Rezension über:

Sjraar van Heugten / Joachim Pissarro / Chris Stolwijk (Hgg.): Vincent van Gogh. Die Farben der Nacht, Ostfildern: Hatje Cantz 2008, 159 S., ISBN 978-3-7757-2265-0, EUR 29,80
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Rezension von:
Barbara Palmbach
Starnberg
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Barbara Palmbach: Rezension von: Sjraar van Heugten / Joachim Pissarro / Chris Stolwijk (Hgg.): Vincent van Gogh. Die Farben der Nacht, Ostfildern: Hatje Cantz 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 12 [15.12.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/12/15387.html


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Sjraar van Heugten / Joachim Pissarro / Chris Stolwijk (Hgg.): Vincent van Gogh

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Die vorliegende Publikation erschien begleitend zur gleichnamigen Ausstellung, die erstmals van Goghs Abend- und Nachtkompositionen als zusammengehörige Gruppe präsentierte: 32 Gemälde, 19 Arbeiten auf Papier und 5 Briefskizzen. Die Schau war vom 21.9.08-5.1.2009 im Museum of Modern Art in New York und vom 13.2.-7.6.09 im Van Gogh Museum in Amsterdam zu sehen. Zusammen mit der großen van Gogh-Ausstellung in Basel zählt sie ohne Zweifel zu den Höhepunkten des diesjährigen Ausstellungsjahres.

Acht Katalogbeiträge widmen sich verschiedenen Aspekten der Abend- und Nachtdarstellungen van Goghs. Die durchweg farbigen Reproduktionen unterschiedlichen Formats verteilen sich den Themen der Textbeiträge entsprechend über den gesamten Band und zeugen von hoher Qualität. Die Hauptwerke sind doppelseitig präsentiert und häufig um Ausschnittvergrößerungen ergänzt. Zur Verdeutlichung unterschiedlicher Einflüsse findet der Leser ausreichend Werke von Künstlerkollegen, wie etwa von Rembrandt, den Künstlern der Schule von Barbizon und den Impressionisten. Die Publikation schließt mit einer Bibliografie, einer Werkliste und einem Register. Leider fehlt eine Biografie des Künstlers.

Die Organisatoren der Ausstellung, Joachim Pissarro, Kurator des Department of Painting and Sculpture am Museum of Modern Art, und Sjraar van Heugten, Hauptkonservator des Van Gogh Museums, führen den Leser ins Thema ein. Ausgehend von van Goghs eindrücklichem Zitat "Oft erscheint mir die Nacht viel lebendiger und farbenfroher als der Tag" (9) informieren sie knapp über die wichtigsten Aspekte der Abend- und Nachtdarstellungen in den sich anschließenden Einzelbeiträgen. Dabei teilen sie die Werke in vier große Gruppen ein: die frühen Landschaften seiner niederländischen Jahre, Bauernhütten und Interieurdarstellungen in Brabant, die Sämann-Serie aus Arles sowie poetische Interpretationen des Abends und der Nacht aus Arles, Saint-Rémy und Auvers-sur-Oise.

Chris Stolwijk gelingt in seinem Aufsatz ein Überblick über die vielfältigen Einflüsse und Vorbilder für van Goghs Abend- und Nachtbilder. Als Referenzen führt er die zeitgenössische Druckgrafik und die japanischen Holzschnitte, die Nachtstücke der holländischen Meister des 17. Jahrhunderts, die Schule von Barbizon sowie die Impressionisten an. Prägnant erläutert er van Goghs Bewunderung für Rembrandts Figurenstücke in Clair-obscur sowie für die Stücke der Natur in der Dämmerung von Corot, Daubigny, Dupré, Rousseau und Millet anhand seiner Briefe. Millets Sämann (Kat.16) wird hier und in weiteren Beiträgen immer wieder als Leitfigur für van Goghs Sämann-Darstellungen zitiert.

Joachim Pissarro untersucht in seinem Aufsatz van Goghs frühe Schriften, die wichtige Aufschlüsse über die vielschichtige Bedeutung der Nacht für den Künstler und sein Œuvre enthalten. Dabei kommen auch die weniger bekannten Briefskizzen und Poesiealben zur Auswertung. Die ältesten Briefe sind besonders reich an Ideen und Informationen und zeigen, dass sich van Gogh bereits vor seiner Zeit als Künstler mit dem Thema der Nacht aus literarischer Perspektive auseinandersetzte. Pissarro räumt außerdem das weit verbreitete Klischee aus dem Weg, van Gogh sei ein ganz von seinen Instinkten getriebener Farbfanatiker gewesen. Denn in seinen Briefen erläutere er genauestens die Einflüsse und Reminiszenzen, die literarische Vorbilder auf seine Abend- und Nachtdarstellungen hatten (54).

