Rezension über:

Kathleen James-Chakraborty (ed.): Bauhaus Culture. From Weimar to the Cold War, Minneapolis / London: University of Minnesota Press 2006, 246 S., ISBN 978-0-8166-4688-3, USD 25,00
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Rezension von:
Martino Stierli
Universität Basel
Redaktionelle Betreuung:
Carsten Ruhl
Empfohlene Zitierweise:
Martino Stierli: Rezension von: Kathleen James-Chakraborty (ed.): Bauhaus Culture. From Weimar to the Cold War, Minneapolis / London: University of Minnesota Press 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 4 [15.04.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/04/13840.html


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Kathleen James-Chakraborty (ed.): Bauhaus Culture

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Keine andere Institution hat in der relativ kurzen Geschichte ihrer Existenz die Ästhetik und Kunstpädagogik der Moderne dermaßen nachhaltig geprägt wie das Bauhaus. Insofern erscheint es berechtigt, mit Kathleen James-Chakraborty, der Herausgeberin des vorliegenden Bandes, von einer eigentlichen "Bauhaus-Kultur" zu sprechen. Der Anspruch dieser Aufsatzsammlung mit Beiträgen überwiegend amerikanischer Autorinnen und Autoren ist es, in neun Kapiteln das gesamte historische Spektrum des Phänomens Bauhaus von seiner Vorgeschichte bis zu seiner Nachwirkung im Kalten Krieg zu diskutieren. Die thematischen Schwerpunkte des Bandes liegen bei einer Diskussion des Einflusses von Industrialisierung und Rationalisierung auf die moderne Kunst- und Kunstgewerbeproduktion, beim Verhältnis des Bauhauses zur Konsumkultur der Weimarer Republik, bei den Verstrickungen der Exponenten des Bauhauses in die Politik Nazideutschlands sowie bei seiner Rezeption in den Vereinigten Staaten und im Deutschland der Nachkriegszeit. Die Auflistung macht deutlich, dass es James-Chakraborty, die neben der Einleitung auch für zwei der neun Essays als Autorin verantwortlich zeichnet, weniger um einen spezifischen Aspekt des Kontinents namens Bauhaus geht, als vielmehr darum, Geschichte, Soziologie und Wirkung dieser experimentellen Kunstschule breit abzustecken.

Obschon das Bauhaus seit mehr als sieben Jahrzehnten der Geschichte angehört, erfreut es sich als Gegenstand wissenschaftlicher Beschäftigung nach wie vor großer Beliebtheit. Die eminente historische Bedeutung des Bauhauses für die Moderne, aber auch die Versuche einer Vereinnahmung für spezifische politische Zwecke nicht zuletzt durch die Protagonisten und ehemaligen Studenten des Bauhauses selbst haben dazu beigetragen, dass sich zahlreiche Mythen hierum ranken. Gropius' von Harvard aus geführter Propagandafeldzug etwa, der die Geschichte des Bauhauses seit der wichtigen, im vorliegenden Band nur am Rande erwähnten Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art (1938) mitunter opportunistisch revidierte, stilisierte die Schule ex post als Trutzburg demokratischer Werte. Bekanntermaßen wurden die expressionistischen Anfänge des Bauhauses hierbei ebenso unter den Teppich gekehrt wie die von Hannes Meyer und Mies van der Rohe geprägte Spätphase der Schule. Das erklärte Ziel der Herausgeberin ist es, mit einigen dieser Verzerrungen aufzuräumen. Vor dem Hintergrund der zahllosen relevanten Publikationen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erscheint dieses Vorhaben ambitioniert. In der Tat ist vieles von dem, was die acht Autoren in ihren Beiträgen ausführen, zumindest einem deutschsprachigen Lesepublikum bereits aus früheren Forschungsarbeiten bekannt. Auf der einen Seite umfasst "Bauhaus Culture" sieben Aufsätze, die eigens aus Anlass der vorliegenden Publikation verfasst wurden. Während einige davon sich damit begnügen, den aktuellen Forschungsstand zu resümieren und allenfalls durch eigene Fragestellungen zu erweitern, fußen andere auf selbstständigen Archivrecherchen, deren Resultate hier ein erstes Mal vorgestellt werden. Zu den beiden bereits in anderem Zusammenhang publizierten Beiträgen zählt insbesondere eine Übersetzung von Winfried Nerdingers richtungweisendem Essay "Bauhaus-Architekten im Dritten Reich" aus dem Jahr 1993. [1] Es ist nicht nur das Verdienst James-Chakrabortys, diesen Text erstmals einem englischsprachigen Publikum zugänglich zu machen. Er wird darüber hinaus in den Kontext einer größeren Erzählung zum Bauhaus gestellt.

