sehepunkte 9 (2009), Nr. 1

Martin Tamcke: Christen in der islamischen Welt

Der Nahe bzw. Mittlere Osten wird gemeinhin als "islamisch" wahrgenommen. Begriffe wie Morgenland oder islamische Welt rufen Bilder in den Köpfen hervor, die sich auf Basare, auf Moscheen, auf Muslime und manchmal sogar auf muslimische Gewalttäter beziehen. Das liegt vor allem daran, dass der Islam - verstanden als Sammelbegriff verschiedener religiöser Strömungen, die sich auf den Koran und den Propheten Muḥammad berufen, - und die mit ihm verbundene Kultur weite Teile des Nahen Ostens (und darüber hinaus) geprägt hat. Dass die Wahrnehmung des Nahen Ostens als "islamisch" aber nur einen Teil der Lebenswirklichkeiten darstellt, will Martin Tamcke, Professor für Ökumenische Theologie in Göttingen, mit dem Buch "Christen in der islamischen Welt" einem breiten Publikum vor Augen führen.

Sein Ziel ist es "einen Blick zu werfen auf Geschichte und Gegenwart der Christen in der islamischen Welt" (10), die heute zwar eine zahlenmäßige Minderheit darstellen, die allerdings für viele Jahrhunderte die Mehrheit der Bevölkerung in den islamisch beherrschten Ländern bildeten und entscheidenden Anteil an der Entwicklung der islamischen Kultur hatten.

Eines der zentralen Anliegen des Autors ist es, die Christen in den islamischen Ländern nicht als unabhängige Größe losgelöst von der Umgebung zu sehen, und somit nicht in die Kategorien christlicher Westen und islamischer Orient zu verfallen, sondern ihre Einbettung in die nahöstliche Lebensweise und Kultur als historisch und selbstverständlich wahrzunehmen (17f; 64).

Dass die bipolare Wahrnehmung leichter ist, als die komplexe Situation der Christen in den islamischen Ländern, die sehr verwirrend wirken kann, zu reflektieren, hat Martin Tamcke erkannt (15). Aus diesem Grund versucht er durch eine sehr verständliche Ausdrucksweise wichtige Kenntnisse über die christlichen Gruppen in den heutigen Kernländern der islamischen Welt zu vermitteln und damit zu einer differenzierten Wahrnehmung und letztlich zu Aufklärung beizutragen.

Im ersten Kapitel (20-61) skizziert der Autor das Verhältnis zwischen dem (sunnitischen) Islam und frühen Formen des Christentums, indem er auf koranische Prinzipien und auf die rechtliche Ausformung dieses Verhältnisses durch Schutzverträge zu sprechen kommt. Darüberhinaus thematisiert er die Rolle bestimmter Christen bei der Vermittlung der griechischen Kultur an die Araber, diskutiert das emotionale Befinden der Christen als Minderheit und gibt ein sehr interessantes, historisches Beispiel über die Zurückdrängung des Christentums vom bzw. die Islamisierung der Südküste des persischen Golfes (Qatar) im frühen 7. Jahrhundert.

Im zweiten Kapitel (62-93) stellt Martin Tamcke die wichtigsten "orientalischen Nationalkirchen" einzeln vor. Das heißt er beschreibt die Entstehung der christlichen Gruppen im Nahen Osten, die sich theologisch in dem Verhältnis der menschlichen bzw. der göttlichen Natur Jesu Christi unterscheiden, und legt die Hauptlinien ihrer historischen Entwicklung bis zum heutigen Tag dar. Die heutige Situation der wichtigsten christlichen Gruppen schildert er ausführlicher im fünften und letzten Kapitel (152-183).

Folgende Kirchen bespricht der Autor im Einzelnen: Die armenische Kirche, deren Namensgebung eindeutig ist, ist die älteste christlich-orientalische Kirche. Gegründet wurde sie im Jahre 301 und trennte sich Mitte des 6. Jahrhunderts von der Staatskirche im Römischen Reich. Schon im 5. Jahrhundert spaltete sich die koptische Kirche, deren Gemeinden in Ägypten und Nubien (im heutigen Sudan) verbreitet sind, von der Reichskirche ab. Die Christen innerhalb der Reichskirche nannten sich zuerst "Melkiten" (= Anhänger des Königs, gemeint ist der byzantinische Kaiser), nach der Union einiger ihrer Mitglieder mit der katholischen Kirche (= Melkiten) aber "Rum-orthodoxe" Christen.

