sehepunkte 9 (2009), Nr. 11

Richard Overy: Die letzten zehn Tage

Während die Frage nach der Genese des Ersten Weltkriegs bis heute die Historikerzunft spaltet, steht für sie der Hauptverantwortliche für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unmissverständlich fest. Der Krieg wurde von Adolf Hitler "entfesselt". Diese Formulierung des Schweizer Historikers Walther Hofer [1] wird von der überwältigenden Mehrheit der Historiker nicht angezweifelt, wenn man von Exzentrikern wie A.J.P. Taylor einmal absieht. [2] Dieser Konsens wird jetzt von Richard Overy zumindest partiell in Frage gestellt. Der Zweite Weltkrieg hatte seiner Ansicht nicht nur Hitler als Urheber. An erster Stelle wird hier Polen genannt: "Vor allem die unnachgiebige Weigerung der Polen, ihrem mächtigen deutschen Nachbarn irgendwelche Zugeständnisse einzuräumen, machte den Krieg fast unausweichlich" (10).

Für die zweite Polnische Republik (1918-1939), vor allem nach ihrer autoritären Wende im Jahre 1926 (nach dem Staatsstreich Piłsudskis), hat Overy auch sonst keine allzu großen Sympathien: "Die großen Staaten Westeuropa [...] betrachteten Polen nicht als möglichen Bundesgenossen. Der polnische Antisemitismus und der autoritäre Stil des Regimes waren nicht gerade hilfreich für einen Brückenschlag in den Westen. Und im Sommer 1938 befürwortete die polnische Führungsschicht sogar die Zerschlagung der Tschechoslowakei" (13). Overys Kritik ist sicher berechtigt. Allerdings lässt er dabei außer Acht, dass die Westmächte zur gleichen Zeit durchaus bereit waren, Deutschland, in dem seit 1933 kein autoritäres, sondern ein totalitäres Regime herrschte und dessen antisemitischer Kurs wesentlich radikaler war als derjenige Polens, als einen seriösen Vertragspartner zu betrachten. Man erlaubte Deutschland 1933-38, beinahe alle Restriktionen des Versailler Vertrags zu demontieren. Was die in der Tat beschämende Beteiligung Polens an der Aufteilung der Tschechoslowakei anbetrifft, so darf man nicht vergessen, dass dies nur deshalb möglich war, weil die Westmächte schon vorher die Tschechoslowakei - ihren treuesten Verbündeten in Mittelosteuropa und die einzige Demokratie in der Region - in München verrieten und Hitlers Aggressivität auslieferten.

Die Jahre 1933-38 lassen sich also als eine Zeit eines beispiellosen Versagens aller Garanten der europäischen Nachkriegsordnung - sowohl der Westmächte als auch Polens - bezeichnen. Voraussetzung für ihre beinahe uneingeschränkte Nachgiebigkeit gegenüber dem 'Dritten Reich' war nicht zuletzt ihre Vorstellung, Hitlers politische Ziele seien begrenzter Natur.

Abgesehen davon ließ sie auch Hitlers antikommunistische Rhetorik nicht unbeeindruckt. Sie nahmen die Beteuerungen des deutschen Diktators, das 'Dritte Reich' stelle eine Bastion der abendländischen Zivilisation im Kampfe gegen die bolschewistische Gefahr dar, für bare Münze.

Bereits Mitte der 30er Jahre - auf dem Höhepunkt der Appeasementpolitik - versuchte der sozialdemokratische Hitler-Biograph Konrad Heiden all diese Illusionen der außenpolitischen Partner Hitlers zu entlarven: Hitler sei niemand, so Heiden, mit dem ein Vernünftiger Verträge schließe, sondern vielmehr ein Phänomen, das man entweder erschlage oder von dem man sich erschlagen lasse. [3] Zu den ersten europäischen Regierungen, die sich über diesen Sachverhalt im Klaren waren, gehörte das Warschauer Kabinett: "Hitler hat seine Berechenbarkeit verloren", zitiert Overy die Aussage des polnischen Außenministers Beck vom 24. März 1939: "Hitler muss mit einer Entschlossenheit konfrontiert werden, die ihm anderswo in Europa bisher nicht begegnet ist."

