sehepunkte 9 (2009), Nr. 4

Kevin P. Spicer: Hitler's Priests

Die kirchliche Zeitgeschichtsforschung befasst sich seit geraumer Zeit verstärkt mit der deutschen Theologie und den Theologen in der NS-Zeit. Dabei richtet sich das Interesse insbesondere auf die Verstrickungen in die nationalsozialistische Ideologie und die NS-Herrschaft. Kevin Spicers 2004 erschienene Monografie über den katholischen Klerus der Diözese Berlin im 'Dritten Reich' enthielt bereits ein ausführliches Kapitel über die "braunen" Priester, das schon 2002 im Historischen Jahrbuch als eigenständiger Aufsatz publiziert worden war. [1] Das vorliegende Buch führt diese Linie weiter fort, geht aber im Umfang darüber hinaus und kommt zu sehr viel weitreichenderen, den früheren Studien widersprechenden Thesen.

Auf der Basis intensiver Archivrecherchen führt Spicer im Anhang die Namen und Angaben von 138 "braunen" Priestern auf, also solchen katholischen Geistlichen, die der NSDAP und ihren Gliederungen angehörten oder in Wort und Schrift für die Ideen der Partei und ihres "Führers" öffentlich eintraten. Damit wird ein wichtiger, das Gesamtbild ergänzender Kontrapunkt zur Dokumentation "Priester unter Hitlers Terror"[2] gesetzt. Immerhin 58 Priester waren registrierte Mitglieder der NSDAP, 28 gaben ihr Priesteramt auf. Die Liste ließe sich gewiss noch verlängern. Der Gesamtbefund indes entspricht der bereits 1973 von Frederic Spotts angeführten Anzahl von 150 Geistlichen, die die NS-Bewegung unterstützten. [3] Ihr Anteil von weniger als einem Prozent an der Gesamtzahl von rund 27.000 Weltpriestern und weit über 15.000 Ordensgeistlichen, die zwischen 1933 und 1945 in den deutschen Diözesen tätig waren, war nicht nur minoritär, sondern geradezu marginal - zumal im Vergleich zu den protestantischen Pfarrern. Diese notwendigen Vergleichspunkte führt Spicer nicht an.

Lässt man die diskussionswürdige Definition dessen, was einen "braunen" katholischen Priester ausmacht und eine entsprechende Zahlenarithmetik als Mittel historischer Argumentation einmal beiseite, so stellt sich doch die berechtigte Frage nach dem Phänomen als solchem. Spicer stellt vier Typen von "Hitler's Priests" vor: Erstens die "Alten Kämpfer" wie Abt Schachleiter, den Ordenspriester Bernhard Stempfle oder den späteren Ministerialbeamten im Reichskirchenministerium, Josef Roth; zweitens antimoderne "Warrior Priests" wie den promovierten Theologen und Pfarrer Philipp Haeuser; drittens nationale Enthusiasten wie den Hitzhofener Pfarrer Anton Heuberger; viertens germanisierende und ökumenische "Brückenbauer" wie den Duderstädter Religionslehrer Richard Kleine. Die Aufgliederung ließe sich gewiss noch um weitere Typen ergänzen, etwa um die von Spicer in seinen früheren Forschungen angeführten "Opportunisten" und "Abtrünnigen" oder die von Wolfgang Dierker behandelten "Spalter und Spitzel" des SD. [4]

Spicer charakterisiert die Typen durch biografische Fallbeispiele. Die dadurch erreichte "Nahoptik" deckt die theologischen, spirituellen und persönlichen Abgründe der "braunen" Priester in ganzer Breite und bislang nicht bekannter Tiefe auf. Darin liegt der unbestreitbare Vorteil von Spicers Vorgehen und der Gewinn seiner Befunde für die Forschung. Andererseits fördert gerade diese "Nahoptik" in jedem Einzelfall ein Konglomerat verschiedener Motive und Handlungen zutage, das sich tatsächlich einer typisierenden Zuordnung entzieht und somit methodisch ein Dilemma hervorruft.

Zugleich verzichtet die Studie auf eine historische Einordnung der Befunde in Chronologie und Gesamtgeschichte der christlichen Kirchen zwischen 1933 und 1945. Wichtige, das individuelle Verhalten ausdeutende Bezüge fehlen somit. Lediglich im Schlusskapitel wird das Jahr 1936 als aufschlussreiche Zäsur erwähnt, die, von Ausnahmen abgesehen, bei den NS-Priestern selbst die Einsicht nährte, dass ihre Zeit abgelaufen war. Für die Gesamtdarstellung bleibt dieser Befund jedoch ohne erkennbare Bedeutung. Die nationalsozialistische Religionspolitik, die für die realen Handlungsmöglichkeiten der "braunen" Priester wie der christlichen Kirchen insgesamt von ausschlaggebender Bedeutung war, lässt Spicer unberücksichtigt.

Durch seinen typisierenden Zugriff auf das Material beraubt er sich überdies der Möglichkeit, die aus seinen Fallbeispielen herausdestillierten Beweggründe katholischer "Brückenbau"-Versuche durch eine Einordnung in den historischen Kontext angemessen zu gewichten. Über den Kreis der "braunen" Priester hinaus teilten in den Anfangsjahren der Diktatur zahlreiche Kleriker und Katholiken mit der Gesamtbevölkerung die Sympathie für den Kampf der neuen Regierung gegen "Versailles", den Liberalismus, den "gottlosen" Kommunismus und die laizistische Demokratie; für die Identifikation mit "Führer" und Vaterland war und blieb dies wichtiger als der Rassenantisemitismus der Nationalsozialisten.

