Rezension über:

Michael V. Leggiere: The Fall of Napoleon. Volume 1: The Allied Invasion of France, 1813-1814 (= Cambridge Military Histories), Cambridge: Cambridge University Press 2008, xvii + 686 S., ISBN 978-0-521-87542-4, GBP 25,00
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Rezension von:
Andreas Fahrmeir
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Fahrmeir: Rezension von: Michael V. Leggiere: The Fall of Napoleon. Volume 1: The Allied Invasion of France, 1813-1814, Cambridge: Cambridge University Press 2008, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 12 [15.12.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/12/14450.html


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Michael V. Leggiere: The Fall of Napoleon

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Am Schluss der napoleonischen Kriege scheint meist alles ganz schnell gegangen zu sein. Die konventionelle Darstellung lautet in etwa wie folgt: Die Grande Armee scheiterte bei dem Versuch, Russland niederzuwerfen, und beging dabei zudem den strategischen Fehler, den Zaren durch die Zerstörung Moskaus zum unerbittlichen Feind zu machen. Das brachte die - ohnehin nur wider Willen am napoleonischen Projekt beteiligten - deutschen Verbündeten dazu, von Napoleon abzufallen und den "Befreiungskrieg" gegen die Besatzer auszurufen. Nachdem der Kaiser durch die Leipziger Niederlage geschwächt worden war, stand der militärische Sieg der Alliierten eigentlich fest. Denkt man nicht weiter nach, so könnte man versucht sein, das Intervall zwischen der "Völkerschlacht" im Oktober 1813 und dem Einzug der Alliierten in Paris im März 1814, also die fünf Monate zwischen der offenbar entscheidenden Niederlage Napoleons und seinem (ersten) Sturz, nur als Ausdruck der schwierigen Verkehrsverhältnisse zwischen Leipzig und Paris zu deuten.

Kürzlich hat Volker Sellin deutlich gemacht, dass diese Interpretation - was die politischen Vorgänge betraf - in die Irre gehen würde. [1] Angesichts der Spannungen im alliierten Lager habe es für Napoleon immer wieder Möglichkeiten gegeben, selbst nach den Niederlagen von Russland und Leipzig ernsthaft zu verhandeln, um seine Herrschaft über ein territorial reduziertes französisches Empire zu sichern; zudem sei das Ziel einer Restauration der Bourbonen erst spät vereinbart worden. Vor allem Metternich war nämlich daran gelegen, zu verhindern, dass eine französische Hegemonie in Kontinentaleuropa durch ein aus österreichischer Sicht ebenso unerquickliches russisches Übergewicht abgelöst wurde, und das erforderte ein durch ein starkes - eventuell weiterhin napoleonisches - Frankreich ermöglichtes europäisches Gleichgewicht.

Michael V. Leggieres Buch, der erste Band einer großen Militärgeschichte der endgültigen Niederlage Napoleons, beschäftigt sich nun mit der politischen und militärischen Dimension der Vorgänge zwischen der Niederlage Napoleons in Deutschland und seiner Niederlage in Frankreich, was zu einem noch weiter differenzierten Ergebnis führt. In diesem Band nimmt Leggiere die Erzählung ungefähr dort auf, wo sie in seinem letzten Band über den Krieg in Norddeutschland 1813 unterbrochen worden war. [2] Leggiere zeigt, dass die differierenden Ziele im Lager der Alliierten Napoleon nicht nur Spielräume für Verhandlungen geboten hätten (die dieser allerdings durch zu langes Zögern verspielte), sondern auch zu ernsthaftem Dissens darüber führten, ob man Frankreich angreifen solle, und, wenn ja, wann und wo ein solcher Angriff am günstigsten stattfinden könnte. Wollten die preußischen Draufgänger unter den alliierten Offizieren von Norden und Osten nach Frankreich eindringen, um Holland und Belgien rasch zu befreien, so sprach aus der Sicht der Österreicher viel dafür, zunächst einmal abzuwarten, wie lange die Festungen hinter der Front durchhalten würden, und zunächst durch einen Einmarsch im Süden, unter Missachtung der Schweizer Neutralität, Geländegewinne in Italien für Österreich vorzubereiten. Als Kompromiss kristallisierte sich schließlich ein Einmarsch über alle drei Routen heraus, mit dem Ziel, den Schwerpunkt der alliierten Streitkräfte auf der Hochebene von Langres für eine letzte Verhandlungsrunde oder den Angriff auf Paris zusammenzuziehen.

