sehepunkte 8 (2008), Nr. 4

Hansjörg Küster: Die Elbe

"Elbe bedeutet ursprünglich einfach Fluss." Mit dieser schlichten aber prägnanten Feststellung beginnt Hansjörg Küster, Professor für Pflanzenökologie an der Universität Hannover, sein Buch über den 1165 km langen Strom, der im Riesengebirge, im tschechisch-polnischen Grenzgebiet, entspringt: Der kleine Bach weist ein großes Gefälle auf und schwillt rasch zu einem Fluss an. Über Böhmen geht es nach Sachsen, vorbei am Schreckenstein und an der Bastei, an Dresden, Meißen und Wittenberg. Berühmte Parklandschaften säumen das Ufer sowohl in Sachsen wie in Sachsen-Anhalt. An der Altmark vorbei geht es dann weiter durch das Wendland. Nachdem die Elbe schließlich Hamburg passiert hat, geht sie in die Nordsee über - wo genau, lässt sich kaum sagen. Außerdem werden die größten Nebenflüsse ebenfalls vorgestellt: Insbesondere die Moldau, die Eger, die Saale mit der Unstrut und die Havel mit der Spree.

Insbesondere die naturräumlichen Begebenheiten und die Entstehung und Veränderungen der Landschaften entlang des Flusses werden in den Blick genommen. Kurz und knapp werden prägnante Bauwerke und Sehenswürdigkeiten erwähnt. Auch werden Anmerkungen zur Geschichte beispielsweise der Porzellanherstellung in Meißen (93f.) oder des Wörlitzer Parks (115-122) gemacht oder Bismarcks Tätigkeit als Deichhauptmannn von Schönhausen (183-188) geschildert. Der spätere Reichskanzler befürchtete im kalten Winter 1846/47 einen Eisgang, wovon er seiner späteren Frau Johanna von Puttkammer detailliert berichtete. An einer anderen Stelle (110) wird das Foto des Handschlags zwischen amerikanischen und sowjetischen Soldaten auf der Torgauer Elbbrücke abgebildet, welches das Ende des Zweiten Weltkriegs symbolisiert.

Es sind jedoch nicht diese historisch-militärisch-politischen Entwicklungen und Ereignisse, die für den Autor die höchste Priorität haben. Es geht ihm um die Geschichte der Landschaft als Produkt vieler natürlicher Faktoren und zahlreicher vom Menschen ausgehenden Veränderungen. Deswegen stehen nicht nur Städte und Baudenkmäler im Mittelpunkt: Es geht vielmehr auch um Schleusen, Veränderungen von Flussläufen, Häfen und Mühlwehre. Der Leser fühlt sich als Teilnehmer einer Exkursion oder Erlebnisreise, da Küster von den konkreten Beobachtungen ausgeht, die er zumeist mit eindrucksvollen Fotos zu illustrieren weiß. Man kann das Buch geradezu als Reisebegleiter empfehlen, da kurz und präzise die wichtigsten Orte vorgestellt werden, die man aufsuchen sollte. Auch die bedeutendsten Begebenheiten und Ereignisse finden sich bei Küster. Die geografische Orientierung findet man im Einband: Eine Karte des gesamten Elbverlaufes und seiner Nebenflüsse.

Bemerkungen zu Bauten oder Städten sind besonders gelungen, wenn sie mit dem Fluss zusammenhängen, so etwa zum ältesten Haus von Pardobitz (30), an dessen Hausfront Jonas und der Walfisch abgebildet sind. Als Vorbild für die tosenden Fluten vermutet der Autor ein Elbhochwasser. Auch kann vieles, was der Autor anmerkt, als erste Orientierung dienen, gerade für den Leser der mit den Landschaften und geographischen Zusammenhängen in den neuen Bundesländern und in der ehemaligen Tschechoslowakei nicht sehr vertraut ist. So wie bei ähnlichen Büchern aus der Feder Küsters etwa zur Ostsee werden hier keine streng wissenschaftlichen Ansprüche gehegt (Anmerkungen und Nachweise fehlen). [1] Vielmehr werden Grundkenntnisse vermittelt, die zu einem geografischen Allgemeinwissen über eine wichtige mitteleuropäische Kulturlandschaft beitragen. Das Buch ist leicht zu lesen, flüssig in kurzen Sätzen geschrieben. Man kann das Buch als "Erdkundebuch" im besten Sinne des Wortes bezeichnen.

Mit den Stärken des Buches sind aber zugleich seine Schwächen verbunden: Es werden viele Aspekte angerissen; für ausführlichere Erläuterungen ist kein Platz. Küster führt für viele Begebenheiten Begründungen und Zusammenhänge an; sie sind jedoch oft monokausal und undifferenziert. Auf kurzem Raum springt man zwischen den Jahrhunderten und verschiedensten Ereignissen hin und her. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass eine wissenschaftliche Analyse oder eine Auseinandersetzung mit Details nicht Sinn und Zweck des Buches sind und sein können. Das Buch bietet einen ersten Überblick. Naturräumliche Gegebenheiten, erdgeschichtliche Entwicklungen werden mit historischen und politischen Zusammenhängen zu einem mitunter spannenden Porträt der verschiedenen Elblandschaften Mitteleuropas verbunden, das für den historisch und geographisch interessierten Leser Gewinn verspricht. Wer sich allerdings für speziellere Aspekte, etwa die Entstehungsbedingungen verschiedener Elbhochwasser und ihre Bekämpfung interessiert, wird zwar einen ersten Eindruck bekommen, aber doch Einzelstudien heranziehen müssen. [2]


Anmerkungen:

[1] Martin Krieger: Rezension von: Hansjörg Küster: Die Ostsee. Eine Natur- und Kulturgeschichte, München 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 7/8 [15.07.2003], URL: http://www.sehepunkte.de/2003/07/1649.html oder Verena Winiwarter: Rezension von: Hansjörg Küster: Das ist Ökologie. Die biologischen Grundlagen unserer Existenz, München 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 7/8 [15.07.2006], URL: http://www.sehepunkte.de/2006/07/8544.html

[2] Etwa Guido N. Poliwoda: Aus Katastrophen lernen. Sachsen im Kampf gegen die Fluten der Elbe 1784 bis 1845, Köln 2007.

Rezension über:

Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte, München: C.H.Beck 2007, 336 S., 102 Abb., ISBN 978-3-406-56209-9, EUR 24,90

Rezension von:
Anselm Tiggemann
Landtag Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Empfohlene Zitierweise:
Anselm Tiggemann: Rezension von: Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte, München: C.H.Beck 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de/2008/04/13283.html


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