Rezension über:

James Falkner: Marlborough's Wars. Eyewitness Accounts 1702 - 1713, Barnsley: Pen & Sword Military 2005, 239 S., ISBN 978-1-84415-170-7, GBP 19,99
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Rezension von:
Thomas Weißbrich
SFB 496, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Weißbrich: Rezension von: James Falkner: Marlborough's Wars. Eyewitness Accounts 1702 - 1713, Barnsley: Pen & Sword Military 2005, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 7/8 [15.07.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/07/12001.html


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James Falkner: Marlborough's Wars

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In der Schlacht von Ramillies im Jahr 1706 versucht der Marquis de Maffei verzweifelt mit seinen französischen Truppen eine Stellung gegen die anrückenden Feinde zu halten. Da bemerkt er eine Gruppe von Reitern, die nur wenige hundert Meter entfernt von ihm stehen. Maffei reitet auf sie zu, um ihnen Befehle für die Verteidigung zu geben. Plötzlich umzingeln ihn die Kavalleristen. Erst jetzt erkennt der Marquis, dass sie grüne Kokarden an ihren Dreispitzen tragen, das Kennzeichen der gegnerischen Partei. Die Engländer nehmen ihn sofort gefangen.

Nachzulesen ist diese vom Marquis selbst geschilderte Episode in der Sammlung von Augenzeugenberichten aus dem Spanischen Erbfolgekrieg, die der englische Militärhistoriker James Falkner herausgegeben hat (106f.). Eindrucksvoll lässt sich an diesem Vorfall belegen, wie schwierig es in den scheinbar so übersichtlich ablaufenden Schlachten des frühen 18. Jahrhunderts bisweilen auch für erfahrene Militärs war, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden.

Von je her bilden Augenzeugen- und Erfahrungsberichte für die Militärgeschichte eine bedeutsame Quellengruppe. Dass nun erstmals eine Sammlung solcher Berichte aus dem Spanischen Erbfolgekrieg vorliegt, ist daher sehr zu begrüßen. Mit diesem Konflikt, in dem ein Bündnis aus England, dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und den Generalstaaten antritt, die drohende französische Hegemonie zu verhindern, hat sich bislang vor allem die angelsächsische Geschichtswissenschaft beschäftigt. Neben den grundlegenden militärhistorischen Studien von David Chandler ist James Falkner bereits durch eine Reihe von Arbeiten auf diesem Gebiet hervorgetreten. In Deutschland sorgte im Jahre 2004 eine Ausstellung für größere Aufmerksamkeit, die zum dreihundertsten Jahrestag der Schlacht von Höchstädt stattfand. [1]

Falkner arrangiert Augenzeugenberichte, angereichert und erschlossen mit Hintergrundinformationen, zu einer anschaulichen chronologischen Darstellung des Kriegs von seinem Ausbruch im Jahre 1702 bis zu den Friedensschlüssen von Utrecht 1713 und Rastatt 1714. Dabei kann er auf eine erstaunliche Fülle von Quellen aus und über diese Zeit zurückgreifen: Herangezogen werden hauptsächlich militärische Korrespondenzen und Memoiren von Beteiligten, ferner auch offizielle Publikationen und Artikel aus zeitgenössischen Zeitungen und Zeitschriften. Verheißungsvoll ist dabei das breite Spektrum der Verfasser, die im zweiten Kapitel biografisch skizziert werden. Zu ihnen zählen nicht nur, wie zu erwarten, bekannte Generäle und Offiziere, etwa der Duke of Marlborough. Es finden sich auch Dokumente einfacher Soldaten, beispielsweise die Aufzeichnungen von John Deane, der als Wache beim Regiment First Foot Guards dient, oder von der Soldatin und Marketenderin Mrs. Christian Davies, die an sämtlichen Feldzügen Marlboroughs teilnimmt. Außer Quellen von alliierter Seite bezieht Falkner zudem noch französische Berichte ein, wie die des Comte de Mérode-Westerloo und die Tagebücher des Herzogs von Saint-Simon.

Im Zentrum der folgenden neun Kapitel steht jeweils das Kriegsgeschehen: Die Schlachten von Höchstädt / Blenheim, Ramillies, Oudenaarde und Malplaquet sowie die Belagerungen von Lille und Tournai. Großen Raum nehmen die Darstellungen zur Strategie und Taktik der Feldherren und zum Verlauf der Feldzüge und Schlachten ein. Ergiebig ist hierbei Falkners Verfahren, die Vorgänge aus verschiedenen Blickrichtungen zu erfassen. So stehen beispielsweise die Schilderungen der beutemachenden Sieger den Berichten der Verlierer gegenüber, die Hals über Kopf die Flucht ergreifen (140f.). Nicht verschwiegen werden die Schrecken des Krieges, die furchtbaren Gemetzel beim Erstürmen von Stellungen, die Verletzungen von Kanonen- und Gewehrkugeln (z.B. 116), die zerrissenen Leiber und gesplitterten Schädel (z.B. 171f.).

