sehepunkte 9 (2009), Nr. 9

Tobias Krüger: Die Entdeckung der Eiszeiten

Auf dem Umschlag von Tobias Krügers Buch befindet sich ein Foto eines tonnenschweren eiszeitlichen Findlings im Kanton Zürich, der sehr gut den Ausgangspunkt verdeutlicht, der am Beginn der Entwicklung der Eiszeittheorie stand: In der Landschaft herumliegende erratische Felsblöcke. Hatten die Menschen in der Jungsteinzeit sie noch für Kultstätten und Gräber verwendet, entwickelten sich später Sagen und Mythen, dass etwa der Teufel die Felsbrocken habe fallen lassen oder Trolle mit ihnen nach einander geworfen hätten. Etwa seit Mitte des 18. Jahrhunderts traten naturwissenschaftliche Hypothesen an die Stelle mythisch-sagenhafter Vorstellungen. Die Findlinge wurden etwa als vulkanisches Auswurfsmaterial gedeutet, wie von Johann Jesaias Silberschlag (1716-1791). Erstmals mit Gletschern und Eis wurde der Transport von Findlingen durch Pierre Martel (1701-1767) in Verbindung gebracht.

Dieser Gedanke lässt sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Zirkeln in nahezu allen europäischen Ländern nachweisen, die sich mit der Herkunft der Findlinge beschäftigten. In der Folge bildete sich die Eiszeittheorie heraus, die erst in den 1870er Jahren zum wissenschaftlichen Allgemeingut werden sollte. Jedoch standen die Eiszeiten lange im Schatten anderer wissenschaftlicher Leistungen des 19. Jahrhunderts beispielsweise der Evolutionstheorie oder der Begründung der Organischen Chemie.

Krügers Arbeit behandelt die Entdeckung der Eiszeiten, ihre Rezeption und die Anstöße, die für die weitere Forschung daraus folgten. Die zeitgenössischen Diskussionen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis an die Schwelle des 20. Jahrhunderts werden aus einer breiten und international vergleichenden Perspektive dargestellt. Ebenso breit ist die Materialfülle, aus der Krüger schöpft. Sowohl die Positionen der Befürworter als auch der wichtigsten Gegner der Eiszeittheorie werden in den Zusammenhang der damaligen Auffassungen der Erdgeschichte gestellt. Dabei versteht es der Autor, die kontroversen Diskussionen, die in einzelnen Fachgesellschaften und Ländern stattfanden, miteinander zu verbinden und die führenden Vertreter einzelner Richtungen prägnant zu charakterisieren. Neben dem deutschen Sprachraum nimmt Krüger auch Frankreich und England in den Blick, behandelt die Eiszeitforschung in Skandinavien sowie in Russland und geht auch auf die Rezeption in den USA und Kanada ein. Für einzelne Länder kann Krüger auf Vorarbeiten namhafter Kollegen zurückgreifen; einen international dermaßen breiten Überblick wie bei Krüger sucht man woanders vergebens.

Dabei bot sich für einen in der Schweiz forschenden Historiker das Thema aus mehreren Gründen an: Schon im 17. Jahrhundert setzten sich viele eidgenössische Autoren mit den Findlingen auseinander. Später entwickelte sich die Glazialgeologie. Die Großen der Zunft kamen aus der Schweiz oder forschten hier, wie der Walliser Kanonsingenieur Ignatz Venetz (1788-1859) oder der aus Sachsen stammende Geologe Jean de Charpentier (1786-1855) und der umtriebige Paläontologe Louis Agassiz (1807-1873).

Nach und nach setzten die Wissenschaftler ein kaltes Klima, weitreichende Gletschervorstöße und den Transport von Findlingen in Beziehung zueinander. Krüger versteht es, den Weg zur Eiszeittheorie spannend zu schildern, etwa wenn er die Gedanken des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) erläutert (143-165). Goethe war einer der frühesten Vertreter der Eiszeittheorie. Das Zeitalter einer großen Kälte taucht beispielsweise in literarischer Form in Wilhelm Meisters Wanderjahre (1828) auf. Der zeitweilige Bergbauminister hatte sich über mehrere Jahre mit der Thematik beschäftigt.

