sehepunkte 9 (2009), Nr. 6

Thomas Raithel: Die Strafanstalt Landsberg am Lech und der Spöttinger Friedhof (1944-1958)

Die Sühne der nationalsozialistischen Verbrechen stellt eines der komplexesten Kapitel der deutschen und US-amerikanischen Justiz dar, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Aufgabe widmete, bis dahin unvorstellbare Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu ahnden. Angesicht der vielen Verurteilten und zahlreichen begnadigten Straftäter fragt sich nicht nur der Historiker, welche Ursachen und Motive diese Art der Vergangenheitsbewältigung besaß.

Landsberg am Lech bietet dazu nun einen Ansatzpunkt. Die Stadt war 1924 ein Mekka für alle Salon-Nazis der Münchener Schickeria, die Hitler im Gefängnis besuchen wollten, und später, nach dem Zweiten Weltkrieg, der Inbegriff von Vergeben und Vergessen: Dort saßen in einem gewöhnlichen Gefängnis die letzten Kriegsverbrecher ein, die in Nürnberg vom Internationalen Militärtribunal und vor allem in Dachau wegen schwerster Verbrechen im Kriege verurteilt worden waren. Außerdem saßen zahllose namhafte "Opfer" des Kriegs im Gefängnis, die eben nur ihren Dienst in der Bürokratie des 'Dritten Reiches' versehen haben - "business as usual" im Dienste der Tyrannen. Vom honorigen letzten deutschen Botschafter am Heiligen Stuhl, Ernst Freiherr von Weizsäcker, über den ganz ehrenwerten Generalfeldmarschall und Staatsekretär im Reichsluftfahrtministerium Erhard Milch, und den Verwalter der Konzentrationslager, SS-Obergruppenführer Oswald Pohl, bis hin zum 100.000-fachen Mörder und Führer der Einsatzgruppe B, Erich Naumann, reicht die Liste. Neben diesen 'Persönlichkeiten', um die sich die Bonner Politik ab 1949 besonders bemühte, gab es dort zeitweise noch gewöhnliche Kriminelle und wirkliche Opfer des Nationalsozialismus aus dem In- und Ausland. Einige von ihnen sind seit ihrem Tode auf dem angrenzenden Spöttinger Friedhof vereint.

Ihrer aller nimmt sich Thomas Raithel in der vorliegenden Dokumentation an, die er aus Anlass der nicht abreißenden Debatten um das Schicksal der "Landsberger" - wie die dort einsitzenden Kriegsverbrecher genannt wurden - erstellte. Es geht ihm um nicht weniger als die Aufbereitung dieses Erinnerungsortes, der für die Frühgeschichte der Bundesrepublik Deutschland und für die damals kriminalisierte Stadt Landsberg besondere Bedeutung besitzt.

Dabei umreißt Raithel im ersten Teil die Geschichte der Haftanstalt im Kontext der Unrechtsprechung des 'Dritten Reiches' sowie die juristischen Besonderheiten der Nachkriegsjustiz, vor allem derjenigen gegen die Kriegsverbrecher. Im zweiten Teil stellt er die ab 1904 errichtete Haftanstalt in der Zeit zwischen 1944-1957 in den Mittelpunkt. Neben Fragen der Belegungsstruktur in den letzten Kriegsmonaten richtet sich sein Augenmerk vor allem auf das US-amerikanische War Criminal Prison No. 1 und seine Besonderheiten (was sich vor allem auf die Insassen bezieht). Der dritte Teil widmet sich dem Spöttinger Friedhof, der bis 1923 zu dortigen Pfarrei gehörte und danach für ehemalige Anstaltsmitarbeiter - nicht die Häftlinge - als Begräbnisstätte angekauft und 1925 wieder "geöffnet" wurde. Gleichwohl kam es erst ab 1944 zu Beisetzungen.

Um letzteres knapp zu halten: Der Friedhof ist nach Raithels Angaben mit 320 Personen belegt, wobei die Kirchenbücher als auch die Begräbnislisten und Friedhofspläne nicht völlig korrekt seien. Raithel vermutet daher, dass es möglicherweise ein Massengrab für ca. 100 Personen gegeben haben könnte. Hinzu kommt, dass einige der prominenten Kriegsverbrecher nach ihrer Hinrichtung nicht hier, sondern in ihrer Heimat beigesetzt worden sind, Otto Ohlendorf beispielsweise. Auch ist festzuhalten, dass zahlreiche Insassen, die nicht Kriegsverbrecher waren, infolge Mangelerscheinungen und daraus resultierenden Herzschwäche und Entkräftung - typischen Folgen der Haft im 'Dritten Reich' - starben. Die Überbelegung des Gefängnisses und die mangelnde Hygiene gegen Kriegsende taten ein Übriges. Die Kriegsverbrecher hingegen konnten sich über derart schlechte Ernährung oder fehlende Abwechslung nicht beklagen, schließlich empfanden sie sich als politische Gefangene und wurden in weiten Teilen auch so behandelt, und nicht als das, was sie teilweise waren: Massenmörder oder Helfershelfer.