Die Tatsache, dass die polnischen Politiker nun nach einer jahrelangen Fehleinschätzung des deutschen Diktators begannen, sein Wesen adäquat zu erfassen, setzt Overy aber mit Halsstarrigkeit gleich, die den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges "unausweichlich machte". Und so wird Polen - das erste Opfer der Hitlerschen Kriegssehnsucht - zu einem der wichtigsten Mitverantwortlichen für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stilisiert.

Nicht weniger erstaunlich sind die Wissenslücken Overys in Bezug auf die Geschichte Polens, immerhin eines der zentralen Protagonisten seines Buches. So schreibt Overy: "1922, nach ihrem Sieg im russischen Bürgerkrieg, fielen Teile der revolutionären Roten Armee in Polen ein und versuchten, den gerade gebildeten polnischen Staat zu zerstören [...Die] schlecht ausgerüsteten Truppen unter General Michail Tuchatschewski [drohten] Warschau einzuschließen" (12).

Allein diese Passage enthält vier Fehler. Der polnisch-sowjetische Krieg fand 1920 und nicht 1922 statt. An seinem Beginn stand nicht der Überfall der Roten Armee auf Polen, sondern der am 25. April 1920 begonnene Vormarsch der polnischen Streitkräfte in Richtung Kiew. Erst die im Mai/Juni 1920 begonnene sowjetische Gegenoffensive führte die Rote Armee vor die Tore Warschaus. Als der polnisch-sowjetische Krieg begann, war der russische Bürgerkrieg noch nicht beendet. Im Süden Russlands kämpfte damals noch die weiße Armee unter General Wrangel gegen die Bolschewiki. Und schließlich war der wohl bedeutendste sowjetische Feldherr Michail Tuchačevskij, den Stalin 1937 hinrichten ließ, kein General. Generalsränge wurden in der Roten Armee erst 1940 eingeführt.

Overy ist auch nicht im Recht mit seiner These, der Schlacht von Warschau sei in historischen Berichten nie "das Gewicht gegeben worden, das ihr gebührt, ...[obwohl sie] doch Osteuropa vor einem kommunistischen Kreuzzug [rettete] und Polens Unabhängigkeit [verteidigte]" (12). Es war ein Landsmann Overys, der englische Diplomat Lord D'Abernon, der das "Wunder an der Weichsel" als eine der entscheidendsten Schlachten der Weltgeschichte bezeichnete. [4] (In der Passage, in der Overy mangelnde westliche Resonanz auf den polnischen Sieg bei Warschau beklagt, ändert er übrigens seine Zeitangabe und spricht vom Jahr 1920, in dem dieses Ereignis stattfand).

Die Stärken dieses Buches kommen erst dann zum Vorschein, wenn Overy das für ihn unsichere osteuropäische Terrain verlässt und sich mit dem Dreiecksverhältnis Berlin-London-Paris beschäftigt. Minuziös beschreibt er die Haltung Chamberlains und Daladiers kurz vor dem Hitlerschen Überfall auf Polen und unmittelbar danach. Er weist darauf hin, wie stark das Trauma von München den Kurs dieser Politiker bestimmte. In Bezug auf Polen seien sie entschlossen gewesen, nicht den gleichen Fehler zu machen: "In Paris wie in London hoffte man, dass die offenkundig feste Haltung des Westens Hitler abschrecken oder ihn dazu bringen werde, ohne Gewaltanwendung zu verhandeln [...]. Für keinen der beiden Staatsmänner lässt sich nachweisen, dass sie erwogen haben, Polen im Stich zu lassen, wenn Deutschland als Aggressor handelte" (17, 21).