Neben Schlachtbeschreibungen enthält das Buch auch einige Passagen, die über die Praxis der Kriegführung hinaus Auskünfte zum Alltag der Soldaten im frühen 18. Jahrhundert geben. Beleuchtet werden beispielsweise die körperliche Erschöpfung nach langen Märschen (22) oder die oft mangelhafte Verpflegung (81). An anderer Stelle erläutert der Offizier Jean-Martin de la Colonie die Probleme, die ihm sein Regiment bereitet. Es besteht nämlich aus Deserteuren und Straftätern, die sich durch Kriegsdienst dem Gericht entzogen (42f.).

Eine Stärke des Buches ist es, die vielen verschiedenen zeitgenössischen Berichte zum Spanischen Erbfolgekrieg zu sammeln und in einen Zusammenhang zu setzten. Zu bemerken ist jedoch, dass diese Quellen der Forschung bekannt sind und teilweise auch in neueren Editionen vorliegen. Dass Falkner sich weitgehend auf englische Quellen stützt, ist aufgrund der Forschungssituation nicht verwunderlich. Auffallend wirkt jedoch die Häufigkeit von Zitaten aus Marlboroughs Korrespondenz. Relativ wenige Berichte stammen von Englands Partnern in der Großen Allianz, und solche im Original französischen, niederländischen oder deutschen Texte werden lediglich in englischer Übersetzung geboten. Interessant gewesen wären beispielsweise die Briefe des Prinzen Eugen von Savoyen, der als Befehlshaber der kaiserlichen Armee eng mit Marlborough zusammenarbeitete. Hierdurch hätte die englische Sichtweise mit alliierten Aspekten ergänzt werden können.

Die von Falkner vorgenommene orthografische Modernisierung verbessert deutlich die Zugänglichkeit der Texte, wobei diese Überarbeitung der ursprünglich grammatisch nicht streng reglementierten Schreibweise die wissenschaftliche Brauchbarkeit der Quellen empfindlich einschränkt. Bedauerlicherweise verzichtet Falkner auf Stellennachweise der einzelnen Zitate. Möchte der Leser eine Stelle im Original oder in der zugrunde liegenden Edition nachschlagen, muss er sie darin also selbst suchen. In manchen Fällen lässt sich die Herkunft des Zitats jedoch auch anhand der Bibliografie, die auch weiterführende Sekundärliteratur verzeichnet, nicht eindeutig klären. Die Recherche von Personen und Orten innerhalb des Buches ist mithilfe des ausführlichen Registers hingegen problemlos möglich.

In der Konzeption der Kapitel und bei der Auswahl der Textstellen bleibt das Buch der klassischen Kriegsgeschichtsschreibung verpflichtet: Die Zitate konzentrieren sich auf die Praxis der Kriegsführung. Das führt zwangsläufig zu gewissen Wiederholungen, da frühneuzeitliche Schlachten prinzipiell nach dem gleichen Schema abliefen und sich auch die Autoren bei ihren Beschreibungen immer bestimmter sprachlicher Muster bedienen. Einige ausgewählte Passagen laufen zudem Gefahr, sich in militärischen Details zu verlieren.

Ein bisweilen kritischer Umgang mit den Quellen wäre angesichts der aktuellen Forschungen zur Augenzeugenschaft, wie sie etwa von Peter Burke stammen, wünschenswert gewesen. Insbesondere Memoiren bieten schließlich keinen unmittelbaren Zugang zu den zurückliegenden Vorgängen, sondern sind in hohem Maße gefiltert und literarisch geformt. Die Differenzierung der verschiedenen Quellentypen und der mit ihnen verbundenen Darstellungsweise wäre hilfreich gewesen.

Falkners Sammlung von Augenzeugenberichten zum Spanischen Erbfolgekrieg bietet eine willkommene Ergänzung zu den bislang vorliegenden militärhistorischen Studien. Die Schilderungen der Kriegsteilnehmer, ihre Beobachtungen und Aussagen tragen wesentlich zum Verständnis frühneuzeitlicher Kriegführung bei. Verknüpfen lassen sich diese Berichte auch mit kulturgeschichtlich orientierten Fragestellungen zu Selbstzeugnissen, zur Erfahrungsgeschichte und Erinnerungskultur. In diesem Sinne können auch hier die Worte Marlboroughs gelten: "All is well, but much is yet to be done." (86)


Anmerkung:

[1] Michael Kaiser: Rezension von: Johannes Erichsen / Katharina Heinemann (Hgg.): Brennpunkt Europas 1704. Die Schlacht von Höchstädt / The Battle of Blenheim, Stuttgart: Thorbecke 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [10.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/09/6992.html.

Thomas Weißbrich