Sjraar van Heugten beschäftigt sich in seinem Beitrag mit Fragen des Stils und der Maltechnik, die er am Beispiel von vier Hauptwerken erläutert: Die Kartoffelesser von 1885 (Kat.49), Der Sämann (Kat.51, 52) und Das Nachtcafé (Kat.53) von 1888 und Die Sternennacht (Kat.54) von 1889. Dabei vermittelt er sehr anschaulich, dass van Goghs Arbeitsweise einen prozesshaften Charakter besitzt. Er legte größten Wert auf eine sorgfältig dosierte Farbabstimmung, eine geeignete Pinselführung und eine ausgewogene Komposition. Er fertigte gezeichnete wie gemalte Studien an, experimentierte mit Farb- und Lichteffekten, studierte genauestens die Möglichkeiten des Clair-obscur und fügte abschließend Korrekturen und Übermalungen hinzu. Eine Hilfe waren ihm dabei die Lektüre der Grammaire des arts du dessin (1867) von Charles Blanc sowie die Farbtheorien von Eugène Delacroix.

Die folgenden drei Beiträge von Geeta Bruin, Jennifer Field und Maite van Dijk untersuchen in chronologischer Abfolge und stets unter Berücksichtigung van Goghs eigener Aussagen einzelne Motivgruppen: Landschaften bei Dämmerlicht, Bauern- und Interieurszenen sowie Darstellungen von Kornfeldern. Dabei können sie eine Entwicklung von anfänglich noch der Tradition verpflichteten Werken hin zu einer modernen Auffassung seiner späteren Werke aufzeigen. Der Leser stößt hier immer wieder auf Aspekte, die bereits aus den vorigen Beiträgen bekannt sind, wie etwa der Einfluss Rembrandts und Millets, die tiefere Symbolik des Korns und des Sähens als Hinweis auf den niemals endenden Lebenskreis oder die Theorien von Charles Blanc und die Farbenlehre von Delacroix als Grundlage für van Goghs Farbbehandlung. Spannend ist im Hinblick auf van Goghs Sämann-Darstellungen (Kat.79, 81, 82) vielmehr die Erwähnung einer Briefskizze des Sämanns mit einer Farbnotiz (Kat.80), die als erster Versuch gelten kann, Millets Gemälde in Farbe umzusetzen (114).

Im Hinblick auf van Goghs Kornfelddarstellungen ließe sich noch prüfen, inwieweit van Gogh Monets Getreideschober in Giverny von 1888-89 kannte und sich damit auseinandersetzte. [1] Dort findet man eine ähnlich horizontale Aufteilung der Bildfläche in Farbstreifen sowie eine auf ihre Grundformen vereinfachte Darstellung des Motivs wie sie in van Goghs Ummauertes Feld mit Garben und aufgehendem Mond (Kat.86) zum Ausdruck kommt.

Im letzten Beitrag erörtern Maite van Dijk und Jennifer Field die Bedeutung der Nacht für van Gogh in poetischer Hinsicht. Sowohl seine Briefe als auch seine Biografie geben immer wieder Hinweise auf die Nacht als ein Stimulans für philosophische, religiöse und poetische Gedanken. Anhand einiger markanter Werke, darunter auch die weltbekannten Sternennächte aus Arles (Kat.1) und Saint-Rémy (Kat.105), machen die Autoren deutlich, wie eng für van Gogh die Nacht mit der Literatur, der Schöpferkraft des Künstlers und seinen eigenen poetischen Assoziationen zu diesem Thema verbunden war. Umso bedauerlicher, dass in diesem Kontext Elisabeth Bronfens neueste kulturgeschichtliche Studie zur Nacht [2] nicht mehr rechtzeitig vor Drucklegung des vorliegenden Bandes berücksichtigt werden konnte.

Das Anliegen des vorliegenden Katalogs, einen umfassenden Blick auf van Goghs nächtliche Landschaften und Interieurs zu geben und diese in ihren verschiedenen Facetten zu präsentieren, ist im Wesentlichen gut gelungen. Die Kuratoren konnten dafür äußerst aussagekräftige Werke zusammentragen und durch umfangreiches Quellenmaterial ergänzen. Eine größere Prägnanz und Klarheit der Texte im zweiten Teil wäre allerdings durch weniger Redundanzen und eine strengere Systematik gegeben. In den auf bestimmte Motivgruppen konzentrierten Beiträgen tut sich der Leser schwer, die Kernaussagen herauszufiltern. Diese verschwimmen angesichts eines erzählerischen Stils, der Werkgenese, Bildbeschreibung, Quellenmaterial und Biografisches zu sehr ineinanderfließen lässt.


Anmerkungen:

[1] Daniel Wildenstein: Monet. Bd. III, Köln 1996 (Kat. Nr. 1213-1217a).

[2] Elisabeth Bronfen: Tiefer als der Tag gedacht. Eine Kulturgeschichte der Nacht, München 2008.

Barbara Palmbach