Overy nimmt Chamberlain und Daladier vor jenen Historikern in Schutz, die behaupten, sie seien "Appeasement-Politiker gewesen, die nach einem Ausweg aus ihren Verpflichtungen gesucht hätten" (32). Nur der französische Außenminister Bonnet habe versucht, auch im Falle Polens eine Münchner Lösung zu wiederholen, er sei allerdings im Pariser Kabinett isoliert gewesen. Die Entschlossenheit der politischen Klasse Großbritanniens und Frankreichs, ein "zweites München" nicht zuzulassen, habe den Handlungsspielraum von London und Paris eingeengt. Sie seien "auf die abschreckende Wirkung demonstrierter Standhaftigkeit [fixiert gewesen]" (123). Was Overy in diesem Zusammenhang besonders irritiert, ist der aus seiner Sicht inflationäre Gebrauch des Begriffs "Ehre" durch westliche Politiker im Sommer 1939: "Entweder löste man, koste es, was es wolle, die den Polen gegebenen Garantien ein, oder die Nation verhielt sich unehrenhaft. Und unabhängig davon, ob eine solche moralische Bindung noch tauglich war für die Diplomatie der 1930er Jahre oder nicht, sie wurde in den letzten Tagen der Krise regelmäßig wiederholt" (124).

Mit diesem Diktum lässt Overy folgendes außer Acht: Durch ihre Appeasementpoltik gegenüber den brutal agierenden rechtsextremen Diktatoren, vor allem durch den Verrat an ihrem tschechoslowakischen Verbündeten, hatten die westlichen Demokratien ihr wohl wichtigstes Kapital weitgehend verspielt - ihre Glaubwürdigkeit, nicht nur vor ihren Anhängern. Hitler selbst hielt sie für "kleine Würmchen", die "zu mürbe und zu dekadent [sind], um ernstlich den Krieg zu beginnen" (20, 116). Den Zustand, in dem sich Europa infolge der Appeasementpoltik der Westmächte befand, beschrieb der britische Historiker Lewis B. Namier mit folgenden Worten: "Europe in decay." [5] Die Willenslähmung der westlichen Demokratien in den 1930er Jahren stachelte Hitler nur dazu an, seine Eroberungspläne immer maßloser zu gestalten. Dessenungeachtet wird Overy nicht müde zu betonen, Hitler habe 1939 "nur" einen begrenzten Krieg gegen Polen gewollt: "Nur wenige Historiker gehen davon aus, dass [Hitler] irgendeinen Plan zur Welteroberung gehabt habe, in dem Polen das Sprungbrett für ein späteres deutsches Weltimperium war" (114).

Mit dieser haarsträubenden These von Hitlers angeblich beschränkten Zielen verkennt Overy weitgehend den Charakter von Hitlers Außenpolitik. Dieser wollte bekanntlich die bestehende europäische Ordnung aus den Angeln heben, um sie durch eine völlig neue zu ersetzen, die auf rassenpolitischen Grundlagen basieren sollte. Er strebte also eine Umwälzung an, die in ihren Auswirkungen noch radikaler werden sollte als diejenige der Bolschewiki. Was ihn zusätzlich von den Bolschewiki unterschied, war seine Ungeduld. Er wollte seine außenpolitischen Endziele unbedingt zu seinen Lebzeiten erreichen. (Darauf weisen viele NS-Forscher hin.) Die Kommunisten setzten hingegen bei ihren weltrevolutionären Plänen keine konkreten Fristen. Als geschichtliche Deterministen waren sie davon überzeugt, dass der Sieg des Kommunismus im weltweiten Maßstab ohnehin unvermeidlich sei. Um diesen Sieg herbeizuführen, mussten sie nicht unbedingt alles auf eine Karte setzen.

Hitler hingegen stand unter permanentem Zeitdruck. Am 5. November 1937, in dem von Oberst Hoßbach protokollierten und später viel zitierten Gespräch des Reichskanzlers mit führenden Politikern des Reiches, kündigte er seinen "unabänderlichen Entschluss" an, die deutsche Raumfrage spätestens 1943/45 zu lösen". Dies könne nur über den Weg der Gewalt gehen. [6] Hitlers außenpolitisches Verhalten entsprach weitgehend dem Modell, das später von Henry A. Kissinger zur Charakterisierung der Außenpolitik einer revolutionären Macht entwickelt wurde. Eine solche Macht sei im Grunde zur Selbstbeschränkung nicht fähig. Diplomatie im traditionellen Sinne, deren Wesen Kompromiss und Anerkennung der eigenen Grenzen sei, werde von einem revolutionären Staatswesen praktisch aus den Angeln gehoben, da dieses unentwegt nach der Verwirklichung seiner Endziele strebe. [7]

