sehepunkte 9 (2009), Nr. 12

Wolfram Ziegler: König Konrad III. (1138-1152)

Wolfram Ziegler legt mit diesem gewichtigen Buch rund tausend (genau 962) Seiten zu dem ersten Stauferkönig Konrad III. (1138-1152) vor. Zieglers um neuere Literatur aktualisierte Wiener Dissertation des Jahres 2004 ist als Beitrag zu zwei Forschungstendenzen der letzten Jahrzehnte und Jahre zu sehen. Zum einen wurden die eigenständigen Konturen der Königsherrschaft des ersten Staufers, die lange im Schatten seines "größeren" Neffen und Nachfolgers Friedrich Barbarossa stand, stärker herausgearbeitet. Zum anderen entstanden in den letzten 25 Jahren eine Reihe von Dissertationen und Habilitationen, die aus den seit etwa 1100 häufiger auftretenden und dann zur Regel werdenden Zeugenlisten der Königsurkunden die fluktuierende personelle Zusammensetzung des Königshofes rekonstruieren. Diese Untersuchungen veränderten nicht nur das Bild der Forschung vom Königshof, sondern auch das Verständnis der Königsherrschaft grundlegend. Zu schematische Annahmen der älteren Verfassungsgeschichte wurden differenziert und durch die genaue Beobachtung der Interaktion von König und Großen in ihrer Präsenz am Königshof ersetzt. Ernsthaft wird etwa auf dieser Grundlage niemand mehr von einer allgemeinen Heer- und Hoffahrtspflicht der Großen sprechen, denn die Akzeptanz und die Ablehnung eines Königs durch die Fürsten oder auch nur ihr Desinteresse spiegeln sich erstaunlich feinmaschig in den Zeugenlisten. Diese Erkenntnis öffnet den Blick für die Möglichkeiten des königlichen Werbens um den Konsens der Großen, für die unterschiedlichen Motivationen Einzelner oder Gruppen am Hof zu erscheinen bzw. fernzubleiben und nicht zuletzt wirft sie die Frage nach den personalen Bindungsformen und Handlungskategorien auf, die dem Zusammenwirken von König und Großen zugrunde lagen.

Obwohl von solchen Fragen wenig berührt, sind die 1000 Seiten von Wolfram Ziegler zu Konrad III. ein begrüßenswerter Beitrag zu diesem Thema, da sie die Serie der Studien zur Prosopographie des Königshofes von 1125 bis 1208 vervollständigen. Nach lapidaren sieben einleitenden Seiten, in denen die der Arbeit zu Grunde liegende Methodik angedeutet wird, beschreibt Ziegler für diejenigen "Personen", denen mehr als "drei Belege bei unterschiedlichen Stationen des Hofes zugeordnet werden können" (17) ihr Verhältnis zum König. Die auf der Grundlage dieses Kriteriums erschlossenen 142 Personen schildert er dann in Einzeldarstellungen. In ihnen folgt jeweils auf die vorangestellten Belege in den Zeugenlisten der Königsurkunden und in ergänzenden Quellen eine kurze biographische Skizze. Daran schließt sich der Versuch an, aus Erwähnungen oder aus dem Fehlen am Hof, das "politische Agieren" der behandelten Personen zu erkennen, um "Anhaltspunkte bezüglich deren Verhältnis zum König" zu gewinnen und auf diese Weise die "bloße quantitative Analyse" zu ergänzen (19). Ein solches kritisches Misstrauen gegenüber der Aussagekraft bloßer Zeugennennungen prägt jüngere Arbeiten zum Thema, ihm wird auf ganz unterschiedliche Weise begegnet. Ziegler behilft sich in der Regel mit einer erörternden Aufzählung der Erwähnungen am Königshof, um dann am Ende jedes Kapitels ein Urteil zu fällen: Danach war Bf. Embricho von Würzburg "ein enger Berater des Königs" und hatte ein "exzellentes Verhältnis zum König" (122) oder sein Bruder Herzog Friedrich II. von Schwaben sei "zweifelsfrei" einer der "politischen Stützen Konrads III." gewesen (355). Die "Biogramme" der in den Zeugenlisten Konrads III. häufiger erwähnten Personen stellen eine beachtliche Arbeitsleistung dar. Sie sind umsichtig aus der einschlägigen regionalen Literatur erarbeitet und werden als Materialsammlung und Nachschlagewerk der künftigen Forschung zu Konrad III. Dienste leisten. Die erzielten Ergebnisse überraschen wie in den zitierten Fällen selten, aber so explizit belegt und eingehend erörtert gab es sie bisher für diesen Zeitraum noch nicht.

