sehepunkte 9 (2009), Nr. 5

Mehrfachbesprechung: A. Doering-Manteuffel / L. Raphael: Nach dem Boom, Göttingen 2008

Einführung

Von Christian Marx / Bodo Mrozek / Eva Oberloskamp / Thomas Schlemmer / Martina Steber / Sebastian Voigt

Der sorgende, regulierende, starke Staat ist als mächtiger Akteur auf die politische Bühne zurückgekehrt. Finanzmarktkontrolle, politische Steuerung und Verstaatlichung bestimmen plötzlich wieder die Agenda. Investmentbanker haben ihren Nimbus als Leitfiguren eines immer rascher expandierenden "digitalen Finanzmarkt-Kapitalismus" (8) verloren und stehen als arbeitsplatzvernichtende "Heuschrecken" unter Verdacht. Dagegen erleben Werte und Institutionen, die sich geraume Zeit in der Defensive befanden, eine ungeahnte Renaissance: Dies gilt für den solide kalkulierenden Bankier ebenso wie für den Sozialstaat, dem die "ZEIT" jüngst ein Loblied gesungen hat [1]. Fast scheint es, als gehe eine Epoche zu Ende - eine Epoche im Zeichen von Globalisierung und Deregulierung, an die sich die Zeitgeschichte bisher nur in Ausnahmefällen herangewagt hat.

Entsprechend dünn gesät sind Deutungsangebote und Interpretationsmuster, mit denen sich die Jahrzehnte seit den Ölpreiskrisen der siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts erfassen lassen. Dieser "gegenwartsnahen Zeitgeschichte eine intellektuelle Perspektive und hinreichende Problemorientierung zu geben" (7), ist das Anliegen des Essays von Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael.

Vor allem drei Aspekte machen diese Programmschrift bemerkenswert: Erstens setzen die Autoren an die Stelle verbreiteter "Dekadenklemptnerei" ihre klare These vom "Strukturbruch" (10) seit den siebziger Jahren, mit der sie die Zeit "nach dem Boom" in einen übergeordneten Epochenzusammenhang stellen. Zweitens konzipieren sie Zeitgeschichte als "Problemgeschichte der Gegenwart" (7) - ohne Scheu vor riskanten, weil auf diese Gegenwart bezogenen Diagnosen. Daraus ergeben sich, drittens, neue Schwerpunktsetzungen. Die Autoren richten ihren Blick auf Wandlungsprozesse der industriellen Welt und stellen vielfältige Bezüge zu den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften her, die sich seit den Gründertagen der westdeutschen Zeitgeschichte als außerordentlich anregend erwiesen haben, aber in den vergangenen Jahren zu Unrecht in den Hintergrund getreten sind. So gewinnen alte Fragen - etwa nach den Mustern sozialer Ungleichheit - wieder an Gewicht, gleichzeitig werden neue Fragen und Verknüpfungen möglich, zum Beispiel dort, wo sich die Autoren mit der Herausbildung der Wissensgesellschaft auseinandersetzen.

Der Band ist eine Aufforderung zur Diskussion, die wir gerne aufgreifen. Dazu haben wir Wissenschaftler mit ganz unterschiedlichen Sehepunkten eingeladen: Hans Günter Hockerts (München) ist selbst mit Arbeiten zur "Zeitgeschichte als Geschichte gegenwärtiger Problemkonstellationen" hervorgetreten. Christoph Boyer (Salzburg) erweitert den Horizont des Forums aus der Perspektive des Wirtschaftshistorikers mit Interesse an den langen Linien in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Jens Hacke (Hamburg) hat sich mit Arbeiten zur Ideengeschichte der Bundesrepublik einen Namen gemacht; Maren Möhring (Köln) liest den Essay aus dem Blickwinkel der neuen Kulturgeschichte. Dem interdisziplinären Ansatz des hier vorgestellten Bandes entsprechend, haben wir mit Stephan Lessenich (Jena) einen Soziologen gewonnen, der den zeitdiagnostischen Anspruch seiner Disziplin mit einem ausgeprägten Interesse für die historische Dimension der Gegenwart verbindet.

Anmerkung:
[1] Vgl. Elisabeth Niejahr: Lob des Sozialstaats. Auch ohne Furcht vor sozialen Unruhen gibt es gute Gründe, den Schwachen im Lande Sicherheit zu geben, in: DIE ZEIT, 30.4.2009, 1.

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