Statt solche historischen Unterscheidungen zur Geltung zu bringen, sieht sich Spicer gezwungen, seine vielgestaltigen Befunde mit einer einzigen Generalthese zusammenzuzwingen. Ausdrücklich knüpft er an David Kertzers Ansicht über die innere Einheit von rassischem, sozialem, ökonomischem und kulturellem Antisemitismus an (9). Antiliberalismus, Antimodernismus und Antibolschewismus unter den Katholiken werden gedanklich ebenso unter dem Antisemitismusbegriff subsumiert wie der im religiösen Denken der Kirchen verwurzelte Antijudaismus, der als "religious-based antisemitism" und "theologischer Antisemitismus" (230) bezeichnet wird. Anders als in seinen früheren, um Differenzierung bemühten Untersuchungen befürwortet Spicer nunmehr eine monokausale Erklärung für das Verhalten der "braunen" Priester. Zugleich löst er auch die bisher in der Forschung weitgehend anerkannte, analytisch hilfreiche und quellenmäßig gedeckte Unterscheidung zwischen rassischem Antisemitismus und Antijudaismus auf. Ambivalenzen, die unbestritten das Verhältnis der Katholiken zu den Juden kennzeichneten, mutieren zu einem vermeintlich eindeutigen katholischen Antisemitismus: Weil man katholisch war, war man antisemitisch.

Diese Interpretation impliziert weitreichende Schlussfolgerungen. Das von Spicer umrissene Gesamtbild läuft den bisherigen Erkenntnissen zuwider und stellt sie auf den Kopf: "Hitler's Priests" waren und blieben demnach Bestandteil des katholischen, per se antisemitischen Milieus. Sie repräsentierten einen Klerus, der mental durch eine auf Selbstbewahrung und negative Ausgrenzung der Juden ausgerichtete Haltung geprägt war, das Regime schweigend unterstützte und dessen katholischer Antisemitismus den direkten Weg in den Holocaust mitbahnte (230f.). Dass die katholischen Bischöfe dem Wirken ihrer "braunen" Priester keinen Einhalt geboten, erscheint vor diesem Hintergrund als Beleg dafür, dass sie fester Bestandteil jener breiten, schweigenden, mit "Hitler's Priests" sympathisierenden Mehrheit in der katholischen Kirche waren. Im Endeffekt, so legt diese Indizienkette nahe, waren die NS-Priester also keine marginale Minderheit, sondern vielmehr die Spitze eines Eisbergs. Und wären die Nationalsozialisten nur schlauer und gerissener gewesen, anstatt gegen katholische Priester vorzugehen, so hätten sie auf deren selbstverständliche Unterstützung für ihre Verbrechen rechnen können.

Ein solch eindimensionales Geschichtsbild hinterlässt Zweifel und wirft Fragen auf: War die nationalsozialistische, nachweislich vor allem gegen den Katholizismus gerichtete Religionspolitik tatsächlich nur unklug, wenn sie, wie in Österreich und Polen, auf dessen radikale Ausschaltung zielte? Erklärt sich die Vielzahl verhafteter und in KZ verschleppter katholischer Geistlicher nur aus dem Willen zu kirchlicher, gleichsam milieuegoistischer Selbstbewahrung? Wie lässt sich die Ablehnung interpretieren, auf die die "braunen" Priester im Kreis ihrer angeblich geistesverwandten Mitbrüder einerseits und bei den nationalsozialistischen Machthabern andererseits stießen? Wie ist das bischöfliche Einschreiten gegen ihre "braunen" Geistlichen zu bewerten, das anstatt zu sofortiger Amtsenthebung in vielen Fällen offenbar zur Degradierung führte? Und schließlich: Wie sind die "stillschweigenden" Hilfen, die katholische Laien wie Priester den verfolgten Juden - zum Teil unter dem Dach bischöflicher Ordinariate - zukommen ließen, mit einem katholischen Antisemitismus zu vereinbaren? Um eine lange offene Frage der Katholizismusforschung zu beantworten, hat Spicer mit seiner Studie neues, aufschlussreiches Quellenmaterial erhoben und aufbereitet. Dessen wissenschaftliche Auswertung bedarf weiterer vertiefender Studien.


Anmerkungen:

[1] Kevin P. Spicer: Resisting the Third Reich. The Catholic clergy in Hitler's Berlin, DeKalb/Ill. 2004; ders.: Gespaltene Loyalität. "Braune Priester" im Dritten Reich am Beispiel der Diözese Berlin, in: Historisches Jahrbuch 122 (2002), 287-320.

[2] Ulrich von Hehl / Christoph Kösters u.a. (Bearb.): Priester unter Hitlers Terror. Eine biografische und statistische Erhebung, 4., durchges. u. erg. Aufl., Paderborn 1998.

[3] Frederic Spotts: The Churches and Politics in Germany, Middletown 1973, 109.

[4] Wolfgang Dierker: Himmlers Glaubenskrieger. Der Sicherheitsdienst der SS und seine Religionspolitik 1933-1943, 2., durchges. Aufl., Paderborn 2003.

Rezension über:

Kevin P. Spicer: Hitler's Priests. Catholic Clergy and National Socialism, DeKalb, IL: Northern Illinois University Press 2008, xv + 369 S., ISBN 978-0-87580-384-5, USD 34,95

Rezension von:
Christoph Kösters
Kommission für Zeitgeschichte, Bonn
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Kösters: Rezension von: Kevin P. Spicer: Hitler's Priests. Catholic Clergy and National Socialism, DeKalb, IL: Northern Illinois University Press 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 4 [15.04.2009], URL: http://www.sehepunkte.de/2009/04/14719.html


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