Auf diesen Hauptteil der Arbeit folgt ein zweiter, rund hundert Seiten umfassender Abschnitt, in denen die personelle Umgebung Konrads III. in den Regionen des Reiches dargestellt wird. Hierarchisch absteigend, vom Erzbischof zum Bischof, vom Herzog zu Grafen und Edelfreien wird ihre Bedeutung für die Königsherrschaft Konrads III. gewichtet. Dabei vermengt Ziegler verschiedene Analyseschritte. Während etwa Bernd Schütte in seiner Studie zu Philipp von Schwaben die Deutung des Itinerars klar von der Urkundenvergabe für einzelne Regionen und der Beschreibung des Hofumfelds trennt, vermischt Ziegler diese. [1] Eine eingehende Studie zum Itinerar Konrads III. aber gibt es bisher nicht, die im Anhang gebotene, auf einer unpublizierten Abschlussarbeit am Institut für Österreichische Geschichtsforschung beruhende Tabelle kann dafür kein adäquater Ersatz sein (769-771). Die Urkundenvergabe wird in den Kapiteln zu den einzelnen Regionen erwähnt, aber nicht vergleichend erörtert. Trotz dieser methodischen Unwägbarkeiten ist an den wesentlichen Ergebnissen der Studie, die im Resümee (741-752) skizziert werden, festzuhalten. Auf Seite 746 nennt Ziegler neun Personen als "wahrscheinliche (!) Vertraute" des Königs und konstatiert, dass Konrad III. in den Regionen Franken und Schwaben "starken Rückhalt" hatte, Niederlothringen, Bayern und Thüringen "Unterstützer des Staufers" aufwiesen, Österreich, Kärnten, die Steiermark, Tirol und Böhmen jedoch "periphere Regionen des Reiches" waren (751). Zieglers Dissertation ist somit zwar keine methodisch besonders klare Analyse des Königshofes, bietet in ihren Ergebnissen aber einen wichtigen Baustein für dessen Prosopographie im 12. Jahrhundert; mit der Regierungszeit Konrads III. schließt sie eine Forschungslücke.