Die syrischsprachigen Christen teilen sich in Westsyrer und Ostsyrer, wobei der Euphrat als grobe Trennungslinie gilt. Zu den Westsyrern gehört die syrisch-orthodoxe Kirche (gelegentlich jakobitische Kirche genannt), die sich im 5. Jahrhundert von der Reichskirche abgespalten haben und die maronitische Kirche, die sich aus monotheletischen Fragen von der syrisch-orthodoxen Kirche getrennt und einige Jahrhunderte später mit der katholischen Kirche vereinigt hat.

Zu den Ostsyrern gehört die Kirche, die gelegentlich "nestorianische Kirche" genannt wird, ein Name, der wie der jakobitische konfessionspolemisch gebraucht wird (15), und die sich ebenfalls von der Reichskirche abgespalten hat. Der Teil der Ostsyrer, die mit der katholischen Kirche uniert sind, nennt sich Chaldäer.

Neben diesen traditionellen Ostkirchen ist es vor allem protestantischen Missionaren gelungen in beinahe allen Ländern des Nahen Ostens Gemeinden zu gründen, die seit dem 18. Jahrhundert einen bedeutenden Teil der Christen versammeln.

Im dritten Kapitel (94-121) stellt der Autor vier Beispiele (aus dem 7. und 19.-20. Jahrhundert) von interreligiösen Dialogen vor, deren Charakter aber "nicht der ausdrückliche Dialog, sondern vielmehr der indirekte Dialog" (97) ist. Das heißt: ein Rechtfertigungsdialog zwischen einem Christen und einem Muslim, der meist durch ein Frage-und-Antwort-Schema gekennzeichnet ist. Den westlichen "Schauveranstaltungen" im Nahen Osten, die eine "Ökumene-Illusion" erzeugen sollen, erteilt Martin Tamcke eine deutliche Absage (97).

In dem vierten Kapitel (122-151) thematisiert der Autor zwei wichtige Funktionen, die die orientalischen Christen in ihrer Geschichte einnehmen konnten bzw. eingenommen haben. Sollten sie mit den (westeuropäischen) Fremdmächten kooperieren oder sollten sie ihre Unterstützung den muslimischen Herrschern zusichern? Für beide Möglichkeiten gibt es historische Beispiele. Martin Tamcke beleuchtet die Situation im Ägypten des 19. und 20. Jahrhunderts näher, zeigt dann, wie sehr christliche Intellektuelle zum (arabischen) Nationalismus bzw. zur arabischen Literatur beigetragen haben, und schließt mit einer kurzen Diskussion zum Thema "Engagement vor Ort oder Auswanderung".

Das Buch endet mit der Darstellung der gegenwärtigen Lage der Christen im Nahen Osten (Kapitel 5), die der Autor textuell, graphisch (in Form einer Karte, in der die Patriarchensitze verzeichnet sind,) und überblickshaft ausführt. Der Überblick (186-188) zeigt die Verteilung der Religionen (in Prozentangaben) in allen islamischen Ländern (inklusive Armenien und Israel) auf.

Die Schwäche dieser Monographie liegt auf der Hand. Letztlich kann man ein solch umfassendes Thema, wie die Geschichte und Gegenwart der Christen in der islamischen Welt, nicht auf 200 Seiten darstellen. Es bleiben zwangsläufig Lücken, die dem Autor selbstverständlich bewusst sind (11).

Zugleich aber ist eine konzise Darstellung auf 200 Seiten - ein besonderes Merkmal der beck'schen reihe - auch eine besondere Stärke des Buches. In einer gut verständlichen Sprache gelingt es Martin Tamcke die wichtigsten Entwicklungen in der islamischen Welt darzustellen und nachvollziehbar zu machen. Insbesondere die prägnante Darstellung der christlichen Völker im Orient (Kapitel 2) bildet einen guten Einstieg in die sehr komplexe Situation der christlichen Kirchen im Nahen Osten.

Insbesondere Kapitel 2 kann man als Lehrender sehr gut für Proseminare bzw. BA-Kurse zur islamischen Frühzeit nutzen, in der die Präsenz der Christen eine wichtige Rolle spielt. Zudem ist dieses Buch jedem Leser empfohlen, der sich mittels einer allgemeinen Einführung mit der Thematik der Christen in der islamischen Welt beschäftigen will.

Rezension über:

Martin Tamcke: Christen in der islamischen Welt. Von Mohammed bis zur Gegenwart (= Beck'sche Reihe; 1765), München: C.H.Beck 2008, 205 S., 12 Abb., 1 Karte, ISBN 978-3-406-56819-0, EUR 12,95

Rezension von:
Jens Scheiner
Freie Universität Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Jens Scheiner: Rezension von: Martin Tamcke: Christen in der islamischen Welt. Von Mohammed bis zur Gegenwart, München: C.H.Beck 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 1 [15.01.2009], URL: http://www.sehepunkte.de/2009/01/14877.html


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