Rezension über:

Yves Krumenacker: Dictionnaire des pasteurs dans la France du XVIIIe siècle (= Vie des Huguenots; 45), Paris: Editions Honoré Champion 2008, 459 S., ISBN 978-2-7453-1683-7, EUR 80,00
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Rezension von:
Eckart Birnstiel
Université de Toulouse II - Le Mirail
Redaktionelle Betreuung:
Susanne Lachenicht
Empfohlene Zitierweise:
Eckart Birnstiel: Rezension von: Yves Krumenacker: Dictionnaire des pasteurs dans la France du XVIIIe siècle, Paris: Editions Honoré Champion 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 11 [15.11.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/11/14790.html


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Yves Krumenacker: Dictionnaire des pasteurs dans la France du XVIIIe siècle

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Durch das Edikt von Fontainebleau, das im Oktober 1685 das Edikt von Nantes aufhob und jegliche reformierte Kultausübung in Frankreich verbot, sahen sich die zu jener Zeit etwa 850 amtierenden Pastoren vor die Wahl gestellt, sich entweder zum katholischen Glauben zu bekehren oder aber binnen fünfzehn Tagen das Land zu verlassen. Schätzungsweise vier Fünftel von ihnen wanderten aus und ließen sich in den Ländern des hugenottischen Refuge nieder. Denjenigen, die sich zu diesem Schritt nicht entschließen konnten oder wollten, bot sich die Chance auf eine Karriere in der französischen Justizverwaltung; kaum einer von ihnen ergriff jemals wieder das Wort vor einer Kirchengemeinde.

Die von nun an im Untergrund operierenden protestantischen Gemeinden wurden zunächst von Laienpredigern betreut, die nur über ein unzureichendes theologisches Wissen verfügten und in der Regel alte Kanzeltexte verlasen. Erst im Zuge der Restauration des Kirchenlebens in der "Wüste" wurden diese zunehmend durch im Ausland ausgebildete und ordinierte Pastoren ersetzt. Zwischen 1726 und 1812 absolvierten allein das von Antoine Court in Lausanne gegründete Predigerseminar 486 zukünftige Pastoren, die zu ihrer Amtseinführung nach Frankreich zurückkehrten und dort nicht selten zum Tode verurteilt wurden, was ihrem Seminar den Namen "Schule der Märtyrer" eintrug. Der letzte hingerichtete Pastor der "Wüste" war der erst sechsundzwanzigjährige François Rochette, der im Februar 1762 in Toulouse am Galgen endete.

Yves Krumenacker, Frühneuzeithistoriker an der Universität Lyon III, und seine zwölf Mitarbeiter haben nun erstmals ein Lexikon der namentlich bekannten Pastoren der "Wüste" vorgelegt, wozu sie eine beeindruckende Anzahl von mitunter sehr entlegenen Monographien ausgewertet haben. Auf diese Weise konnten sie insgesamt 664 reformierte, das heißt calvinistische Pastoren identifizieren. Diese waren zwischen 1685 und 1802 - zwischen dem Widerruf des Edikts von Nantes und dem Inkrafttreten der Organischen Artikel des Konkordats von 1801 - in Frankreich tätig, darunter 142 im Elsass und 43 in auswärtigen Gesandtschaften protestantischer Mächte in Paris, an deren Gottesdiensten auch die einheimischen Protestanten inkognito teilnehmen konnten. Pastoren lutherischen Glaubens wurden mit Ausnahme einiger Botschaftskaplane nicht berücksichtigt.

Im Idealfall aller vorliegenden Informationen enthalten die alphabetisch angeordneten Personalnotizen folgende tabellarische Angaben: Familienname, Vorname und eventuell im Untergrund verbreiteter Rufname; Tag und Ort der Geburt, der Taufe und des Todes; Namen der Eltern, der Ehegattin und der Kinder; familiäres Umfeld, soweit in diesem ebenfalls Pastoren oder zeitgeschichtliche Persönlichkeiten nachweisbar sind; Studiengang und -ort; Ort und Zeit der Tätigkeit als Prediger (prédicant) und/oder Pastoratskandidat (proposant); Tag und Ort der Ordination; Angabe der betreuten Kirchengemeinde samt Kommentar; Veröffentlichungen; Zusatzinformationen, die in die vorstehenden Rubriken nicht aufgenommen werden konnten; Quellen- und Literaturnachweis; Namenskürzel des Bearbeiters.

