Rezension über:

Benjamin Gilde: Finnland und das geteilte Vietnam, Hannover: Ibidem 2007, 149 S., ISBN 978-3-89821-683-8, EUR 24,90
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Rezension von:
Olivia Griese
Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn
Empfohlene Zitierweise:
Olivia Griese: Rezension von: Benjamin Gilde: Finnland und das geteilte Vietnam, Hannover: Ibidem 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 11 [15.11.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/11/14804.html


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Benjamin Gilde: Finnland und das geteilte Vietnam

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Wohl kaum ein Thema der finnischen Nachkriegsgeschichte ist bereits so umfangreich erforscht worden wie die finnische Neutralitätspolitik. Dennoch können Fallstudien einzelner Aspekte der finnischen Außenpolitik auf der Grundlage von neu zugänglichen oder bisher nicht vollständig ausgewerteten Aktenbeständen dem bereits vielschichtigen Bild neue Dimensionen hinzufügen und gewonnene Erkenntnisse vertiefen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Finnland aufgrund seiner prekären geopolitischen Lage das Verhältnis zum ehemaligen Kriegsgegner und unmittelbaren Grenznachbarn Sowjetunion auf eine neue Grundlage stellen. Aus dieser Notwendigkeit heraus wurde die finnische aktive Neutralitätspolitik entwickelt, deren Kernprinzip war, keine Stellung zu Konflikten zwischen den Machtblöcken des Kalten Krieges zu beziehen. Eine Konsequenz dieser Politik war die Nichtanerkennung des geteilten Deutschland, was sich als wichtiger Prüfstein für die Neutralitätspolitik erwies. Erst 1973 konnte das Verhältnis zu beiden deutschen Staaten mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen normalisiert werden. [1]

Die vor diesem Hintergrund entwickelten Prinzipien für den Umgang mit geteilten Staaten fanden auch andernorts Anwendung, so auch im Fall von Vietnam, wofür jetzt erstmalig eine umfassende Untersuchung vorliegt. Auf Basis der vollständigen Aktenbestände des finnischen Außenministeriums analysiert Benjamin Gilde die Außenpolitik gegenüber dem geteilten Vietnam vom Beginn der US-amerikanischen Phase des Vietnamkriegs 1964 bis zur vietnamesischen Wiedervereinigung und der Normalisierung der Beziehungen zu Finnland 1976. Die Wahl des Untersuchungszeitraums erscheint nachvollziehbar, da sich in diesem Zeitabschnitt die Entwicklung von ersten Ansätzen einer eigenständigen finnischen Vietnampolitik bis zur Aufnahme diplomatischer Beziehung und damit der bilateralen Normalität vollzieht. Dabei liegt ein besonderes Augenmerk auf dem Verhältnis der zur Deutschlandpolitik und deren Bedeutung als Bezugsrahmen für das Verhältnis zu geteilten Staaten.

Die Schilderung des chronologischen Ereignisablaufs gliedert sich in zwei Phasen. In der ersten Phase bis 1971 entstanden erstmalig Kontakte auf Botschafterebene zu Nord-Vietnam. Der Besuch des in Moskau akkreditierten nordvietnamesischen Botschafters in Finnland 1966 barg bereits einigen außenpolitischen Sprengstoff, da dessen vorangegangener Aufenthalt in Stockholm und die offenen Solidaritätsdemonstrationen des späteren Ministerpräsidenten Olof Palme zu einem diplomatischen Konflikt Schwedens mit den USA geführt hatten, der in der kurzzeitigen Abberufung des amerikanischen Botschafters gipfelte.

Dieses Ereignis zeigte bereits zum einen die außenpolitische Gratwanderung, die Finnland in dieser Frage vollbringen musste, um einerseits die Beziehungen zu den USA nicht zu gefährden, andererseits aber auch eine Eigenständigkeit im Handeln zu bewahren, die den eigenen Interessen diente. Zum anderen wird die in dieser Frage zu beobachtende Orientierung an der Politik der nordischen und der neutralen Staaten deutlich. Insbesondere die sehr aktive Parteinahme von Schweden bot Finnland die Möglichkeit, gewissermaßen in dessen Windschatten erste eigene Aktivitäten zu erproben.