Zwei Beiträge zur Vorgeschichte des Bauhauses bilden den Auftakt der insgesamt kohärenten Aufsatzsammlung. Während sich John V. Maciuika in seinem einleitenden Beitrag weitgehend auf bekanntem Terrain bewegt, indem er die deutsche Kunstgewerbereform um 1900 mit Protagonisten wie Hermann Muthesius oder Peter Behrens als zentrale Voraussetzung für das Bauhaus schildert, wartet James-Chakraborty mit einem interessanten Vergleich von Gropius mit Henry van de Velde auf. Letzterer gründete 1906 im Auftrag des Großherzogs in Weimar eine Kunstgewerbeschule, aus der 1919 das Bauhaus hervorging. Zu den spannendsten Beiträgen gehören jene drei Aufsätze, die die Rezeption des Bauhauses und seine politischen und ideologischen Vereinnahmungen bis in die Zeit des Kalten Kriegs nachzeichnen. Dazu gehört neben der erwähnten Studie Nerdingers zum problematischen Verhältnis einiger Bauhaus-Architekten zum Dritten Reich der zweite von der Herausgeberin verfasste Essay. James-Chakraborty beleuchtet darin die zunächst zögerliche Übernahme der (ästhetischen) Prinzipien des Neuen Bauens in den Vereinigten Staaten, die vorab durch die Ausstellungspolitik des New Yorker Museum of Modern Art dezidiert gefördert wurde. In seinem Schlussbeitrag untersucht Greg Castillo demgegenüber die verschiedenen Schauplätze im Deutschland der Nachkriegszeit, an denen versucht wurde, das Bauhaus wiederzubeleben (die legendäre Hochschule für Gestaltung in Ulm ist dabei lediglich eines der skizzierten Exempel). Besonders interessant sind Castillos Ausführungen zur Rolle Gropius' während dieser Zeit, der nicht nur als kultureller Botschafter der Vereinigten Staaten in Westdeutschland auftrat, sondern auch als Berater für den Wiederaufbau des amerikanischen Oberbefehlshabers Lucius Clay.

Vier weitere Beiträge befassen sich mit dem Bauhaus und seinem politischen, ökonomischen und kulturellen Umfeld selbst. Frederic J. Schwartz, ausgewiesener Kenner des Werkbunds, untersucht die Verbindungen des Bauhauses zur Wirtschaft und Konsumkultur der Weimarer Republik. Obschon das Bauhaus Kontakte zu Industrie und Wirtschaft gesucht habe, sei es, so Schwartz, Opfer der Unbedarftheit seiner Vertreter geworden, die es versäumten, ihr intellektuelles Eigentum wirksam vor der Ausbeutung Dritter zu schützen. Auch bei Rose-Carol Washton Long geht es um das Verhältnis zwischen Hoch- und angewandter Kunst am Bauhaus, das sie am Beispiel des Widerstreits zwischen der Malerei und der Fotografie untersucht. Die Schlüsselfiguren ihrer Argumentation sind dabei Lucia und László Moholy-Nagy, die maßgeblich zur Etablierung der Fotografie als autonomer Kunstform beigetragen haben. In Wallis Millers Essay geht es dagegen um die Rolle der Architektur bzw. die Organisation der Architekturausbildung am Bauhaus. Obwohl der Baukunst von Beginn an eine übergeordnete Stellung beigemessen wurde, tat sich die Schule bekanntermaßen schwer damit, einen eigenständigen Ausbildungsgang für Architekten zu etablieren; ein solcher wurde erst 1927 mit der Ankunft Hannes Meyers eingerichtet. Juliet Koss schließlich diskutiert in ihrem Beitrag die von Oskar Schlemmer 1923 bis 1929 geleitete Theater-Werkstätte und leitet aus präzisen Bildbetrachtungen allgemeine Rückschlüsse auf das Menschenbild der Zeit ab. Diese kurzen Ausführungen machen deutlich, wie facettenreich das Bild des Bauhauses ist, das im vorliegenden Band entworfen wird.

"Bauhaus Culture" ist in der University of Minnesota Press erschienen und damit in einem Verlag, der sich in den letzten Jahren vermehrt um die Vermittlung moderner Architektur und Kunst verdient gemacht hat. Die Buchgestaltung lehnt sich an die neue Typografie an und gemahnt an die legendären Bauhausbücher. Leider lassen verschiedene der eher knapp vertretenen Abbildungen qualitativ zu wünschen übrig; ebenso ist die durchgängige Verwendung einer Groteskschrift im Lauftext der Lektüre nicht unbedingt zuträglich. Nachgerade ärgerlich ist die glücklicherweise nur partiell vorgenommene Übersetzung deutscher Eigennamen etwa von Zeitschriften ins Englische (aus "Deutsche Kunst und Dekoration" wird "German Art and Decoration", aus "Jugend" "The Youth" etc. (6)). Solche Details trüben indes das Bild einer gesamthaft sorgfältigen Edition nur wenig, die ein gutes Panorama aktueller Forschung zum Bauhaus skizziert und eigenständige Fragestellungen zu entwickeln vermag.


Anmerkung:

[1] Vgl. Winfried Nerdinger: Bauhaus-Architekten im "Dritten Reich", in: Bauhaus-Moderne im Nationalsozialismus. Zwischen Anbiederung und Verfolgung, hg. von Winfried Nerdinger in Zusammenarbeit mit dem Bauhaus-Archiv, München 1993, 153-178.

Martino Stierli