sehepunkte 9 (2009), Nr. 12

Matthias Pohlig: Zwischen Gelehrsamkeit und konfessioneller Identitätsstiftung

Matthias Pohligs Dissertationsschrift erforscht die Auswirkungen lutherischer Geschichtsschreibung auf das konfessionelle Selbstverständnis und ist eine großangelegte, einen Überblick verschaffende Studie über die Historiografie eines ganzen historischen Zeitraumes. Sie liefert deskriptive Skizzen von in der Historiografiegeschichte bislang kaum beachteten Autoren und Quellengattungen, ordnet klug den zeitgenössischen historiografischen Diskurs und bringt en passant einige liebgewonnene Gewissheiten der Forschung ins Wanken.

Dem Leser stehen dafür knapp 590 Seiten Lektüre bevor, die aber ein flüssiger Stil erleichtert. Die Gliederung in A-B-C Teile und Untergliederungen mit römischen, dann arabischen Ziffern erscheint zuerst verwirrend, doch sind die Kapiteltitel gut gewählt und aussagekräftig. Im 55 Seiten umfassenden Einleitungsteil werden differenziert Problemstellung, Forschungsstand, Quellen und Methodik referiert. Die zentrale Fragestellung der Untersuchung lautet, wie weit Geschichtsschreibung in der Frühen Neuzeit konfessionalisierbar war und welche identitätsstiftenden Funktionen sie übernehmen konnte (3f.), und sie mündet in die These, dass Historiografie die Aufgabe besessen habe, an der Ausbildung einer gemeinlutherischen Identität mitzuwirken, da die Konfessionskirchen territorial ausgeprägt waren (9). Zu diesem Zweck muss der Begriff von Geschichtsschreibung sehr weit angesetzt werden: letztlich handele es sich um alle Texte, die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzten. Natürlich muss dieser breite Ansatz eine andere Form der Quellenauswahl nach sich ziehen. Pohlig sondert daher aus inhaltlichen und pragmatischen Gründen Historiografien aus, die sich auf einen verengten Gegenstand beziehen wie Fürstenspiegelliteratur, Landeschronistik, Stadtgeschichtsschreibung und Territorialkirchengeschichtsschreibung (15). Das Argument wirkt angesichts der ungeheuren Fülle jener Texte verständlich, doch ist es zugleich bedauerlich, dass nicht ausgewählte Tiefenbohrungen in Werken dieser Gattungen vorgenommen wurden. So sind die Bistumsgeschichten des Caspar Bruschius [1] ebenso wie das weit über Landesgrenzen hinausweisende "Chronicon Saxoniae" des David Chytraeus gerade hinsichtlich der Konfessionalisierungstendenzen überaus interessant.

Pohlig stellt seiner Untersuchung eine genaue Begriffsreflexion voran, um die uns heute oft marginal erscheinenden distinktiven Varianten im lutherischen Geschichtsbild aufzudecken (31). Wirklich verdienstvoll ist, dass er die in historischen Studien oft weniger beachtete Eigenlogik der Gattungen und Textsorten in die Analyse integral einbezieht (16), so dass eine Betrachtung von Historiografie zwischen ihrer Wirkung als Instrument zur kollektiven Identitätsstiftung und ihren autonomen Regeln, Genres und Methoden changiert (48).

Indem Pohlig das charismatische Anfangspathos der Reformation der zunehmenden Institutionalisierung der Kirche, die mit einer Aufwertung der Tradition einherging, gegenüberstellt und nachweist, dass das Charisma in die Tradition der Lutherverehrung überführt wurde (50-53), zeigt er ein Grundproblem lutherischer Kirchengeschichtsschreibug auf und liefert zugleich ein schönes Beispiel für seinen dynamischen Untersuchungsansatz. Nach der Entfaltung des Geschichtsbildes von Luther (70-92) untersucht die Studie die ihr wesentlichere Luthermemoria (Abschnitt B II). Während die Jubiläumspublizistik das Bild eines charismatischen Propheten und Heros in den Zügen von Heiligenviten zeichnete, unterlagen die Predigtpostillen weit weniger dieser Gedächtnisbildung. Ob sie aber mit ihren sonntäglichen Wiederholungen der rechten Lehrfundamente nicht doch an der Ausbildung einer lutherischen Gruppen- bzw. Gemeindeidentität entscheidend mitwirkten, bleibt zu diskutieren (121-125).

Den größten Teil seiner Untersuchung widmet Pohlig der lutherischen Universal- und Kirchengeschichtsschreibung (Abschnitte B III-V, 133-417), die beide auf dem Schema von den vier Weltmonarchien beruhten. Exklusiv-restriktiv ließ die Kirchengeschichtsschreibung meist nur Platz für eine Geschichte der wahren Glaubenslehre und des Verfalls der falschen Kirche, während die inklusive Universalgeschichte profane und kirchliche Historien integrierte. Die Ursache liegt im Konzept von den zwei Reichen, die Melanchthon als "Diskursivitätsbegründer" (156) in seiner Geschichtsschreibung aufgriff.

Pohlig arbeitet deskriptiv und analytisch die Kennzeichen der wichtigsten Werke lutherischer Historiografie heraus, wobei er länger bei Melanchthons "Chronicon Carionis" verweilt. Die kirchenhistorische Zeugenliteratur bildete nicht einfach nur eine Inversion des altgläubigen Ketzerdiskurses und musste die Thesen von der Kontinuität der rechten Lehre mit einem Verfallsmodell ausbalancieren, was nicht immer zu harmonischen Ergebnissen führte und letztlich zu einer "Implosion" des Zeugendiskurses führte (416). [2] Verwissenschaftlichungs- und Modernisierungspotentiale spricht Pohlig der lutherischen Großhistoriografie ab, erkennt sie eher in kleineren Gattungen wie Chronologiesynopsen (430).

