Rezension über:

Gyburg Radke: Die Kindheit des Mythos. Die Erfindung der Literaturgeschichte in der Antike, München: C.H.Beck 2007, XII + 366 S., ISBN 978-3-406-56333-1, EUR 34,90
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Rezension von:
Annemarie Ambühl
Groningen
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Annemarie Ambühl: Rezension von: Gyburg Radke: Die Kindheit des Mythos. Die Erfindung der Literaturgeschichte in der Antike, München: C.H.Beck 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 7/8 [15.07.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/07/13890.html


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Die Kindheit des Mythos

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Das Ziel dieses Buches ist nichts weniger als eine doppelte Revolution: Es will die hellenistische Dichtung vom Image einer musealen "Post-Kunst" (65-67) befreien und sie als erste moderne Literatur erweisen; zugleich soll durch einen neuen Ansatz die Klassische Philologie aus ihrer "Isolation" (20) innerhalb der gegenwärtigen Forschungslandschaft geholt und zum Dialog mit den neueren Literaturwissenschaften angeregt werden.

Gegenstand der Studie sind die Werke der Avantgardedichter Kallimachos, Theokrit und Apollonios, die im dritten Jahrhundert v. Chr. in der hellenistischen Metropole Alexandria die Geburt einer neuen Poesie verkündeten. Radke stellt die These auf, dass diese Texte die "Kindheit des Mythos" als Anfang der Literaturgeschichte inszenierten, indem die Dichter in einem Rückgriff hinter die Tradition auf mythische, vor-literarische Schwellenzeiten, etwa die Zeit vor der Etablierung der Zeusherrschaft oder die Kindheit und Jugend bekannter Figuren des Mythos und der Literatur, früher ansetzten als Homer und damit ihre Priorität behaupteten. [1]

Die ersten vier Kapitel legen die theoretischen Grundlagen der Untersuchung. Anhand einer Evaluation der Renaissance des Mythos in der Literaturkritik der Gegenwart, einer kritischen Revision der Definitionen und Bewertungen des Hellenismus in der modernen Literaturgeschichtsschreibung seit der Frühromantik sowie der Problematisierung von Droysens Epochenbegriff wird eine Annäherung an die Theorie und Praxis der hellenistischen Dichtung und ihren innovativen Umgang mit der Literatur der Vergangenheit unternommen. Der Entwurf einer abgeschlossenen Vergangenheit als Ausgangspunkt für einen radikalen Neuanfang kristallisiere sich insbesondere in den hellenistischen Grabepigrammen auf tote Dichter heraus, in denen Dichtergestalten wie Anakreon oder Hipponax zu Chiffren für bestimmte Gattungen geworden seien (Kapitel 3).

Die Autorin argumentiert durchgehend auf einem hohen Reflexions- und Abstraktionsniveau. Der Leser muss denn auch lange auf die Einlösung des im Vorwort gemachten Versprechens warten, dass nebst der Theorie auch Geschichten erzählt werden sollen, um ein anschauliches Bild von der hellenistischen Dichtung zu vermitteln. Solche Geschichten werden dann in den Kapiteln fünf bis neun anhand der Interpretation von ausgewählten Texten der drei alexandrinischen Dichter vorgestellt und analysiert. Die betrachteten Texte sind unter dem Oberbegriff "Hymnisches Projekt" zusammengefasst (Kapitel 8), das sowohl die Ausweitung hymnischer Elemente in andere Gattungen als auch den hymnischen Gestus des Herrscherlobs in den Hofgedichten umschreibt. So werden unter anderem die jugendlichen Argonauten und ihre Gegenbilder Prometheus und Herakles in den Argonautika des Apollonios von Rhodos, Theokrits verjüngter Kyklop, die Geburt und Kindheit der Götter Zeus, Apollon und Artemis in den Hymnen des Kallimachos (insbesondere im paradigmatischen Delos-Hymnus), das Personal der Herrscherenkomien und schließlich das wie ein Kind dichtende Autor-Ich im Aitienprolog des Kallimachos unter dem oben umschriebenen Aspekt der "Kindheit des Mythos" im Sinne der Begründung einer neuen Poetik untersucht.