Diese Orientierung zeigt sich auch beim Übergang in die aktivere Phase seit 1971. Die Anerkennung Nord-Vietnams durch Schweden 1969 sowie Norwegen, Dänemark und die neutrale Schweiz 1971 setzte nach Einschätzung des Autors Finnland ebenso unter Zugzwang wie der stetig wachsende Druck, die DDR anzuerkennen. Auch hier zeigt sich die Bezugnahme auf die Politik gegenüber beiden deutschen Staaten, ebenso wie beim Verhandlungsangebot, dem sog. Deutschland-Paket war Finnland auch gegenüber Vietnam bemüht, die Gespräche über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen möglichst parallel zu führen, um keiner Seite den Vorrang zu geben. Dieser Anspruch war jedoch in keinem Fall von Erfolg gekrönt, wobei mit beiden deutschen Staaten zwar die Verhandlungen zeitlich versetzt geführt wurden, aber die Aufnahme diplomatischer Beziehungen praktisch gleichzeitig erfolgte. Im Fall von Vietnam hielt der Anspruch der Gleichbehandlung den widerstreitenden Interessen noch weniger stand, was schließlich zunächst nur zu Gesprächen mit Nord-Vietnam führte. Eine erneute Verschärfung der US-amerikanischen Kriegshandlungen 1972 wurde schließlich zum Auslöser für eine einseitige Anerkennung Nord-Vietnams durch Finnland und damit der endgültigen Abkehr von der offiziell postulierten Politik der Gleichbehandlung von geteilten Staaten.

Benjamin Gilde zeichnet diese Entwicklung stimmig nach, wobei die flüssig geschriebene Abhandlung in ihrer engen Anlehnung an das Quellenmaterial teilweise zu einer chronologischen Nacherzählung der Ereignisabläufe gerät. Er bewertet die zunächst zögerliche Haltung der finnischen Politik insbesondere in der ersten Phase durchaus kritisch (z.B., 52) und betont den Zugzwang, in den Finnland dann aufgrund dieser Zurückhaltung nach 1971 geriet. Ob die vorangegangene Politik durch den Kurswechsel 1971 tatsächlich als gescheitert oder die enge Verzahnung mit der Deutschlandpolitik tatsächlich im Nachhinein als Fehler zu werten ist, darf bezweifelt werden. Vielmehr bestand bis zu diesem Zeitpunkt wohl weder eine realistische Alternative noch eine unmittelbare Notwendigkeit, erst nach 1971 ließ die weltpolitische Lage ein Abweichen von der bisherigen Praxis zu. Die Politik gegenüber den geteilten Staaten hatte zu diesem Zeitpunkt Anfang der 70er Jahre vielmehr, wie der Autor an anderer Stelle richtig bemerkt, ihre Funktion erfüllt und konnte unter nun geänderten Gegebenheiten revidiert werden. Damit illustriert diese Fallstudie einmal mehr, wie Finnland trotz der gegebenen Zwänge erfolgreich vermeiden konnte, gegen die eigenen Interessen handeln zu müssen.

Sehr vage bleibt die Rolle der Sowjetunion; die Darstellung beschränkt sich auf knappe Hinweise auf die sowjetische Zurückhaltung. Auch wenn dies den Erkenntnissen aus der Forschung über die finnische Deutschlandpolitik entspricht - hier hatte die Sowjetunion zwar ihr Interesse an einer Anerkennung der DDR deutlich gemacht, jedoch stets davon abgesehen, entscheidenden Druck auszuüben - hätte man sich ein ausführlicheres Eingehen auf diese Haltung und die dahinter stehenden Motive gewünscht, auch wenn dies im vorliegenden Quellenmaterial offensichtlich nicht greifbar wird. Trotz dieser vereinzelten Einwände liegt hier erstmalig eine umfassende Studie zur finnischen Vietnampolitik und deren Verhältnis zur Politik gegenüber geteilten Staaten vor, die das Bild der finnischen Neutralitätspolitik auf solider Quellenbasis um weitere Facetten bereichert.


Anmerkung:

[1] Seppo Hentilä: Neutral zwischen den beiden deutschen Staaten. Finnland und Deutschland im Kalten Krieg. Berlin 2006.

Olivia Griese