Schließlich rückt Pohlig einige weniger beleuchtete Gattungen wie Geschichtskalender und Apokalypsenkommentare ins Licht seiner Untersuchung, die erneut eine geringe Rolle in der Vermittlung konfessioneller Identität spielten; wobei die Kommentarliteratur einer apokalyptischen Naherwartung Ausdruck verlieh.

Eine gute, thesenreiche Arbeit bietet Diskussionsstoff. Ohne Zweifel sahen Luther und Melanchthon in ihrer Kirche eine Fortführung der wahren, einen und katholischen Kirche (187), doch bezogen sie sich nicht auf die päpstlich-römische, sondern auf eine vera ecclesia invisiblis - in Fragen der Lehre und Sakramente gab es keine Adiaphora. Daher mussten lutherische Autoren wie Matthaeus Dresser die altgläubigen Bewertungskriterien spätantiker Häresien übernehmen (195), lagen diese hinsichtlich Trinitätslehre und apostolischem Bekenntnis der lutherischen Lehre doch ferner als die altgläubige Richtung. Selbst die sich als wahrhafte Lutheraner gerierenden Magdeburger Zenturien betrachteten die Doktrin der alten Kirche bis ins 4. Jahrhundert mit Abstrichen als lehrkonform. Die Glaubenszeugen waren weniger Heilige als bloße Träger göttlicher Weisheit und Lehre, was ermöglichte, dass sie an anderer Stelle irrten.

Evident arbeitet Pohlig heraus, dass Belehrung und technische Differenzierung im genealogischen Diskurs eine eindeutige Konfessionalisierung der Universalgeschichtsschreibung behinderten und diese eher in mittleren Niveaus der Geschichtsschreibung erfolgte (269). Vor der Folie eines antikatholischen Diskurses schafften die Geschichtswerke eine binnenlutherische Kohäsion bei gleichzeitiger theologischer Diversität (224), die Magdeburger Zenturien jedoch als eine Akzentverschiebung und komplementäre Ergänzung zur Carionschronik zu begreifen (383f. u. 417), verkennt den Grad der Auseinandersetzung, die auf die Existenzgrundlagen des anderen zielte. Die Positionierungen der Autoren müssen nicht extrapoliert werden: Paratexte steuerten die Lektüre, Vorworte griffen direkt in die aktuellen Kontroversen ein. Eine Autonomie von der Tagespolitik ist daher zu relativieren (393). Mag die Carionschronik in weiten Teilen vorreformatorisches Wissen transportiert haben (188), so ist dieses nicht separat zu betrachten, sondern im Kontext paratextueller Signale, die die entscheidenden semantischen Distinktionsmerkmale setzten.

Sicherlich war die von Arno Seifert etablierte These von der Funktion des Reiches, den Antichrist aufzuhalten, solange es besteht (Katechon), in der Forschung sehr wirkmächtig, sollte jedoch nicht ganz verworfen werden (195f.). Melanchthons Vorstellung vom Weltenende ist mit der Spekulation der Zeitalter verknüpft, ebenso jedoch an den Bestand des Reiches gebunden. In der frühen Fassung der Carionschronik und bei Elias Reusner findet die Idee des Katechon explizit Ausdruck. [3]

Motive und Funktionen der lutherischen Historiografie sind untrennbar mit ihrer Prägekraft auf den konfessionellen Identitätsdiskurs verbunden. Dabei zeigte sich die Diversität der Ausdrucksmöglichkeit einer Literatur, die nicht ekklektizistisch, sondern situativ reagierte. Auf Grund ihres reichen Materials, ihrer tiefen Interpretation und ihres mutigen Blicks wird Matthias Pohligs schöne Studie Anstoß für viele Diskussionen geben. Sie hat die lutherische Geschichtsschreibung einer ganzen Epoche in ihrer Dynamik und Komplexität erfasst. Die sehr gute Redaktion mit nur wenigen Druckfehlern rundet diese ausgezeichnete Arbeit ab. [4]


Anmerkungen:

[1] Vgl. Walther Ludwig: Gaspar Bruschius als Historiograph deutscher Klöster und seine Rezeption. In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen aus dem Jahre 2002. Philologisch-Historische Klasse. Göttingen 2002, 1-120.

[2] Pohlig, Seite 316f. auch gegen harmonisierende Darstellungen der flacianischen Geschichtskonzeption bei C.B.M. Frank: Untersuchungen zum Catalogus testium veritatis des Matthias Flacius Illyricus. Diss. Tübingen 1990, u.a.

[3] J. Carion: Chronica (1532), Bl. Aviij r; E. Reusner: Isagoges historicae libri duo (1600), 91.

[4] Im Inhaltsverzeichnis VIII: Zeitalterter; 18: "Zurechung"; 151: "nicht nicht"; 165: "eine umfassender"; 238: "nach dem Dekalog geordnet, die hier als loci fungieren".

Rezension über:

Matthias Pohlig: Zwischen Gelehrsamkeit und konfessioneller Identitätsstiftung (= Spätmittelalter und Reformation. Neue Reihe; Bd. 37), Tübingen: Mohr Siebeck 2007, XIII + 589 S., ISBN 978-3-16-149191-7, EUR 99,00

Rezension von:
Harald Bollbuck
Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel
Empfohlene Zitierweise:
Harald Bollbuck: Rezension von: Matthias Pohlig: Zwischen Gelehrsamkeit und konfessioneller Identitätsstiftung, Tübingen: Mohr Siebeck 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 12 [15.12.2009], URL: http://www.sehepunkte.de/2009/12/13527.html


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