Krüger rekonstruiert Goethes Überlegungen und Forschungen sehr plastisch und kenntnisreich. Ebenso spannend liest sich bei Krüger die wissenschaftliche Auseinandersetzung zwischen zwei Studienfreunden: Dem Schweizer Agassiz und dem deutschen Botaniker und Geologen Karl-Friedrich Schimper (1801-1867). Beide entwickelten auf der Grundlage ihrer Beobachtungen gemeinsam die Eiszeittheorie mit der Begrifflichkeit "Eiszeit". Dabei ergänzten sich die unterschiedlichen Naturelle der Forscher kongenial: Schimper als Generalist und Theoretiker und Agassiz als faktenreicher Spezialist für die Sammlung detaillierter Belege. Über eine Mineraliensammlung und die Frage der Urheberschaft der Eiszeittheorie kam es zwischen den beiden jedoch zum Zerwürfnis. Agassiz erwähnte fortan den Forscherkollegen, dem er einiges zu verdanken hatte, in seinen Publikationen nicht mehr. Krüger weist nach, das Agassiz in seiner Karriere noch mit weiteren Kollegen und Mitarbeitern über die Urheberschaft wissenschaftlicher Erkenntnisse in Konflikt geriet.

Ähnlich spannend schildert Krüger weitere wissenschaftliche Auseinandersetzungen über die Erdgeschichte. Bei der Faktenfülle erweist es sich als hilfreich, dass Krüger mehrmals Zwischenfazits einfügt. Am Ende steht ein breiter interdisziplinärer Ausblick, der nicht nur zusammenfasst, sondern sich auch den Impulsen widmet, die von der beginnenden Eiszeitforschung ausgingen. Ihre Bedeutung für die Klimaforschungen des 20. Jahrhunderts bildete für Krüger den Impetus, sich mit der Endeckung der Eiszeiten zu beschäftigen. Dafür ist jedoch die Verbindung zwischen den Eiszeiten, der Entdeckung der Spurengase und des Treibhauseffektes zu kurz geraten. Zur Frage wie aus der Ursachenforschung der Eiszeit der Anstoß zur Untersuchung der Zusammensetzung der Atmosphäre kam, bietet Krüger nichts Neues. [1]

Die Illustration des Textes durch Fotos und Bilder der Forscher, der Naturgegebenheiten und Forschungsergebnisse sind sehr gut gelungen und in ihrer Breite und Aussagekraft keineswegs selbstverständlich für eine geschichtswissenschaftliche Dissertation. So sind die führenden Theoretiker als auch die Naturphänomene, auf die sich ihre Theorien beziehen, visuell nachvollziehbar. Orts-, Sach- und Personenregister erleichtern den gezielten Zugriff.

Um die Vielfalt der verschiedenen Ansätze und Ideen zu verdeutlichen, wären darüber hinaus vom Autor erstellte Schemata hilfreich gewesen. An einem Zeitstrahl hätten die wichtigsten Vertreter und ihre Widersacher dargestellt werden können, um so einen schnelleren Überblick zu erhalten. Ansatzweise hat Krüger eine derartige Übersicht für den Zeitraum von 1815 bis 1845 geliefert (531).

Diese Anregung soll jedoch nicht die Verdienste dieses beeindruckenden Buches schmälern. Die breite, sehr anregend geschriebene und ansprechende Darstellung ist besonders angehenden Wissenschaftshistorikern sehr zu empfehlen. Auch der umwelt- und klimageschichtlich Interessierte sollte zu diesem Buch greifen. Für die Entstehung der Eiszeittheorie hat dieses Buch das Zeug, zum Standardwerk zu avancieren. Dadurch wird der Entdeckung der Eiszeiten der Stellenwert beigemessen, der dieser wissenschaftlichen Pionierleistung des 19. Jahrhunderts gebührt.


Anmerkung:

[1] Spencer R. Weart: The Discovery of Global Warming, New Histories of Science, Technology and Medicine, Cambridge (MA) 2003; James Rodger Flemming: Historical Perspectives on Climate Change, Oxford 1998.

Rezension über:

Tobias Krüger: Die Entdeckung der Eiszeiten. Internationale Rezeption und Konsequenzen für das Verständnis der Klimageschichte (= Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte (WSU); Bd. 1), Basel: Schwabe 2008, 619 S., ISBN 978-3-7965-2439-4, EUR 61,60

Rezension von:
Anselm Tiggemann
Landtag Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Empfohlene Zitierweise:
Anselm Tiggemann: Rezension von: Tobias Krüger: Die Entdeckung der Eiszeiten. Internationale Rezeption und Konsequenzen für das Verständnis der Klimageschichte, Basel: Schwabe 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de/2009/09/15385.html


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