Welche Folgen hätte also die Hinnahme der "begrenzten Forderungen" des deutschen Diktators (Danzig, Korridor) durch die Westmächte, für die Overy indirekt plädiert, wohl gehabt? Die westlichen Demokratien hätten erneut, ähnlich wie in München, "unehrenhaft" gehandelt und ihren Verbündeten preisgegeben. Sie hätten dadurch den Rest ihrer Glaubwürdigkeit eingebüßt und Hitlers Geringschätzung der Demokratie weiter gesteigert. Ob London und Paris im Stande gewesen wären, sich nach dieser Kapitulation nochmals moralisch aufzurichten, ist fraglich. Das globale Ringen wäre dann wahrscheinlich für Jahre im Sinne Hitlers entschieden, und dieser Sieg des Nationalsozialismus hätte wahrscheinlich das vorläufige Ende der europäischen Zivilisation zur Folge gehabt.

Auf einem anderen Blatt steht die von Overy mit Recht hervorgehobene Tatsache, dass die Westmächte, trotz ihrer Kriegserklärung an das 'Dritte Reich', zunächst nicht bereit waren, Polen wirksam zu unterstützen. In der Zeit, in der ihr überfallener Verbündeter ums Überleben kämpfte, beschränkten sich die Kriegshandlungen der Westalliierten nur "auf das Abwerfen von Flugblättern" (110).

Und in der Tat, solange die Symbolfiguren der Appeasementpolitik - Chamberlain und Daladier - für die Politik Großbritanniens und Frankreichs die Hauptverantwortung trugen, war ein entscheidender Bruch mit der Vergangenheit schwer durchführbar. Erst als der radikale Kritiker der Münchner Kapitulation - Winston Churchill - die Regierungsgewalt übernahm, konnte ein solcher Bruch vollzogen werden. Damit war das Schicksal Hitlers besiegelt: "Der Engländer ist zähe. Jetzt wird es lange dauern", zitiert Overy die Worte des Generalstabschef Franz Halder vom 3. September 1939. Damit sollte der deutsche General auch Recht behalten.


Anmerkungen:

[1] Walther Hofer: Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges, Wien u.a. 2007.

[2] Alan J. P. Taylor: The Origins of the Second World War, London 1961.

[3] Konrad Heiden: Adolf Hitler. Ein Mann gegen Europa, Zürich 1937, 347.

[4] Vgl. dazu Norman Davies: White Eagle, Red Star: The Polish-Soviet War 1919-20 and "the Miracle on the Vistula", London 2003.

[5] Lewis B. Namier: Europe in decay: a study in Disintegration 1936-1940, London 1950.

[6] Zit. nach Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945, Berlin 1986, 559f. Bei einer anderen geheimen Besprechung, diesmal mit den Propagandaleitern der Partei (Oktober 1937), führte Hitler aus: "Er Hitler, habe nach menschlichem Ermessen nicht mehr lange zu leben. In seiner Familie würden die Menschen nicht alt [...]. Es sei daher notwendig, die Probleme, die gelöst werden müssten (Lebensraum!), möglichst bald zu lösen, damit dies noch zu seinen Lebzeiten geschehe. Spätere Generationen würden dies nicht mehr können. Nur seine Person sei dazu noch in der Lage" (Ebenda, 562).

[7] Henry A. Kissinger: Großmacht Diplomatie. Von der Staatskunst Castlereighs und Metternichs, Düsseldorf 1962.

Rezension über:

Richard Overy: Die letzten zehn Tage. Europa am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. 24. August bis 3. September 1939. Aus dem Englischen von Klaus Binder, München: Pantheon 2009, 159 S., ISBN 978-3-5705-5088-5, EUR 12,95

Rezension von:
Leonid Luks
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Empfohlene Zitierweise:
Leonid Luks: Rezension von: Richard Overy: Die letzten zehn Tage. Europa am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. 24. August bis 3. September 1939. Aus dem Englischen von Klaus Binder, München: Pantheon 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 11 [15.11.2009], URL: http://www.sehepunkte.de/2009/11/17038.html


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