Tatsache, dass sich das restliche Kapitel hauptsächlich auf einen einzelnen Reisebericht aus dem Jahre 1933 stützt, lässt die Überzeugungskraft der Argumentation gegen null tendieren. Auf ähnliche Weise wird die impressionistische Darstellung im nächsten Kapitel über die Thematik Stadt und Land in den Reiseberichten um einen Exkurs zur Rezeption John Deweys in der jugoslawischen Bildung ergänzt (erneut einem früheren Zeitschriftenbeitrag verschuldet).

Auch bei den darauf folgenden Kapiteln zu den Sokol-Sportveranstaltungen aus gemeinsamer K-u-K-Tradition und der jugoslawischen Beteiligung an den Feierlichkeiten zu Tomas Masaryks 80. Geburtstag 1930 kommt der Leser sich wie ein desorientierter Reisender vor. Noah Sobes Buch streift jede Menge interessante und relevante Themen vom jugoslawischen Panslawismus bis zum Modernisierungsdiskurs, aber die fehlende Einordnung in breiterer Forschungsliteratur sowie in breiteren historischen Kontexten ist zusammen mit seinem Bedürfnis, lieb gewordene Textbausteine aus Zeitschriftenartikel irgendwie ins Buch zu integrieren, äußerst abträglich für das Endergebnis.

Just eine Fallstudie in einem so schwer greifbaren Prozess wie Identitätsbildung erfordert ein Maximum an Ordnung und Einordnung, um Relevanz und Gewicht des untersuchten Aspektes für den Leser zumindest plausibel und nachvollziehbar zu machen. Sonst droht konstruktivistische Beliebigkeit im Stile von Sobes Schlusssatz: "Nonetheless, cosmopolitanisms as ways of being in the world still provide promising models for linking belonging and the demands of diversity with practices of hospitality and sociability" (124).

Wim van Meurs