Rezension über:

Susanne Friedrich: Drehscheibe Regensburg. Das Informations- und Kommunikationssystem des Immerwährenden Reichstags um 1700 (= Colloquia Augustana; Bd. 23), Berlin: Akademie Verlag 2007, 656 S., ISBN 978-3-05-004204-6, EUR 59,80
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Rezension von:
Matthias Pohlig
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Ute Lotz-Heumann
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Pohlig: Rezension von: Susanne Friedrich: Drehscheibe Regensburg. Das Informations- und Kommunikationssystem des Immerwährenden Reichstags um 1700, Berlin: Akademie Verlag 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 9 [15.09.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/09/11664.html


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Drehscheibe Regensburg

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Warum wurde, ohne dass es darüber je einen Beschluss gab, aus dem nur unregelmäßig tagenden Reichstag im Jahr 1663 der "immerwährende" - eine verstetigte Ständeversammlung in der Form eines Gesandtenkongresses? Diese für die deutsche Geschichte der Frühen Neuzeit nicht gerade irrelevante Frage gehört überraschenderweise nicht zu den bestbearbeiteten. Das Verdikt der älteren Forschung, das Heilige Römische Reich habe sich spätestens nach 1648 in Quisquilien aufgerieben, traf auch den Reichstag; aus eher politischen als sachlichen Gründen hat die Forschung ihn lange fast ignoriert. In der letzten Generation jedoch hat eine Reihe von Arbeiten das Reich als Ganzes und auch den Reichstag als Institution massiv aufgewertet und seine Funktionsweisen verständlich gemacht.

Zeitgenossen wie Teile der jüngeren Forschung sahen die Permanenz des Reichstags v.a. in seiner Unfähigkeit begründet, Lösungen für die gravierendsten verfassungspolitischen Desiderate, die so genannten "negotia remissa" zu finden (das Problem der Präeminenz der Kurfürsten gegenüber den Fürsten, die Reichskriegsverfassung, eine permanente Wahlkapitulation, Probleme der Reichsexekution). Johannes Burkhardt hat dagegen pointiert die These vertreten, der Reichstag sei geradezu als Vorreiter der parlamentarischen Verstetigung zu interpretieren: Gerade die Nicht-Lösung der negotia sei der Schlüssel zum Erfolg gewesen: Hätte der Reichstag sie einer Lösung zugeführt, hätte er sich selbst die Legitimation entzogen - und dies, obwohl er sich für die politische Alltagsarbeit wie die Selbstdarstellung von Kaiser und Ständen als eminent bedeutsam erwiesen hatte. [1]

Dieser These ihres Doktorvaters Burkhardt stellt Susanne Friedrich in ihrer Dissertation eine andere These weniger gegenüber als an die Seite. Nach Friedrich erfüllte der Reichstag vor allem für die Reichsstände (und wohl auch für den in ihrem Buch weniger behandelten Kaiser) eine wichtige Funktion als Informations- und Kommunikationsbörse. Auch Friedrich fragt also nach den Gründen der Permanenz, und ihre Antwort, gleich zu Beginn des Buches, lautet: "Die Verstetigung des Reichstages war auch das Resultat des ständigen Kommunikations- und Informationsbedürfnisses der Stände, das vor dem Hintergrund der gesamteuropäischen Entwicklung des ständigen Gesandtenwesens eine völlig neue Dimension erhielt." (13). Der nächste Satz setzt einen etwas anderen Akzent: "Die Verstetigung der Institution 'Reichstag' brachte ein spezifisches Medien- und Kommunikationssystem zum Transfer politischer Information hervor" (13). Will die erste Aussage eine Kausalerklärung für die Verstetigung des Reichstags liefern, formuliert die zweite eine These über deren Konsequenzen - was natürlich nicht das Gleiche ist. Dies ist insofern nicht überraschend, als es offenbar unmöglich ist, aus den Quellen zu belegen, dass die Reichstagsteilnehmer diesem zwar eine politisch nur eingeschränkte Bedeutung zumaßen, ihn aber als Kommunikations- und Informationsinstanz hochschätzten. Man kann nur plausibel machen, dass die Informationsbörse Reichstag für die Stände so wichtig wurde, dass ihr Interesse an der Permanenz stetig stieg. Genau diese Plausibilisierung gelingt Friedrich in ihrem umfassenden und umfangreichen Buch.

Am Reichstag erfuhren die Stände, was der Kaiser vorhatte und was die anderen Stände planten. Sie informierten sich über die Politik der europäischen Mächte, betrieben aber auch selbst Informationspolitik. Information war im Kontext des Reichstags eine Waffe, und sie diente zur Selbstdarstellung. Es war zunehmend wichtig, was man wusste und was man nicht wusste; der Aufbau von Vertrauen spielte eine bedeutende Rolle für die Gewinnung von Informationen; man musste oft aber auch Geld einsetzen, um an Nachrichten zu gelangen. Alle verfügbaren Medien (vom Brief bis zur Zeitung), Informationsbeschaffungsarten (von der Audienz bis zur Spionage) und Transportwege (von der Post bis zum Kurier) wurden genutzt. Der Reichstag wurde so zu einem Umschlagplatz für politische und auch höfische Informationen aller Art.