Doch das Buch will mehr, es soll einen Beitrag zum Verständnis der "Politik" Konrads III. leisten. Schon der Untertitel (Hof, Urkunden und Politik) verrät diesen Anspruch, der in den Darstellungen des "politischen Agierens" der Großen am Königshof im ersten Teil aufscheint. Vertrauen kann man der Arbeit immer dann, wenn es um die Belege für die Präsenz der Großen am Königshof geht. Gerade da das Werk als Nachschlagewerk Karriere machen wird, ist aber vor Wertungen und Einschätzungen im Detail zu warnen: Erstens, weil es unmöglich ist, das politische Handeln einzelner Großer im Bezug zum Königshof für 142 Personen adäquat darzustellen. Die landesgeschichtliche Forschung des 20. Jahrhunderts hat für fast jeden der genannten Einträge Erklärungen für die Königsnähe und Königsferne entwickelt. Eine wirklich differenzierte Darstellung des Agierens der Großen im Verhältnis zum König müsste hier ansetzen. Zieglers Darstellung zitiert diese Literatur zwar, hangelt sich aber dann doch nur von Beleg zu Beleg am Königshof und interpretiert das Verhalten der jeweiligen Großen eher freihändig, ohne die Berücksichtigung tiefer liegender Zusammenhänge. Zweitens, der verfassungsgeschichtliche Rahmen, in dem Ziegler Phänomene erörtert, konstituiert sich aus dem common sense einer älteren Forschung. Von den Fragestellungen der letzten Jahrzehnte ist diese Darstellung weitgehend unbeeinflusst. Verdächtig häufig bietet Bernhardis Konrad III. die Folie, auf deren Grundlage abgewogen wird. Ein eskapistischer Stil konstatiert "Vermutungen" der Forschung, immer dann, wenn der vermeintlich sichere Boden quellenbelegter Tatsachen verlassen wird und lässt den Leser mitunter ratlos zurück. Dies wäre, drittens, kein Problem, wenn Ziegler sich auf die Deutung der Hofpräsenz beschränken würde. Zur Analyse der "Politik" Konrads III. jedoch gehört mehr. Vor allem aber wäre eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe mit der jüngeren Literatur zum Thema zu erwarten. Es fehlt etwa: eine Diskussion der Überlegungen von Jutta Schlick zum Verhältnis von König und Fürsten unter dem ersten Staufer [2] ebenso wie eine solche der Thesen von Jan Keupp zum "Sozialkapital König Konrads III." [3]; den Aufstieg der Ministerialität im 12. Jahrhundert wird man heute nicht mehr allein mit dem Rückgriff auf Karl Bosl verstehen können [4]; nicht zuletzt wären die Ansätze von Gerd Althoff, Knut Görich oder Werner Hechberger in der Darstellung angemessen zu berücksichtigen. Sie alle finden sich zitiert, die Schilderung der Konflikte Konrads III. mit den "Welfen" oder die Darstellung der Königswahlen von 1125 und 1138 folgt aber erkennbar älteren Autoritäten.

Es bleibt also ein ambivalenter Eindruck. Gesichert ist in dieser Arbeit in einer immensen Arbeitsleistung das Hofumfeld König Konrads III. - eine Fundgrube für Belege und Literatur. Die weitere Diskussion um ein tieferes Verständnis der "Politik" in der spätsalisch-frühstaufischen Zeit wird davon ausgehen können.


Anmerkungen:

[1] Bernd Schütte: König Philipp von Schwaben. Itinerar - Urkundenvergabe - Hof (= MGH Schriften; 51), Hannover 2002.

[2] Jutta Schlick: König, Fürsten und Reich. Herrschaftsverständnis im Wandel (= Mittelalter-Forschungen; 7), Stuttgart 2001, 131-164; obwohl im Literaturverzeichnis fehlend, gelegentlich in den Fußnoten zitiert.

[3] Jan Keupp: Interaktion als Investition. Überlegungen zum Sozialkapital König Konrads III., in: Hubertus Seibert / Jürgen Dendorfer (Hgg.): Grafen, Herzöge, Könige. Der Aufstieg der frühen Staufer und das Reich (1079-1125) (= Mittelalter-Forschungen; 18), Ostfildern 2005, 300-321.

[4] Jan Keupp: Dienst und Verdienst. Die Ministerialen Friedrich Barbarossas und Heinrichs VI. (= Monographien zur Geschichte des Mittelalters; 48), Stuttgart 2002, der zu den von Ziegler genannten Ministerialen ausführliche Kapitel bietet.

Rezension über:

Wolfram Ziegler: König Konrad III. (1138-1152). Hof, Urkunden und Politik, Wien: Böhlau 2008, 962 S., ISBN 978-3-205-77647-5, EUR 135,00

Rezension von:
Jürgen Dendorfer
Deutsches Historisches Institut, Rom
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Dendorfer: Rezension von: Wolfram Ziegler: König Konrad III. (1138-1152). Hof, Urkunden und Politik, Wien: Böhlau 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 12 [15.12.2009], URL: https://www.sehepunkte.de/2009/12/14230.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.