Auf französischer Seite schuf dies zunächst ein Dilemma: da nicht bekannt war, wo der alliierte Angriff erfolgen würde, mussten eine stark zusammengeschmolzene, schlecht ausgerüstete und bewaffnete, durch Seuchen geschwächte Armee versuchen, alle Grenzen des 'alten' Frankreichs zu sichern. Leggiere identifiziert zwei entscheidende Schwächen der napoleonischen Strategie. Die Meinung des Kaisers, sein angeschlagenes politisches System mache seine persönliche Präsenz in Paris notwendig, beraubte das Regime seines größten Trumpfs: des militärischen Genies Napoleons selbst. An seine Stelle traten lange Kommunikationswege zwischen den Fronten und einem Hauptquartier, das immer nur über ein schemenhaftes Bild der Lage verfügte. In dieser Situation rächte sich einerseits, dass Napoleon seine für den Einsatz verbliebenen Marschälle dazu erzogen hatte, seine Befehle möglichst widerspruchslos auszuführen, nicht aber dazu, eigenständige Entscheidungen von großer Tragweite zu treffen.

Die zweite Fehlentscheidung war, dass Napoleon aus innenpolitischen Rücksichten den wahren Ernst der Lage auch vor seinen Generälen geheim hielt. Indem er ihnen suggerierte, es gelinge bereits im Winter, in allen Teilen Frankreichs begeisterte Freiwillige auszuheben, einzukleiden und zu bewaffnen, legte er es den Befehlshabern vor Ort nahe, immer wieder die Entscheidung zu treffen, 'Land gegen Zeit' einzutauschen, d. h. Geländeverluste hinzunehmen, um sich dann mit den neuen Truppen auf den Gegenschlag vorbereiten zu können. Fatal war dabei einerseits, dass die neuen Truppen gar nicht kommen konnten: der französischen Armee fehlten Soldaten (die lieber in die Wälder flohen, als sich an einem weiteren Himmelfahrtskommando zu beteiligen), vor allem aber Waffen, die sich nicht hinreichend schnell produzieren ließen. Andererseits bedeutete jeder Geländeverlust - vor allem die Entscheidung, Holland, Belgien, das Elsass und Lothringen nicht intensiv zu verteidigen - zugleich, dass der Teil Frankreichs, aus dem Napoleon auf Rekruten und Steuern hoffen konnte, immer weiter zusammenschmolz. Hätten die napoleonischen Befehlshaber vor Ort eine klarere Sicht der Lage gehabt, und hätten sie die zahlreichen taktischen Fehler der insgesamt zögerlichen Alliierten ausgenutzt, so hätte das napoleonische Regime eine Chance gehabt, tatsächlich rechtzeitig neue Verbände aufzustellen und die Alliierten mit der Alternative zwischen Verhandlungen und Volkskrieg zu konfrontieren.

Leggiere hat in diesem Band eine souveräne Mischung aus politischer und strategischer Analyse sowie eine detaillierte Kriegsgeschichte vorgelegt, welche die Ereignisse zwischen Herbst 1813 und dem späten Januar 1814 verfolgt. Der Verlag hat den Band mit schönen Karten, Porträts der führenden Kommandanten, einem Dokumentenanhang und einem Register, aber (noch) keinem Literaturverzeichnis ausgestattet. Schade ist allein der relativ hohe Preis, denn Leggieres Geschichte von Hybris, Eigennutz, Strategiewechseln und Koordinationsproblemen - und deren Auswirkungen auf das Schicksal gewöhnlicher Soldaten hat einen breiten Leserkreis verdient. Auf den nächsten Band darf man sehr gespannt sein.


Anmerkungen:

[1] Volker Sellin: Die geraubte Revolution: Der Sturz Napoleons und die Restauration in Europa, Göttingen 2001.

[2] Michael Leggiere: Napoleon and Berlin: The Napoleonic Wars in Prussia, 1813, London 2002.

Andreas Fahrmeir