Es gelingt Raithel im ersten Teil die Besonderheiten der amerikanischen Nachkriegsjustiz mit besonderem Augenmerk auf den Umgang mit Kriegsverbrechern eingängig darzustellen: Trotz der komplexen juristischen Materie glückt ihm eine verständliche Darstellung der von den USA in Nürnberg sowie in Dachau abgehaltenen Prozesse gegen Kriegs- und andere Verbrechen der NS-Zeit. Dabei gilt sein Augenmerk vor allem der intensiven Begnadigungspraxis der USA, die - nachdem einige zum Tode Verurteilte der Dachauer Prozesse hingerichtet worden waren - von einer kaum nachvollziehbaren Milde geprägt war. Dies kam vor allem zahlreichen ehemaligen SS-Angehörigen zugute, die des Massenmordes im Kontext des Holocaust überführt worden waren. Der Autor weist nach, dass nachgerade die bundesrepublikanische öffentliche Meinung und namhafte Politiker der jungen Republik die Begnadigung der Verbrecher forderten. Befremdlich wirkt überdies für den Leser, dass bei den letzten Hinrichtungen von Oswald Pohl und anderen die Regierung der sich entwickelnden westdeutschen Demokratie durch Vizekanzler Franz Blücher und Bundesfinanzminister Fritz Schäffer vertreten war! Wieso eigentlich? Ansonsten legte sie doch so viel Wert auf eine eindeutige Abgrenzung zum nationalsozialistischen Deutschland.

Im zweiten Teil widmet sich Raithel der Historie des Gefängnisses, das zeitweise ein echter 'Promiknast' war (erst Graf Arco Valley, dann Hitler und schließlich die Nürnberger - kurz: vorzugsweise juristische 'Schwergewichte'!) Im Nationalsozialismus und gerade im Zweiten Weltkrieg wird es zu einer Haftanstalt teilweise mit internationalen Insassen, die durch verschiedenste deutsche Gerichte in den besetzten Gebieten belangt worden waren. Erst als "War Criminal Prison No. 1" in der US-amerikanischen Besatzungszone erlangte Landsberg einen einzigartigen Charakter, der sich an seinen prominenten Strafgefangenen ablesen lässt. Aus diesem Grunde geht Raithel auch umfassend auf einzelne Biografien ein und widmet sich ausführlich der verschiedenen Personen und ihrer verbrecherischen Taten: Interessant ist die Bandbreite von KZ-Aufsehern bis zu Reichsministern, von Massenmördern bis zu Schreibtischtäter. Das Gefängnis und folglich auch dieses wichtige Buch bieten damit ein "Who is who" wichtiger Funktionseliten des Nationalsozialismus nach dem Krieg.

Angesichts der verdienstvollen Schilderungen von Raithel - trotz einer nicht immer plausiblen Gliederung, die sich doch konstant überschneidet und wenig voneinander abgrenzt, - stellt man sich nicht erst jetzt, aber nun umso mehr die Frage, wieso so viele Massenmörder und Kriegsverbrecher nach dem Krieg begnadigt wurden. Viele von ihnen erlangten mehr als die bürgerlichen Ehrenrechte zurück, einige (z.B. Erhard Milch) dienten nachher in herausgehobenen Positionen in der Wirtschaft. Der Kalte Krieg und die Westbindung der Bundesrepublik können als Erklärung nicht befriedigen. Diese Form der Vergangenheitspolitik à la 'Persilschein' scheint insgesamt noch nicht hinreichend erforscht. Raithel bietet mit seiner Dokumentation einen guten Einstieg in den fragwürdigen Umgang mit Kriegsverbrechern nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass ein Monat guter Führung zehn Tage Strafverkürzung bedeutete, war dabei nur eine Lapalie. Das Buch muss ein Anstoß zu mehr sein: Werl und Wittlich warten, die 'ehrenwerten Herren' nicht mehr.

Rezension über:

Thomas Raithel: Die Strafanstalt Landsberg am Lech und der Spöttinger Friedhof (1944-1958). Eine Dokumentation im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, München: Oldenbourg 2009, X + 197 S., 42 s/w-Abb., ISBN 978-3-486-58741-8, EUR 29,80

Rezension von:
Heiner Möllers
Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam
Empfohlene Zitierweise:
Heiner Möllers: Rezension von: Thomas Raithel: Die Strafanstalt Landsberg am Lech und der Spöttinger Friedhof (1944-1958). Eine Dokumentation im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, München: Oldenbourg 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 6 [15.06.2009], URL: http://www.sehepunkte.de/2009/06/15696.html


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