Beigegeben ist eine Auflistung der reformierten Synodalprovinzen und ihrer Pastoren, die hier also noch einmal in Kurzform verzeichnet sind, sowie ein Register der Rufnamen, das allerdings manche Lücken aufweist. Ebenfalls angefügt sind die Listen der in Paris an den Gesandtschaften der niederländischen Generalstaaten, Schwedens und Dänemarks tätig gewesenen Pastoren, wobei man sich allerdings fragt, weshalb hier die brandenburgische Gesandtschaft mit ihrem noch lange nach der Revokation amtierenden Pastor Merchier unberücksichtigt geblieben ist.

Man sollte einem solchen Lexikon nicht vorwerfen, dass es so und nicht anders angelegt wurde. Allerdings wird man anmerken dürfen, dass es weitaus sinnvoller gewesen wäre, es nicht an den Pastoren, sondern an den Gemeinden der "Wüste" zu orientieren. Ein solche Konzeption hätte es nämlich erlaubt, neben den Pastoren auch die nicht ordinierten Laienprediger und vor allem die Kirchenältesten aufzunehmen, auf deren Schultern die Hauptlast der lokalen Organisation der geheimen Gottesdienstversammlungen lag, während die Pastoren - zumindest in der Anfangszeit der "Wüste" - "ambulant" amtierten. Ein derartiges Lexikon ist aufgrund der Quellenlage durchaus zu erstellen und wäre sicherlich nützlicher als das vorliegende, da es ein direktes Bild der örtlichen Verteilung der Untergrundkirchen und damit der Geographie des protestantischen Frankreichs der "Wüste" vermitteln würde.

Doch selbst in der vorliegenden - hier nicht weiter zu diskutierenden - Form öffnet dieses Pastorenlexikon der Kritik Tür und Tor. Fast auf jeder Seite finden sich Satz- und Druckfehler, offensichtliche Unstimmigkeiten in der Datierung und der personalen Zuordnung der Informationen, im Nichts endende Querverweise und nicht nachvollziehbare Auslassungen: Da sterben Pastoren vor ihrer Geburt oder bekleiden nach ihrem Tode hohe Ämter, heiraten und bekommen Kinder im Kindesalter und haben ein und dieselbe Frau zur Mutter und Großmutter; es finden sich widersprüchliche Ortsangaben, Transkriptions- und Übersetzungsfehler vor allem deutschsprachiger Quellen aus dem Elsass; es werden Pastoren, die ein "von" im Namen führen, unter dem Buchstaben V eingestellt und die Schreibweise der Vornamen wechselt mitunter von einer Notiz zur anderen, wobei sich etwa ein Jacques unversehens in einen Isaac verwandelt. Und hierbei handelt es sich nur um die unmittelbar ins Auge springenden Widersprüchlichkeiten dieses Lexikons, das noch eine Reihe anderer, nicht so offensichtlicher Fehler im Detail enthalten mag.

Einem Lexikon muss man in jeder Hinsicht vertrauen können. Das Vertrauen in dieses Werk wird durch die genannten Mängel so stark erschüttert, dass es hier nicht nur nicht empfohlen werden kann, sondern von seiner Benutzung sogar ausdrücklich abgeraten werden muss. Es gereicht dem renommierten Verlagshaus Honoré Champion wahrlich nicht zur Ehre, ein derart fragwürdiges Elaborat in seine ansonsten von Antony McKenna vorbildlich betreute und vorzüglich edierte Reihe Vie des Huguenots aufgenommen zu haben.

Eckart Birnstiel