Radkes Studie baut auf Vorarbeiten zur poetologischen Deutung des Kindheitsmotivs in der hellenistischen Dichtung auf und bezieht Resultate der neueren Hellenismusforschung, etwa zur Hofdichtung oder dem ägyptischen Umfeld, durchaus mit ein (siehe die ausführliche Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur in den Anmerkungen, mit zusätzlichen Titeln neben den in der Bibliographie zitierten), sucht diese hingegen durch den Anspruch auf eine Synthese auf übergeordneter Ebene zu überwinden. Ihre Abwendung von den vielbegangenen Pfaden impliziert keineswegs eine Vernachlässigung des historischen und politischen Umfeldes als Rückkehr zu der überholten Vorstellung von der hellenistischen Poesie als l'art pour l'art im Elfenbeinturm, sie kehrt jedoch die Prioritäten um: Nicht die Literatur stehe im Dienste der Herrscher (sei es im Sinne von Affirmation oder Kritik), sondern die Herrscherbilder würden von den Dichtern kreativ für ihre neue Poesie eingesetzt.

Generell plädiert Radke dezidiert für die Autonomie der Dichtung im ästhetischen Sinn und für eine literaturwissenschaftliche Methode, welche die Konstruktionen und Selbstinszenierungen der hellenistischen Dichter ernst nehme, ohne sie durch die Einbettung in Traditionslinien relativieren zu wollen. Von daher erklärt sich auch ihre Kritik an der Praxis der Intertextualitätsforschung, falls durch den Fokus auf Anspielungen auf ältere Texte der Neuheitsanspruch der hellenistischen Poesie nivelliert werde (102-108). Literaturgeschichte sei nicht von Literaturgeschichtsschreibung zu trennen; nicht die Rekonstruktion der aus einer Fülle von Einzelphänomenen bestehenden hellenistischen Literatur, sondern die literaturgeschichtlichen Konstrukte der hellenistischen Dichter müssten selbst zum Forschungsgegenstand werden. Der Epochenbegriff des Hellenismus wird neu definiert als der Neuentwurf einer Literatur der Gegenwart in Absetzung von einer als Klassik konstruierten absoluten Vergangenheit - eine literarische Strategie mit Nachwirkungen bis in die Moderne. Radke deutet zugleich die weitreichenden Konsequenzen ihrer These für die Literaturgeschichtsschreibung der frühgriechischen und klassischen Literatur an, die nur durch die Brechung des Hellenismus auf uns gekommen sei.

Die von Radke wiederholt konstatierten direkten Affinitäten zwischen Hellenismus und Moderne sind allerdings insofern problematisch, als diese nicht zwingend den Charakter der alexandrinischen Ästhetik als "erste abendländische Romantik und moderne Antimoderne, die mit vielen 'theoretischen Wassern' auch unserer postmodernen Moderne gewaschen ist" belegen (24), sondern auch im umgekehrten Sinn als Indizien für den prägenden Einfluss romantischer Theorien auf die modernen Interpretationen der hellenistischen Dichtung gelesen werden können. Zudem könnte man bisweilen den Eindruck gewinnen, dass Radke in ihrer Argumentationsstruktur selbst die von ihr identifizierten Strategien der hellenistischen Dichter übernimmt, um ihre These mittels der polemischen Absetzung von einer Konstruktion des Alten (sprich: der traditionellen Literaturgeschichtsschreibung) als kategorial neu zu präsentieren. Ebenso stellt sich die Frage, ob ihre Textauswahl angesichts der Vielfalt von Autoren und Gattungen repräsentativ genug ist, um auf dieser Basis das alles bestimmende Charakteristikum der hellenistischen Dichtung identifizieren zu können. Auch diesen Kritikpunkt hat die Autorin jedoch nebst anderen potentiellen Einwänden in ihren methodologischen Überlegungen bereits vorweggenommen (286-288).

Es bleibt zu wünschen, dass dieses anspruchsvolle Buch viele Leser sowohl in altertumswissenschaftlichen als auch in neuphilologisch und kulturhistorisch interessierten Kreisen finden wird, die bereit sind, sich auf das Abenteuer der Lektüre einzulassen und die Einladung zur Diskussion der vorgelegten Thesen anzunehmen. In jedem Fall ist es der Autorin gelungen, einen frischen methodischen Blick auf die noch stets von manchen Vorurteilen geprägte hellenistische Dichtung zu werfen und die Faszination dieser Texte gerade auch für ein modernes Lesepublikum lebendig werden zu lassen.

Anmerkung:

[1] Die Autorin Gyburg Uhlmann (geb. Radke) ist seit Herbst 2007 Inhaberin des Lehrstuhls für Klassische Philologie mit dem Schwerpunkt Gräzistik an der Freien Universität Berlin.

Annemarie Ambühl