Friedrichs Untersuchungszeitraum ist die Zeit zwischen 1683 und 1713. Diese Phase zwischen dem Regensburger Stillstand und dem Frieden von Utrecht war zwar für Teile des Reichs durchaus turbulent, aber keine Periode erhöhter Aktivität des meist nur reaktiv handelnden Reichstags. Friedrich zeigt aber, dass der Reichstag gerade als Informationsbörse wichtig wurde und blieb; gerade hier nutzten die Stände die sich in den Jahrzehnten um 1700 medial verbreiternde Öffentlichkeit in umfassender Weise. Die Beispielfälle, die Friedrich ausgewählt hat, sind drei Stände unterschiedlicher Größe, Bedeutung und konfessioneller Zugehörigkeit: Das Kurfürstentum Bayern, die Markgrafschaft Ansbach und die Reichsstadt Augsburg. Die Beispiele dienen dazu, allgemeine Strukturen zu exemplifizieren (dies ist schon wegen der Quellenmasse notwendig) und in einigen Fallstudien (in Kapitel V.) die spezifische Nutzung der Informationsbörse Reichstag für die ausgewählten Stände zu beschreiben. Schade ist, dass Friedrich nicht auch ein norddeutsches Territorium behandelt, um die vielfach diskutierte Kaiser- und Reichsferne des Reichsnordens am Problem der Informationspolitik durchzuspielen.

Nach der Einleitung und einem sehr detailliert in verschiedene Forschungskontexte (europäische Diplomatie, Öffentlichkeit und Geheimnis etc.) einführenden Abschnitt folgt eine Darstellung der Regensburger Faktoren, die den Informationsfluss prägten, sowie ein Überblick über die Kompetenzen des Reichstags und seiner verschiedenen Teile. Auch Reichstagsverfahren und -zeremoniell werden hier eingehend dargestellt (III.). Der vierte Teil beschreibt das institutionell-formelle wie das informelle Informations- und Kommunikationssystem des Reichstags und seiner Gesandten, befasst sich also mit der Beschaffung und Weitergabe von Informationen. Hier wie anderswo stellt Friedrich unter anderem das am Reichstag produzierte Schriftgut und seine Nutzung vor: so die Reichsdiktatur (d.h. die durch Diktat verbreiteten offiziellen Mitteilungen der Mainzer Kanzlei des Erzkanzlers), amtliche Schreiben, Protokolle, Berichte etc. Über weite Strecken liest sich dieser Teil (und auch andere) wie eine medienhistorische Reformulierung des Reichstagsverfahrens oder auch wie eine Art Quellenkunde des Reichstags. Das ist nützlich, aber wenig fesselnd; für die zukünftige Forschung steht zu vermuten, dass es interessanter sein könnte, sich eine Informationsinfrastruktur statt im Umkreis einer Institution eher am Beispiel eines Ereignisses oder einer Person anzusehen, um diesem Problem zu entgehen.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, wie die als Beispiele ausgewählten Stände die Informationsbörse Regensburg nutzten. Deutlich wird dabei, dass die Gesandten als "Informationsmittler" (345) für ihre Dienstherren fungierten und für diese Informationen nach Neuheit oder Relevanz auswählten. Detailliert zeigt Friedrich, wie die Gesandten Informationen aus handschriftlichen Zeitungen oder Flugschriften sammelten (dabei kam den Regensburger Buchführern eine wichtige Multiplikatoren-Rolle zu), diese zum Teil weiterschickten oder auch selbst Informationen in der Presse lancierten. Das sechste Kapitel beschreibt, in welchen Medien öffentlich über den Reichstag berichtet wurde. Wenn auch etwa in den deutschen Zeitungen um 1700 "Regensburg [...] keiner der häufig erwähnten Berichtorte" (447) war, konnte sich das lesende Publikum über die Presse, über historisch-politische Zeitschriften, Akteneditionen wie Londorp und Lünig, Messrelationen und Chroniken (wie das Theatrum Europaeum) relativ gut über die Regensburger Abläufe informieren.

Insgesamt ist Friedrich ein überzeugendes Buch auf der Basis sehr umfassender Quellen- und Literaturkenntnisse gelungen. Ihre Untersuchung zeigt in erschöpfender Weise auf, in welcher Weise der Reichstag und seine Glieder kommunizierten und sich informierten, wie sie Informationen weitergaben und wie über den Reichstag berichtet wurde. Die Ausgangsüberlegung - dass nämlich die Permanenz des Reichstags auch mit seiner Nützlichkeit als Umschlagplatz für Informationen zusammenhängt - erweist sich als höchst plausibel. Allerdings ist diese These nicht spezifisch genug, um die Stoffmassen klar zu strukturieren, und leider ist das Buch, über die Generalthese hinaus, nicht sehr thesenstark. Daher präsentiert Friedrich ihre Befunde zuweilen zu additiv und mit zu wenig Mut zur Pointierung. Dies ist schade, weil sie so die Anregungskraft ihrer wichtigen Untersuchung für die zukünftige Forschung einschränkt.


Anmerkung:

[1] Vgl. Johannes Burkhardt: Verfassungsprofil und Leistungsbilanz des Immerwährenden Reichstags. Zur Evaluierung einer frühmodernen Institution, in: Reichsständische Libertät und habsburgisches Kaisertum, hrsg. v. Heinz Duchhardt/Matthias Schnettger, Mainz 1999, 151-183; ders., Europäischer Nachzügler oder institutioneller Vorreiter? Plädoyer für einen neuen Entwicklungsdiskurs zur konstruktiven Doppelstaatlichkeit des frühmodernen Reiches, in: Imperium Romanum - irregulare corpus - Teutscher Reichs-Staat. Das Alte Reich im Verständnis der Zeitgenossen und der Historiografie, hrsg. v. Matthias Schnettger, Mainz 2002, 297-316.

Matthias Pohlig